"Wir sehen, wie die Hoffnung wächst"

Ein SOS-Psychologe erzählt von seiner Arbeit mit Flüchtlingskindern in Athen

Woran Flüchtlingskinder leiden, weiß Mohammad Vahedi genau: Er floh selbst als Jugendlicher aus dem Iran. Heute leitet er das SOS-Zentrum für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Athen.
SOS-Psychologe Vahedi
Eben noch warst du ein Kind. Du hattest einen Namen und die Leute wussten, wer deine Eltern sind, mit deinen Freunden verbanden dich besondere Orte, mit deiner Familie spezielle Rituale und vielleicht gab es ein Mädchen, in das du verliebt warst. Dann kamen Krieg und Not und plötzlich warst du ganz alleine unterwegs, weit weg von Zuhause, und die Leute wussten nichts mehr von dir. Jetzt warst du nur noch „ein Flüchtling“.

"Heute habe ich ein erfülltes Leben."

Jedes Kind und jeder Jugendliche in dieser Situation braucht Unterstützung, ich weiß das aus eigener Erfahrung: Vor zwanzig Jahren bin ich selbst alleine aus dem Iran nach Griechenland geflohen. Damals gab es hier noch keine organisierte Hilfe. Immer wieder musste ich auf der Straße übernachten, war schutzlos. Ich hatte Glück, bin Psychologe geworden, habe ein erfülltes Leben. Aber wie oft habe ich mir damals gewünscht, jemanden an meiner Seite zu haben. Viele andere haben die schrecklichen Erlebnisse nie bewältigt.
Deshalb ist es mir heute so wichtig, für die minderjährigen Flüchtlinge da zu sein. Es ist eine absolute Überforderung für ein Kind, so eine Situation alleine durchzustehen. 80 Prozent aller unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge leiden unter Alpträumen, Depressionen, Panikattacken und anderen Trauma-Symptomen. Sie alle brauchen einen Platz, an dem sie sich sicher fühlen, und Menschen, denen sie vertrauen. Für unsere Arbeit ist dies die Basis: tragfähige, ehrliche Beziehungen aufzubauen.

Unterstützung führt zu Heilung

Wenn ich den Kindern und Jugendlichen meine eigene Geschichte erzähle, hören sie genau zu. Dass ich vor ihnen sitze als jemand, der es geschafft hat, gibt ihnen Hoffnung. Irgendwann beginnen sie selbst zu erzählen. Wir sind dann schon mittendrin in der Arbeit, der Unterstützung und der Heilung. Meine Kollegen und ich sehen deutlich, wie im Laufe der Zeit Symptome verschwinden, neue Hoffnung wächst – wie hinter dem Flüchtling wieder der Mensch zum Vorschein kommt.

Jedes Kind, jeder Jugendliche hat ein Recht darauf, in seiner Entwicklung unterstützt zu werden – ein Recht darauf, Mensch zu sein.