Bürgerkrieg in Syrien

Interview mit SOS-Nothilfekoordinatorin Katharina Ebel

13.04.2017 - Der Giftgasangriff und das Eingreifen der USA hat die Situation in Syrien weiter verschärft. Katharina Ebel (Nothilfe-Koordinatorin der SOS-Kinderdörfer) spricht im Interview über die Ängste der Menschen vor Ort.

Nothilfekoordinatorin Katharina Ebel ist für Projekte in Syrien und im Nordirak zuständig. Foto: Ulrich Kleiner


Frau Ebel, aktuell scheint die Lage in Syrien wieder deutlich unübersichtlicher und gefährlicher geworden zu sein. Noch kann keiner absehen, wie sich die Situation weiter entwickelt. Wie gehen die Menschen in Syrien – nach nun über sechs Jahren Krieg – mit der erneuten Eskalation um?
Die Menschen haben Angst, dass das ganze außer Kontrolle gerät. Dass die Amerikaner in den Krieg eintreten. Dass der Krieg nach Damaskus kommt. Sie befürchten, dass wenn die USA aktiver in den Krieg eintreten, die USA dann Assad in Damaskus angreifen müssen. Und damit würde es zu einem zweiten Aleppo kommen.

Wie lebt man denn mit dieser Angst? Für uns im friedlichen Europa ist das ja unvorstellbar...
Mein Kollege sagte gestern: „Weißt Du Katharina, wir können immer nur darauf warten, dass irgendetwas passiert und bei den politischen Entscheidungen, die getroffen werden, sind es immer die Zivilisten, die die Rechnung bezahlen.“ Im letzten Fall, was das Giftgas anging, waren das eben Kinder.
 

Kinder spielen mit den SOS-Mitarbeitern im Übergangsheim
Ein Stück Normalität in Kriegszeiten: Kinder spielen mit den SOS-Mitarbeitern in einer SOS-Einrichtung in Aleppo. Foto: SOS-Syrien.
Das ist das Stichwort: Syrische Kinder, die heute sechs Jahre alt sind, kennen nichts anderes als Krieg, Leid und Not. Was richtet das mit diesen Kindern an?
Sie haben Kinder, die sind entweder nie in die Schule gegangen oder sie sind jetzt 12 Jahre alt und haben vielleicht eine Schulklasse miterlebt, die können aber trotzdem nicht mehr lesen und schreiben, weil sie es wieder verlernt haben. Die Kinder haben anstatt entspannt auf Bäume zu klettern, gelernt was sie tun müssen, wenn Bomben fallen. Die wissen, wie sie Heckenschützen aus dem Weg gehen. Die haben gelernt, was Krieg bedeutet. Die haben gelernt, wie man im Krieg überlebt. Aber sie haben nicht gelernt, Kind zu sein.
 
Wie können Sie, wie können die SOS-Kinderdörfer diesen Kindern denn helfen? Was ist da – angesichts des ganzen Leids – überhaupt machbar?
Was wir versuchen ist, die Kinder mental zu stabilisieren. Wir versuchen ihnen Sicherheit und Vertrauen zurückzugeben. Auch in sich selbst. All das versuchen wir in ganz kleinen Schritten. Letztendlich versuchen wir ihnen eine unbeschwerte Kindheit zurückzugeben. Auch in den Einrichtungen, die wir dafür haben. Wir versuchen ihnen einen normalen Alltag zu geben. Einen Alltag mit Eisessen oder Schwimmengehen. Das alles versuchen wir, um den Kindern wieder Normalität zu geben.