"Der Zyklon hat uns alles genommen"

Vor drei Wochen brach Zyklon "Idai" über die Menschen in Mosambik herein. Ihre Lage bleibt verzweifelt. Die SOS-Kinderdörfer stehen Kindern und Familien bei. SOS-Helferin Katharina Ebel berichtet aus der zerstörten Hafenstadt Beira.
Unzählige Familien in Mosambik stehen nach dem Zyklon vor dem Nichts.
Wie es weitergehen soll? Die meisten wissen es nicht. Unzählige Familien stehen nach dem Zyklon vor dem Nichts. Die SOS-Kinderdörfer helfen durch lebensrettende Soforthilfe und durch Unterstützung beim Wiederaufbau in den nächsten Monaten.

"Es geht mir gut. Nein, eigentlich bin ich nur froh, dass das Haus steht. Alles andere ist Schmerz", sagt Maria Buoa, während sie mit durchgedrückten Rücken vorangeht. Maria und ihre Familie hat der Zyklon "Idai" besonders schwer getroffen. "Als der Sturm kam, hatten wir uns alle in diesem Haus versammelt. Ich wiegte einen der einen Monat alten Zwillinge in meinen Armen. Der Sturm riss an dem Haus, Teile flogen davon und Wasser kam überall durch die Fenster. Wir hatten uns an die Wände gedrückt. Plötzlich fing das Baby aus dem Mund an zu bluten. Die Kleine starb in meinen Armen."

Helferin im Katastrophengebiet: Katharina Ebel mit Kindern in Beira. Foto: Cornel van Heerden

14 weitere Familienmitglieder Marias riss der Zyklon mit sich, als er seine nassen Klauen nach der Hafenstadt Beira ausstreckte. Der Sturm fegte Menschen, Häuser, Autos und Bäume von der Oberfläche. Für die Menschen eine Katastrophe. Viele leben in extremer Armut. Sturm und Flut haben ihnen nun noch das letzte Bisschen Existenz geraubt. Saatgut, Ernte, Vieh oder Verkaufsgüter. Alles weggefegt. Vielen Familien bleibt eine Tasse Reis am Tag mit ein wenig Gemüse oder Wurzeln, wenn sie Glück haben. Die meisten gehen hungrig schlafen. Wie es weitergehen soll? Die meisten wissen es nicht. Sie leben von einem Tag auf den nächsten, tauschen und verkaufen Kleinigkeiten wie Reisigbesen, um Centbeträge zu erwirtschaften, um die Kinder am Leben zu halten.

Juan (4) vermisst seine Schwester

SOS versorgt Familien mit Hilfsgütern.

"Wir hatten Stück für Stück an unserem Haus gebaut. Als Dach und Böden endlich fertig waren, kam der Zyklon und nahm uns alles." Maria Buoa weint nicht. Sie sitzt da mit versteinerter Miene während eines der Kinder an ihrer Brust nuckelt. Dem Vierjährigen Juan laufen Tränen über die Wangen. Der Kleine weint fast nur noch seit der Nacht. "Er vermisst seine Schwester", sagt Maria.

Es ist seltsam wie Maria erzählt. Gerade so, als ob sie über jemand anderen berichten würde. Distanziert und ohne große Regung. Ansonsten scheint die Frau mit dem durchgedrückten Rücken und dem wachen Blick eher unbedingt etwas tun zu müssen. Stillsitzen fällt ihr schwer.

"Es war grauenhaft, ich musste einfach helfen"

"Wichtig ist, jetzt für die Familien da zu sein." Norah Brinkerhof, SOS-Traumapsychologin, spricht mit einer Mutter.

"Was auf den ersten Blick vielleicht abgebrüht wirken mag, sind die Auswirkungen der traumatischen Ereignisse, erklärt Norah Brinkerhof, Traumapsychologin der SOS-Kinderdörfer. "Nach so einem Ereignis reagieren Menschen mit Verdrängung oder dissoziieren. Das heißt, sie verbannen nicht zu ertragende Ereignisse aus dem Gedächtnis. Wir müssen hier jetzt sehr behutsam sein und Frauen wie Maria in der ersten Phase unterstützen, sich auf ihre Stärken zu konzentrieren, und ihnen Mut machen. Die Menschen brauchen Zeit, um das Geschehene zu verarbeiten. Wir reagieren völlig unterschiedlich auf Stress. Einige ziehen sich zurück andere werden sehr aktiv. Es gilt herauszufinden, was dem einzelnen guttut. Den meisten wird die Verarbeitung erstaunlicherweise mit ein bisschen Hilfe gelingen. Andere werden mehr psychologische Hilfe benötigen. Aber wichtig ist, jetzt für die Familien da zu sein."

Maria bleibt aktiv. "Ich war in dem Cholerazentrum, um zu helfen, die Kranken mit Wasser zu versorgen. Da wurden die Toten in schwarze Planen gehüllt und abtransportiert", berichtet Maria. "Es war grauenhaft, aber ich musste einfach helfen. Es gibt immer Menschen denen es noch schlechter geht." Es ist gefährlich seit Idai. Sauberes Trinkwasser gibt es kaum in den Armenvierteln.

Zahl der Cholera-Fälle in Mosambik steigt dramatisch

Die Zahl der Cholera-Erkrankten steigt aktuell sprunghaft. Fünf vor drei Tagen, am nächsten Tag schon hundert und gestern gab die Regierung mehr als 1000 registrierte Fälle bekannt. Die Zahl der Toten ist nicht bekannt. "Wir haben nicht einmal Seife. Ich koche das Wasser ab. Aber wir brauchen dringend Wasserentkeimung. Ich kenne mich mit Cholera aus und weiß, was ich zu tun habe. Aber wir brauchen Hilfe."

Kampf gegen die Seuche

SOS-Mitarbeiter stellen Hilfsgüter zusammen. Doch das ist erst der Anfang: SOS wird Familien beim Neuanfang unterstützen.

Aktuell arbeiten Hilfsorganisationen und Gesundheitsministerium auf Hochtouren, um die nächste Katastrophe zu verhindern. Die SOS-Kinderdörfer und andere Organisationen verteilen Seife, Trinkwasser und Wasserentkeimung an Familien, um eine Verbreitung der Seuche zu verhindern und die Familien zu schützen. Unicef startet ab heute eine 8-tägige Cholera-Impfkampagne. Jeder Einwohner Beira muss geimpft werden, um die nächste Todeswelle zu verhindern.

Unterstützung beim Wiederaufbau

SOS verteilt zudem an 700 Familien Nahrungsmittel, Moskitonetze und eine Erstausstattung für den Neustart. In den nächsten Monaten wird ein breitflächiges Wiederaufbauprogramm die Familien unterstützen Häuser und Existenzen wiederaufzubauen. Mitarbeiter wurden in psychologischer Erstintervention geschult, um betroffene Eltern und Kinder auffangen zu können und im Notfall psychologische Unterstützung zu organisieren.

Kind aus Mosambik

Hilfe für Kinder in Mosambik!

Schutz, Nahrung, Betreuung: Helfen Sie Kindern und Familien, die durch den Zyklon und die Überschwemmungen alles verloren haben. 

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