Nordirak: Versklavt, vergewaltigt, verwaist

Tausende jesidische Kinder nach IS-Terror traumatisiert, SOS-Kinderdörfer starten psychosoziales Pilotprojekt in Dohuk

07.06.2017 - Sie wurden als menschliche Schutzschilde, Soldaten oder Sexsklavinnen missbraucht: In der nordirakischen Stadt Dohuk leben Tausende jesidische Kinder, denen die Flucht vor der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) gelang. Die Gräueltaten der Dschihadisten haben tiefe Spuren hinterlassen: "Viele der jesidischen Kinder hier sind schwer traumatisiert und brauchen dringend psychologische Betreuung", sagt Nothilfe-Koordinatorin der SOS-Kinderdörfer, Katharina Ebel.
Junge im Nordirak
Traumatisiert: Die Kinder durchleben die Gewalt jeden Tag aufs Neue.

In der ganzen Region gebe es aber nur zwei Dutzend Psychologen, so die SOS-Mitarbeiterin weiter. Deshalb hat SOS im Flüchtlingscamp Khanke in Dohuk ein einzigartiges psychosoziales Pilotprojekt für jesidische Kinder aufgebaut, das auch vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) unterstützt wird.

Bei dem Projekt haben Psychologen der SOS-Kinderdörfer 20 Personen aus dem Camp zu Traumatherapeuten ausgebildet, um schnell so vielen Kindern wie möglich zu helfen. "Die Kinder durchleben die Gewalt, die sie erfahren haben oder mit ansehen mussten, jeden Tag aufs Neue. Es sind Motorengeräusche, schwarze Kleidung oder Bärte, die die grauenhaften Bilder immer wieder heraufbeschwören", sagt Ebel. "Viele wurden verschleppt, versklavt und vergewaltigt. Manche mussten mit ansehen, wie ihre Eltern getötet wurden. Sie sitzen zitternd und zusammengekauert in der Ecke, wenn ich die Familie besuche. Da hilft kein Zureden oder Kuscheltier mehr."

Vorbild für viele Krisenregionen

SOS-Mitarbeiterin Katharina Ebel im Gespräch mit Kindern und Frauen im Nordirak

Deshalb arbeitet die Hilfsorganisation im Nordirak mit einer speziellen Form der Traumatherapie, die von norwegischen Psychologen für Interventionen nach Katastrophen entwickelt und evaluiert wurde: Für diese Therapie müssen Helfer keine jahrelange Ausbildung machen. Vielmehr lehren sie den Kindern Techniken, damit diese das Erlebte besser verkraften können. "So werden die Kinder wieder Herr über ihre Emotionen und Reaktionen und sind ihnen nicht hilflos ausgeliefert", erklärt Ebel. "Die Therapieform funktioniert hervorragend und ist ein Vorbild für viele Krisenregionen, wo Psychologen fehlen."