Heilung der verletzten Seelen

Kenia: Eine SOS-Mutter erzählt, wie sie mit ihren traumatisierten Kindern umgeht

„Die meisten Kinder, die ins SOS-Kinderdorf Mombasa kommen, haben zwar Schreckliches erlebt, besitzen aber enorme Selbstheilungskräfte“, sagt Mary, seit 29 Jahren SOS-Kinderdorfmutter in Kenia. Mary Okono hat in fast drei Jahrzehnten 42 Kinder aufgezogen.
SOS-Mütter in aller Welt wissen, was ihre Kinder brauchen.
„Alle Kinder sehnten sich nach Heilung ihrer verletzten Seelen“, erzählt Mary. Emmie und Jessica zum Beispiel, zwei Schwestern aus dem Kenianischen Hochland, kamen mit vier und fünf Jahren in Marys Familie. Ihre Mutter war alleinerziehend und starb nach langer Krankheit. Die Großmutter, schwere Alkoholikerin, kümmerte sich nicht um die Kinder, sie litten Hunger und waren schwer vernachlässigt.
„Die beiden haben lange gebraucht, um sich an unsere Familie zu gewöhnen”, erinnert sich Mary. „Sie waren unterernährt, aßen aber kaum. Wochenlang saßen sie beieinander, hielten sich stumm und ängstlich in den Armen und sahen ihren Geschwistern beim Spielen zu.“

Geschwister helfen sich gegenseitig

Während eines Spiels begannen die beiden plötzlich zu erzählen. Sie erinnerten sich an ihr Dorf, die Ziegen, Kühe und die wilden Tiere. Wie ein Elefant einmal einen Mann gejagt hatte. „Die Geschichten waren spannend“, sagt Mary. „Und die anderen Kinder liebten es, ihnen zuzuhören.“
Überhaupt, meint Mary, spielen die Geschwister eine tragende Rolle. „Ich lege sehr viel Wert darauf, dass die Kinder sich mit Respekt behandeln und sich gegenseitig helfen. Das schafft zusätzliche Stabilität.“

Geduld, Liebe und Zeit

Caroline kam im Dezember 2008 mit vier Jahren in Marys Familie. „Sie tat mir unendlich leid. Ihre Mutter war HIV-positiv, im Gefängnis und starb kurz vor Weihachten. Die Großmutter hat sie einfach ausgesetzt. Caroline hat tagelang geweint, und nichts gegessen. Manchmal hat sie sich in einer Zimmerecke zusammengerollt und geschrien. Das war hart, vor allem für die anderen Kinder.“

In ihrer Ausbildung hat Mary gelernt, mit schwer traumatisierten Kindern umzugehen. Zusätzlich wurde Caroline von einer Psychologin betreut. „Jeder Schrei ist letztlich ein Schrei nach Liebe“, erkannte Mary damals. „Das vergisst man oft, denn schreiende Kinder machen einen hilflos, manchmal wütend. Ich habe Caroline viel Geduld, Liebe und Zeit geschenkt. Und dann wurde es irgendwann besser. Das ist es, warum ich meinen Beruf so liebe: An diesen kleinen, verletzlichen Menschen sieht man, dass Liebe alles bewirken kann. Wirklich: Alles!“