Monsun bedroht Hundertausende Rohingyas

SOS-Kinderdörfer warnen vor nächster Katastrophe

26.03.2018 - Rund 900.000 Rohingya sind vor Gewalt und Tod aus Myanmar nach Bangladesch geflohen. Der Großteil von ihnen sind Kinder. Jetzt droht ihnen eine weitere Katastrophe: "Die einsetzende Regenzeit und der darauffolgende Monsun können zu Schlammlawinen in den Flüchtlingscamps führen. Geschieht dies, erleben diese Menschen eine weitere Tragödie innerhalb sehr kurzer Zeit“, warnt Ghulam Ishaque. Der Direktor der SOS-Kinderdörfer in Bangladesch erklärt im Interview, welche schwerwiegenden Folgen die bevorstehende Regenzeit für die Rohingya-Familien haben kann.
In einem Flüchtlingslager in Cox's Bazar in Bangladesch: Helfer der SOS-Kinderdörfer haben dort Nothilfe-Kitas für Rohingya-Kinder eingerichtet.
Wenn der Regen fällt, drohen in den Flüchtlingscamps Überschwemmungen und Schlammlawinen, das Infektionsrisiko wird ansteigen.

Herr Ghulam Ishaque, wie ist die aktuelle Lage in den Flüchtlingscamps?
In Bangladesch leben bereits rund 900.000 Rohingya und der Strom reißt nicht ab! Allein 500.000 der Flüchtlinge sind Kinder, von denen die Behörden mindestens 40.000 als unbegleitet registriert haben. Sie sind in Gefahr, Opfer sexueller Übergriffe, Zwangsheirat, Gewalt oder Kinderhandel zu werden. Die Flüchtlinge hausen hier dicht an dicht gedrängt in fragilen Hütten aus Bambus und Zeltplanen direkt an den Hängen der Hügel. Die hygienischen Zustände sind trotz der vielen Hilfsorganisationen vor Ort noch immer furchtbar und sauberes Trinkwasser ist häufig nicht ausreichend vorhanden. Mit dem Einsetzen der Regenzeit sind eine weitere Verschlechterung der hygienischen Zustände und ein Ausbruch von Krankheiten sehr wahrscheinlich. Zusammengefasst: Es ist eine menschliche Tragödie!

Welche Gefahren drohen, wenn die Regenzeit beginnt?

In einer SOS-Nothilfe-Kita: Ein Helfer betreut Kinder in einem Camp der Rohingya-Flüchtlinge in Bangladesch.
Wieder Halt finden: Ein Helfer betreut Rohingya-Kinder in einer der SOS-Nothilfe-Kitas.

Ich bin kein Nothilfeexperte, aber die Lage ist sehr besorgniserregend. Die Gegend hier ist sehr hügelig und die Flüchtlinge haben ihre Zelte an den Hängen aufgeschlagen. Die Hänge sind mittlerweile komplett gerodet, weil die Menschen Feuerholz brauchten. Somit ist der Boden ungeschützt der Erosion ausgesetzt. Wenn jetzt die Regenzeit beginnt, und die Wassermassen den Boden aufweichen, befürchte ich, dass es nur zu leicht zu Hangrutschungen kommen kann.

Es droht also eine Katastrophe innerhalb der Katastrophe?
Exakt! Selbst wenn der Katastrophenschutz sie vorwarnt, wie sollen denn all diese Menschen rechtzeitig aus der Gefahrenzone gebracht werden? Die Straßen werden durch die starken Regenfälle so schlammig sein, dass Fahrzeuge schlicht steckenbleiben. Kommt es zu Hangrutschungen, werden die Hütten an den Hängen mitgerissen werden. Das würde viele Leben kosten – allen voran das der Kinder!

Was kann unternommen werden, um die Kinder zu schützen?
Um dieses Katastrophenszenario zu verhindern, und die Menschen hier vor einer weiteren traumatischen Erfahrung zu beschützen, müssen wir uns vorbereiten - und zwar jetzt! Wir kooperieren aktuell mit anderen Hilfsorganisationen, um Evakuierungspläne auszuarbeiten. Wir suchen nach Plätzen in den umliegenden Dörfern, wo wir eine Notversorgung für Kinder bereitstellen könnten. Um im Notfall sofort reagieren zu können, haben wir zudem damit begonnen, Gelder zurückzulegen. Und wir haben die Behörden bereits jetzt informiert, damit wir keine unnötige Zeit mit Papierkram verlieren.