Weltflüchtlingstag: Kinder nicht den Banden überlassen!

Italien wird zu einem Hauptankunftsort für Flüchtlinge

19.06.2017 - Unbegleitete Kinder und Jugendliche auf der Flucht werden besonders leicht Opfer von Entführungen und kriminellen Banden. Angesichts des Weltflüchtlingstages am 20.06. fordern die SOS-Kinderdörfer, die Kinder besonders zu schützen!
Immer wieder verschwinden Kinder und Jugendliche aus den Flüchtlings-Aufnahmezentren. Sie sind leichte Beute für kriminelle Banden. Foto: Katerina Ilievska

Laut Orso Muneghina, Leiter des Nothilfe-Programms der SOS-Kinderdörfer in Italien, ist bekannt, dass sich im Umkreis der Aufnahmezentren besonders viele Kriminelle aufhalten. Muneghina betont: "Wir erleben immer wieder, dass Kinder und Jugendliche aus den Zentren verschwinden. Nicht mal die Behörden wissen, was mit ihnen passiert. Einige setzen vermutlich ihre Flucht fort, andere werden mit hoher Wahrscheinlichkeit von Verbrechern angeworben."

Nachdem andere Flüchtlingsrouten nach Europa, zum Beispiel über Griechenland, deutlich erschwert wurden, kristallisiert sich Italien immer mehr als einer der Hauptankunftsorte heraus. Allein in den erste vier Monaten 2017 sind hier 5.200 unbegleitete Minderjährige angekommen – ein Siebtel aller Flüchtlinge, die nach Italien kamen. Europaweit waren es 2016 63.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, jeder Zehnte davon jünger als 14 Jahre.

"Viele von ihnen leiden unter enormem Stress: Sie haben Kriege oder Hunger erlebt, teils schlimme Erfahrungen auf der Flucht gemacht und müssen nun ohne Familie in einer neuen Kultur klarkommen", sagt Orso Muneghina. In dieser Situation sind die Kinder besonders gefährdet.

Zu wenig kindgerechte Unterkünfte

SOS-Mitarbeiter kümmern sich in Aufnahmezentren um Flüchtlingskinder – hier in Presevo, Serbien. Foto: Ute Hennig

Die SOS-Kinderdörfer beginnen mit ihrer Unterstützung unmittelbar nach der Ankunft der Kinder in den Aufnahmezentren. Laut Gesetz sollen sie an diesen notdürftig ausgestatteten Orten maximal für 30 Tage bleiben und möglichst schnell in eine permanente, kindgerechte Unterkunft umziehen, in der sie auch Bildungs- und Integrationsangebote bekommen. "Aber das Problem ist, dass es viel zu wenig Plätze gibt, sodass einige Kinder länger als ein Jahr in der Erstunterkunft bleiben", sagt Muneghina.

Hilfe für unbegleitete Flüchtlingskinder in der Erstunterkunft

In dieser kritischen Phase setzen die Soziologen und Psychologen der SOS-Kinderdörfer an. Sie führen Schulungen mit den Mitarbeitern der Aufnahmezentren durch, sensibilisieren sie für die spezielle Situation der Kinder, zeigen ihnen, wie sie die Kinder emotional besser unterstützen können.

Den Kindern und Jugendlichen helfen sie dabei, ihre Traumata aufzuarbeiten, klären sie über ihre Rechte und Möglichkeiten auf und vermitteln ihnen Lebenskompetenzen. Dazu gehört es, sich seiner eigenen Situation und Persönlichkeit bewusst zu werden, sich darin zu üben, mit Menschen anderer Kulturen zusammenzuleben, seine eigenen Bedürfnisse zu kommunizieren und auf die der anderen Rücksicht zu nehmen.

Kinder als Persönlichkeiten stärken

Die SOS-Mitarbeiter schauen darauf, ob ein Kind besondere psychologische Unterstützung braucht, ermuntern es, seine Talente auszubauen und unterstützen es bei der Familienzusammenführung.

Muneghina sagt: "Unsere Arbeit ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber ich bin überzeugt davon, dass wir den Kindern am besten helfen, wenn wir sie als Persönlichkeiten stärken. Das kann auch dazu führen, dass sie sich dagegen entscheiden, kriminell zu werden."