Darf es mir gut gehen?

Mir geht es gut! Ein schlichtes Bekenntnis, aber darf man das überhaupt noch sagen? In einer Welt mit so vielen Krisen und Kriegen, mit Armut und großer Not? Wilfried Vyslozil, Vorstandsvorsitzender der SOS-Kinderdörfer weltweit, über Wohlstand und Gewissen.

 

Die Globalisierung hat uns zusammenrücken lassen und das Ferne deutlich näher geholt. Vielen Menschen ist heute allzu bewusst, dass unser Leben ein Teil des großen Ganzen ist. Dass zum Beispiel unser Kaufverhalten Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen in fernen Ländern hat, oder die Interessen einzelner Staaten maßgeblichen Einfluss auf Dauer und Ausmaß von Kriegen haben.

Aber dann stehen wir da mit unserer Erkenntnis, und was tun damit? Manche bekommen ein schlechtes Gewissen. Sie fühlen sich mitschuldig, schämen sich fast für ihren Wohlstand, trauen sich kaum zu genießen: Wie kann ich lustvoll essen gehen, wenn ich weiß, dass woanders Menschen verhungern? Andere werden zynisch: So ist die Welt halt, kann man nichts machen! Und wieder andere reagieren mit Angst und Verunsicherung und geben ihr gesamtes Sorgenpaket an ihre Kinder weiter: die Welt ist gefährlich, haltet euch fern von ihr!

Ich glaube, es gibt noch einen anderen Weg: das Leben ganz und gar anzunehmen mit allen seinen Facetten, auch wenn es manchmal schwerfällt. Das sag ich auch meinen Kindern: Lasst euch nicht bange machen, lasst euch nicht vereinnahmen, lebt euer Leben, nutzt eure Chancen. Es darf euch gut gehen! Und wenn ihr uns braucht: Wir sind in der Nähe.

Gegen Angst und Zynismus!

Dr. Wilfried Vyslozil, Vorstandsvorsitzender der SOS-Kinderdörfer

Das eigene Leben engagiert zu gestalten, steht für mich keineswegs im Widerspruch dazu, Verantwortung in einer globalisierten Welt zu übernehmen, ganz im Gegenteil: Wie im Kleinen kann ich auch im Großen etwas bewirken. Das kann auf vielfältige Weise geschehen.

Viele von Ihnen unterstützen seit langer Zeit die SOS-Kinderdörfer als eine Bewegung der Zuversicht. An 2200 Plätzen dieser Welt setzen unsere Mitarbeiter konkrete Schritte gegen Gewalt und für ein starkes Miteinander, gegen Angst und Zynismus und für bessere Perspektiven für unsere Kinder und Jugendlichen. Für mich ist das globalisiertes Handeln im besten Sinne.

Für viele unserer Mitarbeiter gibt es übrigens kaum etwas Schöneres, als ein aufrichtiges, von einem Kind oder Jugendlichen gesprochenes "Mir geht es gut!" zu hören. Ich finde, das ist ein ziemlich starker Satz!