"Mädchen mit Bildung können sich viel besser wehren!"

Interview zum Weltmädchentag

11.10.2017 - Der 11. Oktober ist Weltmädchentag. Die Vereinten Nationen haben ihn ins Leben gerufen, um auf die Rechte der Mädchen aufmerksam zu machen. Warum dies immer noch dringend nötig ist, erklärt Gitta Trauernicht, Vizepräsidentin der SOS-Kinderdörfer International, im Interview.

Bildung statt Bevormundung: Mädchen in der SOS-Schule in Bakoteh, Gambia. Foto: Claire Ladavicius

Frau Trauernicht, wie geht es den Mädchen aktuell?

In weiten Teilen der Welt gelten Mädchen immer noch weniger als Jungen – und werden auch so behandelt. Ich nenne Ihnen ein paar Beispiele: Zweidrittel aller Mädchen zwischen 5 und 14 Jahren in Entwicklungsländern leisten Haus- und Betreuungsarbeit. Die Familien schicken eher Jungen als Mädchen zur Schule, was zurzeit bedeutet, dass über 60 Millionen Mädchen im Schulalter überhaupt nicht zur Schule gehen. 750 Millionen Mädchen und Frauen sind vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet worden und bekommen häufig auch vorher Kinder.

Gibt es Länder, in denen die Diskriminierung besonders dramatisch ist?

Ich fang mal an mit dem großen Land Indien. In manchen Regionen ist die Vorstellung, dass Mädchen weniger wert sind, weit verbreitet. Das hat extreme Auswirkungen. Schon vor der Geburt werden weibliche Föten abgetrieben, nach der Geburt werden Mädchen getötet oder weggegeben. Ein anderes Beispiel: In arabischen Ländern kann die Hälfte aller Mädchen überhaupt nicht schreiben. Extrem ist auch die Genitalverstümmelung in Ländern wie Jemen, Senegal oder Sudan. Eine ganz schreckliche Maßnahme, die Folgen für das ganze Leben dieser Mädchen hat.

Die SOS-Kinderdörfer steuern dem unter anderem mit Bildung entgegen. Warum ist das so ein wichtiger Schlüssel?

Mädchen und Frauen mit Schul- und Berufsausbildung können sich viel besser gegen Bevormundung und Diskriminierung wehren – und sie tun dies auch! Frauen, die mindestens eine Grundschule besucht haben, können mehr zum Familieneinkommen beitragen und sie setzen dieses Einkommen eher als Männer für die Gesundheit und die Bildung ihrer Kinder ein. Das bedeutet, dass die Welt sich verbessern kann.

Was genau unternimmt SOS, um Mädchen und Frauen unterstützen?

Mit unseren Kindergärten, Schulen und Ausbildungsprogrammen ebnen wir den Mädchen den Weg in ein selbstbestimmtes Leben, durch sensible Aufklärung schützen wir sie vor frühen Schwangerschaften, mit verschiedenen Projekten in Afrika und Asien stärken wir alleinerziehende Frauen und unterstützen sie auf dem Weg in die finanzielle Unabhängigkeit, und darüber hinaus sind wir natürlich auch politisch tätig, beispielsweise gegen das Thema Beschneidung. Darauf bin ich sehr stolz.