Mütter an die Macht!

SOS-Mitarbeiterin Katharina Ebel ist in Syrien zwei Frauen begegnet, die für ihre Kinder alles geben

Ich komme gerade aus Syrien zurück und tauche langsam wieder aus der Dunkelheit auf, die sich dort jeden Tag mehr um mich legte. Ich beginne die Zerstörung und die Schicksale hinter den Ruinen zu begreifen. Was mir dort Respekt und Tränen abgerungen hat, waren die Mütter. Mütter, die sich trotz Vertreibung, eigener Trauer, Tod und Angst jeden Tag für das Wohlergehen ihrer Kinder einsetzen. Ich sprach mit meiner SOS-Kollegin Rasha (39) und mit Fatme (33). Zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und die eine Gemeinsamkeit teilen: den Krieg und die ständige Angst um ihre Kinder.
Mutter mit Tochter in Syrien. Foto: Alea Horst
Fatme verlor ihren Mann und wurde brutal von ihren Kindern getrennt. Sie kämpfte um ihre Familie – und nun jeden Tag darum, dass das Leben irgendwie weitergeht. Foto: Alea Horst

Rasha ist wie eine Wundertüte. Sie kommt aus der privilegierten Oberschicht Syriens. Der Vater Architekt, der Mann vor dem Krieg in der Ölbranche. Zwei kleine Söhne. Sie steht vor mir mit ihrem jugendlichen Aussehen, in Sneakers, Lederjacke und den typisch arabisch gezupften Augenbrauen und erklärt mir lachend, wie sie hier in der Bar in Old Damaskus auf den Tischen tanzt. In dem Moment denke ich, der Krieg hat sie verschont. Doch wie sehr ich mich irre.

Der Bürgerkrieg in Syrien verschont niemand. Auch wenn das Leben von Rasha auf den ersten Blick "normal" wirkt, die Kämpfe haben auch sie und ihre Kinder stark getroffen. Foto: Alea Horst

Fatme ist Mutter von vier Kindern. Das jüngste gerade einmal drei Jahre alt. Ihr Zuhause ist ein fensterloser Rohbau ohne Strom und Toilette. Ihr freundliches Gesicht wirkt alt und gezeichnet unter dem Kopftuch. Ihre Hände sind hart und rau von der Arbeit. Als ihr Mann 2015 in den Kriegswirren verschwand, kamen Kämpfer zu ihr, zerrten sie und ihre Kinder aus dem Haus und verhafteten Fatme. Sie wollten Druck auf ihren Mann ausüben. Kurze Zeit später fanden sie seine Leiche. Fatme jedoch blieb in Haft. "Ich glaube, sie hatten mich vergessen", sagte mir Fatme einmal. Sie trennten sie von ihren Kindern und ließen sie mit ihren Sorgen und Ängsten neun Monate in dem Loch, das sie gefangen hielt, vergammeln. Ich kann mir nicht einmal im Ansatz ausmalen, welche Albträume Fatme durchlebt haben muss. Allein die Vorstellung nicht zu wissen, was mit meinen Angehörigen oder Freunden passiert ist ... Aber nicht zu wissen, wie es den eigenen Kindern geht? Ich glaube, keine Folter der Welt kann für eine Mutter schmerzhafter sein.

"Wenn es plötzlich Bomben regnet"

Der Alltag ist in Aleppo zurückgekehrt, doch Not prägt das Leben der meisten Mädchen und Jungen in der zerstörten Stadt. Foto: Alea Horst

Rashas Gesichtsausdruck wechselt plötzlich. Die feinen Linien in ihrem Gesicht werden tiefer und ich sehe, wie die Erinnerungen in ihr aufsteigen. Wir sitzen beim Frühstück in dem Garten ihrer Familie. Es gibt syrische Spezialitäten, die Frauen trinken Mate. Die Straße ist nach der Familie benannt – weil sie so groß ist. "Ich kannte keinen Krieg. Und ich hätte mir nie im Leben vorstellen können, was in einem vorgeht, wenn es plötzlich Bomben regnet und du deine Kinder gerade zuvor zum Abschied geküsst und in den Schulbus gesetzt hast." Jeden Tag wartet Rasha eine zähe Stunde lang auf den Anruf ihrer Söhne, dass sie heile angekommen sind. In der Zeit steht für sie die Welt still. "Ich wollte meine Jungs immer beschützen und holte sie selber mit dem Auto von der Schule ab. Dann explodierte der Armeebus hinter uns", erzählt sie mir, während sie die dritte Zigarette anzündet. Rasha trafen Splitter. Ihr Blut durchtränkte ihre Hose. Hinten schrien die Kinder. Erst zu Hause, als sie die Bilder im Fernsehen sah, begriff sie, was passiert war.

Ich habe keine Kinder. Aber ich kann mir vorstellen, dass einen die Erkenntnis, deine eigenen Kinder nicht beschützen zu können, trifft wie ein Schlag. Ich glaube, es wäre diese Ohnmacht, die mich um den Verstand bringen würde. Rasha und Fatme bringt sie nicht um den Verstand. Sie sind stark für ihre Kinder. Als ich Rasha frage, wie sie das alles aushält, sagt sie nur: "Ich kann es mir nicht leisten Schwäche zu zeigen. Die Kinder orientieren sich an mir. Alles andere wäre fatal. Weinen kann ich, wenn sie schlafen."

Mütter kämpfen für ihre Kinder

Die Spuren der Kämpfe sind allgegenwärtig: Tanzende Kinder vor einem beschädigten Haus in Aleppo. Foto: Alea Horst

Während Rasha mir ihre Geschichte erzählt, wird mir klarer als je zuvor, dass der Krieg niemanden verschont. Geld hilft, einen Plan B zu haben, und es ist leichter, wenn es darum geht, den Alltag zu bestreiten. Aber es schützt niemanden vor der blinden Wut einer Bombe. Was die Mütter alle persönlichen Grenzen überschreiten lässt, ist die pure Sorge um ihre Kinder. Diese Angst lässt Menschen wie Fatme an Orte zurückkehren, an denen sie Grausames erlebt hat. Es lässt sie den Mut aufbringen, von ihren Peinigern Infos über den Aufenthaltsort ihrer Kinder zu fordern – so lange bis sie diese wieder in die Arme schließen kann. Es ist Liebe, die Frauen wie Rasha in Gefahrensituationen trotz eigener Verletzungen einfach Gas geben lässt, um ihre Söhne aus der Gefahrenzone zu bringen. Fatme würde hier zu mir sagen: "Du kannst nur weitermachen. Stehenbleiben ist keine Option."

Ich bin der festen Überzeugung, dass so eine uneigennützige Liebe, wie Frauen wie Rasha und Fatme sie aufbringen, in der Lage ist, selbst Kriegsgräuel zu überwinden. Weil sie wissen, für wen sie über sich hinauswachsen. Weil ihr Antrieb durch nichts und niemanden gebrochen werden kann. Ich glaube, wenn Mütter für ihre Kinder kämpfen, sollte man sich in Acht nehmen. Denn dann wird es kompromisslos. Es gäbe keine halbgaren Friedensabkommen, kein Ringen um wirtschaftliche Interessen oder Kriege getrieben von Ehre und Gier. Es ginge allein um die Interessen der Kinder, deren Kindheit und Zukunft. Jeden Tag, in jeder Situation.
Zum Muttertag wünsche ich mir deshalb nur eins: Mütter an die Macht!

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