In den Schuhen von …

… Anton Bakanin

Wie leben Menschen in anderen Ländern? Wie verbringen sie ihre täglichen 24 Stunden? In einer losen Serie schildern SOS-Mitarbeiter einen Tag in ihrem Leben – vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Diesmal: Anton Bakanin, Mitarbeiter des SOS-Kinderdorfes Kandalaksha, Russland.

7 Uhr: Der Wecker klingelt

SOS-Mitarbeiter Anton Bakanin nimmt ein Selfie im Badezimmer auf.
Anton Bakanin erzählt uns von seinem Tag. Der Start: Natürlich im Badezimmer. 

Ich liebe die Morgenstunden, aber trotzdem brauche ich meist eine Weile, um wirklich wach zu werden. So auch heute. Rita, meine Frau ist schon vor mir aufgestanden und damit beschäftigt, sich zu schminken und das richtige Outfit zusammenzustellen. Wie so oft, bin ich froh, dass all das bei mir viel schneller geht: Anziehen, Waschen, Zähneputzen in zehn Minuten.

Auch über mein Frühstück muss ich nicht lange nachdenken, weil ich meist das gleiche esse: Haferflocken mit Milch und Zucker, eine Banane, ein Käsebrot und eine Tasse Tee. Das ist schnell zubereitet, gesund und hält mich satt bis mittags. Mein 6-jähriger Sohn Maxim frühstückt mit mir. Meist hat er noch nicht viel Hunger, nimmt eine Tasse Tee und ein paar Kekse. Später, im Kindergarten, wird er noch ein reichhaltiges Frühstück bekommen.

8:10 Uhr: Zeit aufzubrechen

Maxim und ich verabschieden uns mit einem Kuss von Rita, die kurz nach uns das Haus verlassen wird. Sie arbeitet in einer Apotheke. Kandalaksha, die Stadt, in der wir leben, liegt ganz im Norden Russlands, sie ist klein und unsere Wege sind kurz. Der Kindergarten ist nur 200 Meter entfernt und liegt auf meinem Weg zur Bushaltestellte. Ich weiß noch, wie es Maxim früher geliebt hat, wenn ich ihn auf meinen Schultern hierher getragen hab. Ach, Kinder werden so schnell groß!

Im Kindergarten zieht sich Maxim rasch die Jacke aus und wird schon von Freunden zum Spielen aufgefordert. In wenigen Minuten werden sie in die Turnhalle für ihren Morgensport gehen. Wir verabschieden uns mit unserem üblichen Ritual, einer festen Umarmung.

Pünktlich um halb neun kommt der Bus, der mich in die Stadtmitte bringt, wo sich das SOS-Kinderdorf befindet.

8:50 Uhr: Die Arbeit beginnt

Andrej, mein Kollege, mit dem ich mir ein Zimmer teile, ist bereits da. Wir begrüßen uns, dann schalte ich den Computer an, werfe einen kurzen Blick auf meine Emails und gehe zur Konferenz. Jeden Morgen um Punkt neun Uhr treffen wir uns im Büro des Dorfleiters und besprechen kurz den Tag: Wer hat was vor? Wo können wir uns unterstützen? Ich finde solche täglichen Absprachen hilfreich, um die Arbeit bestmöglich zu koordinieren – auch, wenn manche der Ansicht sind, dass der eigentlicher Zweck ist sicherzustellen, dass alle Angestellten pünktlich kommen.

Anton arbeitet im SOS-Kinderdorf Kandalaksha in Russland. Foto: Britt Schumann

Die nächsten acht Stunden verbringe ich damit zu arbeiten: Ich bin zuständig für die Betreuung der Paten. In den letzten Wochen hatten meine Kollegen und ich Hochkonjunktur: Wir haben hunderte von Briefen an Paten aus der ganzen Welt geschrieben und ihnen ein Update über die Ereignisse und Entwicklungen der letzten sechs Monate gegeben. Inzwischen haben wir das meiste geschafft und es geht etwas ruhiger zu.

Ich verfasse einen Text über eins unserer Kinder, den ich an meine Koordinatorin Anna in Sankt Petersburg schicke. Dann gehe ich ins Dorf und mache Fotos von einer der Familien. Bis September muss ich alle Familien fotografiert haben, dann werden wir das 15-jährige Bestehen des Dorfes feiern und möchten die Fotos in unserer Halle ausstellen. Zurück im Büro schreibe ich weitere Emails, übersetze und redigiere, fülle Formulare aus und schreibe erneut Emails. Ganz schön viel Zeit, die ich am Computer verbringe! Aber das soll keine Beschwerde sein: Mein Job gibt mir die Möglichkeit, kreativ und flexibel zu arbeiten – ich habe großartige Kollegen und ich bin überzeugt von dem, was ich tue!

Der Nachmittag ist ganz entspannt, ich schreibe einen weiteren Text, fotografiere noch eine Kinderdorf-Familie und schaue auf die Uhr:

Huch, schon 17:30 Uhr: Zeit nach Hause zu gehen

Antons Sohn auf einem Straßenfest in Kandalaksha
Antons Sohn tobt sich nach dem Kindergarten auf einem Straßenfest aus.
Um 18 Uhr hole ich Maxim ab. In Russland haben die Kindergärten bis 19 Uhr geöffnet, aber wir versuchen, Maxim möglichst früh zu holen. "Papa, ich bin ein Wolverine!", ruft er mir zu und streckt mir seine Hand entgegen. Aus Draht hat er sich Krallen gebaut.

Als wir auf dem Heimweg über einen Platz gehen, stellen wir überrascht fest, dass hier ein kleiner Jahrmarkt aufgebaut ist mit Karussell, Zelten, Spielen und Süßigkeiten – stimmt: Heute feiert die Stadt den Tag der Jugend!  Wir bleiben eine Weile dort, Maxim macht bei verschiedenen Spielen mit, Rallyes, Farbwerfen, Ballonschlagen. Am Ende bekommt er noch eine besondere Kaugummi-Packung: Wer versucht, einen Kaugummi zu nehmen, bekommt einen kurzen Stromstoß. Ich bin sein erstes Opfer. Wow, ganz schön stark!

Gegen 19 Uhr kommen wir nach Hause

Meine Frau ist um diese Zeit noch bei der Arbeit. Maxim und ich essen zusammen, danach spielen wir meistens etwas, schauen uns Cartoons im Fernsehen an, albern herum oder unterhalten uns über unseren Tag.

20 Uhr: Das abendliche Training beginnt

Ich liebe Sport und versuche, mindestens viermal die Woche zu trainieren: Gewichte zu heben, mich zu dehnen oder, wie heute, Balance-Übungen zu machen unter anderem im Handstand. Ich kann das nur empfehlen, es hilft, in Form zu bleiben, Kontrolle und Stärke zu entwickeln! Hin und wieder macht Maxim auch mit.
Anschließend bringe ich Maxim ins Bett.

22 Uhr: Meine Frau Ria kommt nach Hause

Rita ist müde von ihrer 12-Stunden-Schicht. Wir essen noch eine Kleinigkeit zusammen und gehen ins Bett.

23 Uhr: Wir machen das Licht aus

Gute Nacht zusammen!