Nata kämpft um ihr Baby

Die SOS-Kinderdörfer in Weißrussland helfen Teenager-Müttern aus dem Elend

Etwa 21 von 1000 Müttern in Weißrussland sind bei der Geburt des Kindes minderjährig. In Deutschland sind es acht. Viele junge Mütter in Weißrussland werden vom Kindsvater verlassen und geben ihr Baby emotional und finanziell überfordert in ein Heim. Dort erhalten die Kinder oft keine Betreuung, sondern werden lediglich „verwahrt“.
Nata mit ihrem Baby im Elternhaus bevor sie zu SOS kam. Sie hat es dank SOS geschafft, ihre kleine Familie trotz Armut, Gewalt und Bürokratie zusammen zu halten.

„Meine eigene Familie wird liebevoll und glücklich sein!“ Das schwor sich Nata als sie zwölf Jahre alt war und es in ihrem Zuhause Streit und Schläge statt Fürsorge und Familienzusammenhalt gab. Sie wuchs als Älteste von fünf Geschwistern auf und musste früh erwachsen werden. Obwohl Nata lieber mit ihren Schulkameradinnen gespielt hätte, putzte und kochte sie und übernahm die Verantwortung für ihre jüngeren Brüder und Schwestern - ihrer Mutter zuliebe, die regelmäßig von ihrem Mann verprügelt wurde und trank, um den Schmerz zu betäuben.

Teenager-Träume

Während Nata den Haushalt erledigte, träumte sie von einem lieben Partner, mit dem sie ein glückliches Leben führen würde. Mit 14 lernte sie den ein Jahr älteren Denis kennen und verliebte sich Hals über Kopf. Doch bereits elf Monate später endete die Jugendliebe – blieb allerdings nicht folgenlos: Erst im siebten Monat bemerkte die 15-Jährige ihre Schwangerschaft. Ein Schock – zumal Denis und seine Familie jegliche Unterstützung für das Baby ablehnten.

Dennoch war Nata froh, als zwei Monate später ihr kerngesunder Sohn Nikita geboren wurde. Doch zwei Tage nachdem sie aus dem Krankenhaus gekommen war, nahm ihr der Staat Nikita weg. Gewalttätiger Großvater, alkoholabhängige Großmutter, vier weitere Kinder und eine total überforderte minderjährige Mutter unter einem Dach waren keine geeignete Umgebung für ein Baby.

Die Mitarbeiter der weißrussischen Behörde ignorierten deshalb Natas Flehen, ihr Kind behalten zu dürfen. Auch als Nata gemeinsam mit ihrer Mutter – die zu diesem Zeitpunkt erst 34 Jahre alt war – im Kinderheim darum bat, ihren Sohn sehen zu dürfen, wurde sie mit herzlosen Worten nach Hause geschickt: „Hier stehen die Menschen Schlange, um Nikita zu adoptieren. Fahrt heim, dort warten genügend Kinder, um die ihr euch kümmern könnt!“

Kampf ums eigene Kind

Doch Nata gab nicht auf: Drei Monate lang kämpfte sie dafür, Nikita zurückzubekommen. In dieser Zeit hörte sie vom Krisenzentrum der SOS-Kinderdörfer. Es ist die einzige Einrichtung in Mogilev, in der junge, mittellose Mütter gemeinsam mit ihrem Baby leben können. Mithilfe von SOS bekam Nata ihren Sohn zurück und konnte ins dazugehörige Mutter-Kind-Haus ziehen. Aber damit war der Kampf um Nikita noch nicht gewonnen: Die weißrussische Regierung verlangt, dass minderjährige Mütter finanziell unabhängig sind. Andernfalls wird ihnen das Sorgerecht entzogen. Weil Nata weder ein eigenes Einkommen noch eine Wohnung vorweisen konnte, übernahmen Mitarbeiter des Krisenzentrums die Vormundschaft für Nikita, sodass die beiden im Mutter-Kind-Haus von SOS wohnen bleiben konnten.

Auf in ein neues Leben

Danach halfen die SOS-Sozialarbeiter Nata dabei, ihre Situation zu verbessern: Die Teenager-Mama lernte, für ihren Säugling zu sorgen. Auch mit Natas Mutter arbeiteten sie intensiv zusammen. Mit Erfolg: Sie hörte auf, Alkohol zu trinken und begann, sich engagiert um ihren Nachwuchs und ihr Enkelkind zu kümmern. Außerdem konnte sie durch die Hilfe des Krisenzentrums den gewalttätigen Ehemann verlassen und zusammen mit ihren vier Kindern eine Zwei-Zimmer-Wohnung beziehen, während Nata mit Nikita ein eigenes Apartment mietete. Im Anschluss erhielt Nata noch ein Jahr lang finanzielle Unterstützung von SOS. Dadurch war es Nata möglich, ihre Ausbildung zur Friseurin an der Berufsschule in Mogilev abzuschließen. Danach absolvierte sie Weiterbildungskurse im Bereich Kinderbetreuung.

Als Nikita drei Jahre alt wurde und in den Kindergarten gehen konnte, hatte Nata das große Glück, dort einen Job als Assistentin des Erziehers zu erhalten. Nicht nur das: Wenige Wochen später lernte sie Alexander kennen. Der junge Mann akzeptierte Nikita, als wäre es sein eigener Sohn und ein Jahr später heirateten die beiden. Ihre Tochter Milana macht die Familie komplett.

Mittlerweile ist Nata, die sich neben ihrem Beruf als Erzieherin ab und zu als Friseurin etwas dazu verdient, finanziell unabhängig, aber die SOS-Mitarbeiter halten bis heute Kontakt zu ihr und freuen sich zu sehen, dass Nata mit nur 20 Jahren die Talfahrten ihres jungen Lebens überstanden hat.

Die SOS-Kinderdörfer weltweit unterstützen mit dem „Happy Baby“-Projekt in Minsk junge Mütter in Not. Leiterin des Projekts ist Irina Shmak. „Zu uns kommen keine alkoholkranken und drogensüchtigen Frauen. Es sind oft junge Mädchen, die allein und überfordert sind und von ihren Familien nicht unterstützt werden. Für sie ist eine Schwangerschaft eine extreme Stresssituation. Die 20-jährige Medizinstudentin Valeria ist eine der Mütter, die Hilfe im Mutter-Kind-Haus fand. Sie wurde als Schwangere von ihrer Familie verstoßen und stand kurz vor einer Verzweiflungstat.

Zwei Kleinkinder des "Happy-Baby"-Projekts in Weißrussland. SOS steht jungen Müttern in Not und ihren Babys bei. Foto: SOS-Archiv
 

Hilfe für junge Mütter und Kleinkinder in Not

Dank des „Happy Baby“-Projekts konnte sie ihre kleine Tochter behalten. Jetzt haben die beiden dank SOS wieder eine Perspektive und neuen Lebensmut bekommen. Das „Happy Baby“-Projekt will mit Präventionsarbeit junge Mütter während der ersten Lebensjahre der Kinder unterstützen. Die Mütter werden geschult, wie sie sich alleine um ihr Baby kümmern können. Außerdem unterstützt SOS die jungen Mütter bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz.