Wie können verwundete Kinderseelen heilen?

Interview zum Weltgesundheitstag 2017

06.04.2017 - Depression – diesem Thema ist der Weltgesundheitstag 2017 gewidmet. Wie können verwundete Kinderseelen heilen? Darüber spricht SOS-Pressesprecher Louay Yassin im Radio-Interview.

Tiefe seelische Wunden: Viele syrische Kinder sind schwer traumatisiert. Foto: Wilfried Vyslozil

Herr Yassin, die SOS-Kinderdörfer sind in ganz vielen Ländern der Welt vertreten. Von daher dürften vermutlich auch die Krankheiten und gesundheitlichen Probleme mit denen Sie jeden Tag zu kämpfen haben, je nach Region, sehr unterschiedlich sein. Welches sind denn Ihrer Erfahrung nach aktuell große Problemfelder im Bereich psychischer Krankheiten?
Für uns ist das Thema Traumabewältigung sehr wichtig. Das betrifft Kinder überall auf der Welt. Die Kinder zum Beispiel, die ihre Eltern verloren haben, oder missbraucht oder misshandelt wurden, und deshalb in die SOS-Kinderdörfer kommen. Und es trifft natürlich auch Kinder in Krisengebieten, die durch die Gewalt um sie herum schwerst traumatisiert sind.

Da denkt man ja unweigerlich an Syrien und die Millionen Menschen – eben auch Kinder – die seit sechs Jahren unter diesen Umständen leben oder auf der Flucht sind…
Ja, ich war erst kürzlich selbst in Syrien. Ich habe dort Kinder getroffen, die alles verloren haben. Zum Beispiel ein 5-jähriges Mädchen, in dessen Haus eine Bombe eingeschlagen ist und alle Familienmitglieder ausgelöscht hat. Das Mädchen wurde erst nach zwei Tagen aus den Ruinen geborgen und spricht – obwohl es ein halbes Jahr her ist – noch immer nicht. Oder einen 13-jährigen Jungen, dessen Eltern und Geschwister vom Onkel getötet wurden, der zum IS übergelaufen war. Viele Mädchen in Syrien wurden vergewaltigt, misshandelt und unter Drogen gesetzt.

Kann ein Kind, das so etwas erlebt hat, später irgendwann trotzdem mal ein ganz normales Leben führen? Oder bleibt das Erlebte für immer und alle Zeit präsent, ist also ein unbeschwertes Leben unmöglich?
Doch das ist möglich. Traumatisierte Kinder brauchen erstens eine liebevolle Umgebung: eine Familie oder Ersatzfamilie, die ihnen Halt gibt. Zudem brauchen sie einen geregelten Tagesablauf und Schule. Auch das gibt sehr viel Halt. Und natürlich psychologische Betreuung. Ich habe in unseren SOS-Kinderdörfern viele Kinder gesehen, die heute wieder glücklich leben können.

Und wenn diesen Kindern niemand hilft? Dann haben sie vermutlich keine Chance, oder?
Die Traumata können immer wieder aufbrechen, in Flashbacks, in Schlafstörungen, Betäubung oder Wut. Das kann bis zur Selbstzerstörung führen oder bis zur Gewalt gegenüber anderen. Schwer traumatisierte Kinder ohne Behandlung sind beispielsweise später als Erwachsene sehr viel anfälliger für extremistisches Gedankengut und Handlungen wie Selbstmordattentate.

In Deutschland musste seit über 70 Jahren kein Mensch mehr im Krieg aufwachsen, auch andere große Katastrophen blieben uns allen – zum Glück! – erspart. Dennoch haben wir ja hierzulande durchaus auch das ein oder andere Problem. Ich denke da an den Leistungsdruck, der immer früher einsetzt und – zumindest gefühlt – auch immer stärker wird. Muten wir hier unseren Kindern viel zu viel zu?
Ja! Jedes sechste Kind und jeder fünfte Jugendliche in Deutschland leidet unter hohem Stress. Die Symptome sind Einschlafschwierigkeiten, Kopf- und Bauchschmerzen oder Müdigkeit. Das sind Alarmsignale. Langfristig können daraus Depressionen oder erhöhte Aggressionen entstehen. Eltern sollten unbedingt auf diese Symptome achten.