Tatiana boxt sich durch!

Wie Tatiana aus dem SOS-Kinderdorf Marina Gorka lernte, mutig zu sein.

Einen Tag in ihrem Leben wird Tatiana sicher nie vergessen. Es war der Tag, an dem ihr damaliger Freund die junge Frau zum Thaiboxen mitgenommen hat. „Eigentlich wollte er, dass ich zuschaue, wie er trainiert“, erzählt die heute 17-Jährige lachend. „Aber der Trainer fragte mich: ‚Willst du auch mal auf den Sack hauen?‘ Ich dachte nicht lang nach, vielleicht hätte ich es mir anders überlegt, sondern machte einfach mit. Alle staunten!“, erzählt Tatiana und grinst. Auch der Trainer wird diesen Tag vermutlich nicht vergessen. Denn Tatiana entpuppte sich als echtes Naturtalent.
Tatiana aus Weißrussland belegt den dritten Platz in der Thaibox-WM

„Ich war nie ein Mädchen-Mädchen“, lacht die hübsche, feingliedrige junge Frau. „Ich habe meistens mit Jungs gespielt. Dass ich aber mal Thaiboxen würde, hätte ich vor dem ersten Training nie gedacht.“ Ganz im Gegenteil, innerlich war Tatiana immer eher zerbrechlich, wenig selbstbewusst, ängstlich. Das liegt vermutlich an ihrer Lebensgeschichte: Tatianas Eltern waren extrem arm, sie sahen sich außer Stande, sich um ihre Tochter zu kümmern. Das Jugendamt schritt ein und wies das fünfjährige, unterernährte Mädchen ins SOS-Kinderdorf Marina Gorka in Weißrussland ein.

Sie trainierte mit eisernem Willen

„Dort habe ich eine neue Familie gefunden. Meine SOS-Mutter ist für mich meine richtige Mutter. Und meine Geschwister in der SOS-Familie meine richtigen Geschwister“, sagt Tatiana. Dennoch habe ihr immer etwas gefehlt. „Vielleicht war es das Verständnis, warum mich meine Eltern weggegeben haben“, resümiert sie heute sehr erwachsen. „Ich bin einfach nicht darüber hinweggekommen“, versucht Tatiana ihre Gefühle zu beschreiben. Doch dann kam das Thaiboxen. Von Beginn an trainierte sie täglich mit eisernem Willen. „Es kam mir gar nicht so hart vor, denn es machte unheimlich Spaß“, erzählt Tatiana. Nach nur sechs Monaten nahm Tatiana an den weißrussischen Meisterschaften teil und gewann in ihrer Alters- und Gewichtsklasse.
Nach dem Sieg wurde sie überraschend für die Weltmeisterschaften in Schweden nominiert. Nun verlangte der Sport ihr doch einiges ab. „Ich hatte nur drei Monate Zeit und trainierte dreimal täglich: Früh, vor der Schule – denn die musste ich ja auch noch machen –, nachmittags und abends nach den Hausaufgaben nochmal. Ich war total nervös. Aber meine SOS-Mama und meine Geschwister haben mir in dieser Zeit toll geholfen. Sie haben mich wie ein rohes Ei behandelt, obwohl ich oft recht unleidig war.“

„Ich habe viel mehr Mut!“

Auch finanziell half die SOS-Gemeinschaft weiter: Der Thaibox-Verband in Weißrussland war nicht wohlhabend genug, um die Teilnahme-Gebühr und die Reise nach Schweden aufzubringen. Staatliche Unterstützung gab es nicht. Also veranstaltete kurzerhand das ganze SOS-Kinderdorf einen „Charityball“. Es wurde gekocht und dekoriert. Alle Bekannten wurden eingeladen und sollten geben, was sie konnten. Das Geld  kam zusammen. „Ich habe ein so großes Glück, diese Gemeinschaft hinter mir zu haben“, sagt Tatiana stolz. Bei der WM belegte die Newcomerin auf Anhieb den 3. Platz. „Das war super. Ich konnte Sportler aus allen Ländern kennenlernen. Und die Siegerin hat mir sogar gesagt, sie habe großen Respekt vor mir. Das hat mich fast umgehauen.“

Frieden schließen mit den Eltern

Und noch etwas anderes war mit ihr geschehen: „Vorher hatte ich so viele negative Emotionen. Aber die habe ich irgendwie weggeboxt. Und ich habe seit Schweden viel mehr Mut!“ Den neuen Mut nahm sie zusammen und besuchte ihre leiblichen Eltern. Sie sprachen erstmalig darüber, warum die Eltern sie nicht selbst aufgezogen haben. Und Tatiana konnte ihren Frieden mit ihnen machen. Nun, kurz vor Ende der Schulzeit steht sie vor neuen Herausforderungen: Tatiana will demnächst auf eigenen Beinen stehen. Sportmanagement studieren. Und natürlich will sie bei der nächsten WM gewinnen.
Das begann alles an dem Tag, als ihr Freund sie zum Thaiboxen mitgenommen hat. Der Freund war bald weg. Er kam mit Tatianas Erfolg nicht klar. Aber Tatiana hat sich mutig ins Leben geboxt.

Hilfe für Kinder in Not

Die SOS-Kinderdörfer engagieren sich in 36 europäischen Ländern für verlassene und sozial benachteiligte Kinder. Helfen Sie mit Ihrer Spende oder Patenschaft!

 Jetzt helfen!