"Ich war erschüttert"

SOS-Vorstand Wilfried Vyslozil besucht ein Kinderheim in Weißrussland

Im "Kinderheim Nr.1" in Minsk versorgen SOS-Mitarbeiter todkranke und verlassene Kinder.
Freiwillige Helfer kümmern sich liebevoll um Kleinkinder mit Behinderung, Sozialwaisen oder todkranke Kinder

Von außen ist das „Kinderheim Nr. 1“ in Minsk unscheinbar. Diese Institution geht zurück auf die Zarenzeit. Und besteht noch heute. 90 kranke Kinder oder solche mit Behinderungen im Alter bis zu vier Jahren finden in diesem staatlich geführten Heim Platz. Zudem gibt es rund 20 Palliativplätze für Kinder. Dazwischen Sozialwaisen, die aus ihrem Elternhaus genommen werden mussten.

SOS engagiert sich schon seit Jahren im „Kinderheim Nr. 1“: Die Heim-Mitarbeiter erhalten methodische Hilfe, psychologische Beratung, Lehrmaterialien und Zusatzausbildungen, um den Kindern nicht nur medizinisch helfen zu können, sondern sie auch besser zu betreuen.

Man darf Kinder nicht einfach verwahren

Denn fast so überkommen wie das Gebäude sind auch die weißrussischen Gesetze zur „Kinderaufbewahrung“. So sagt das Gesetz, dass Kinder unter vier keine Betreuer brauchen, sondern nur medizinisches Pflegepersonal. Diese Heime unterstehen dem Gesundheitsministerium. Das sieht vor, dass man sich um die Körper der Kinder kümmert. Die Seele der Kinder ist für das Gesetz unerheblich. Ab vier Jahren werden Kinder in andere Heime verlegt. Die sind dem Erziehungsministerium unterstellt. Und erst dann spielt auch die Psyche der Kinder gesetzlich eine Rolle.

Wir kommen in einen großen Raum, aus dem es schon von weitem fröhlich schallt: 25 Kinder und eine Handvoll Erwachsene haben dort viel Spaß. Einige Erwachsene haben sich verkleidet mit Eisbärenmasken. Es wird getanzt, erzählt, gespielt und gekuschelt.

Alle Erwachsenen sind Volontäre. Sie kommen regelmäßig und spielen mit den Kindern. Balsam für die kleinen Seelen. Auch dies ist ein von uns angestoßenes Programm. Wir wollen in „Kinderheim Nr. 1“ dem Staat ein Beispiel dafür geben, dass man Kinder nicht einfach verwahren darf. Die leuchtenden Augen der Kinder in diesem Raum zeigen, wie richtig wir liegen.

Sterbenskranke Kleinkinder

Dann werden wir durch die Palliativ-Station  geführt. Alte, aber blitzblanke Räume, helle freundliche Vorhänge. Überall sehe ich ausgebildete und warmherzige Pflegerinnen, die deutlich mehr tun, als sie müssten.

Trotzdem war ich in meinen SOS-Jahren kaum jemals so erschüttert wie im „Kinderheim Nr. 1“. Die Bilder dieser Station setzen mir noch heute zu: sterbenskranke Winzlinge an alten Beatmungsgeräten. Dazwischen spielen Kinder, die kurzfristig wegen Gefahr an Leib und Leben per Gerichtsbeschluss hierher gebracht wurden. Sie wissen nicht, was sie erwartet. Und das kann man an ihren Augen und an ihrem unentschlossenen Spiel ablesen.

Familie statt Institution

Die Blicke der Angestellten wechseln zwischen Stolz und Trauer. Stolz darauf, dass hier viel mehr getan wird für Kinder als in anderen weißrussischen Institutionen gleicher Art. Aber sie wissen auch, dass das längst nicht genug ist.

Institutionen sind nie gut für ein Kind. Kleinere familiäre Einheiten sind umso vieles besser. Sie ermöglichen Beziehungen, das Erlebnis von Geborgenheit und Bindung. Deshalb arbeiten unsere SOS-Kolleginnen und -Kollegen in Weißrussland mit Nachdruck daran, dass in ihrem Land derartige Institutionen durch andere Betreuungsformen ersetzt werden.

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