Laufen gegen den Kummer

Renate Schreiner

Renate Schreiners Leben war nicht leicht – sie hat es auf ihre Weise gelebt

Renate Schreiner ist gelaufen. Jeden Tag, oft stundenlang, manchmal so weit, dass sie mit dem Zug nach Hause fahren musste. Wenn es regnete, sogar stürmte, zog sie ihr Cape über und ging trotzdem raus. Das Laufen gab ihr Struktur, Ablenkung, Trost und trotz allem wohl auch Freude, da ist sich Michael Permesang, ihr ehemaliger Nachbar, sicher.

Renate Schreiner. Grafik: Uli Knörzer

1939 geboren, wuchs sie als einziges Kind ihrer Eltern in Konz bei Trier auf, bekam viel Liebe und Fürsorge, auch von Oma und Opa, die mit im Haus wohnten. Ganz in der Nähe befand sich ein Kloster, das auch Kinder betreute. Als Renate älter wurde, half sie manchmal mit, sie liebte das. Bald heiratete sie, bekam einen Sohn.

Eine Reihe von Schicksalsschlägen

Es hätte so weitergehen können, aber das tat es nicht. Viel zu früh starb Renate Schreiners Ehemann, und so zog sie mit ihrem Sohn Thomas zurück zu ihren Eltern, arrangierte sich mit dem Leben. Dann kamen die 90er-Jahre und innerhalb von zwei Jahren starben ihr Vater, ihre Mutter und auch ihr Sohn Thomas. Renate Schreiner hat nie viel über diese Zeit gesprochen, schon gar nicht über ihre Gefühle, aber damals hat sie zu laufen begonnen und auch zu reisen. Sie war eine zierliche Frau, die ihre Blusen in der Mädchenabteilung kaufte und viel Energie hatte.

Laufen und Reisen gaben Renate Schreiner Halt und Trost. Foto: Despositphotos

Bald reiste sie mit einer Senioren-Reisegruppe quer durch Deutschland und Europa. Dabei stellte sie sicher, dass sie an bestimmten Terminen auf keinen Fall zu Hause war: am Muttertag, an Weihnachten, am Geburtstag ihres Sohnes.

Glaube und Freundschaft

Auch ihr Glaube half ihr, und da war die Freundschaft zu ihren Nachbarn, Familie Permesang. WWir haben sie genommen, wie sie warW, sagt Michael Permesang. Das hieß auch, der Freundin ihren Abstand zu lassen. Hin und wieder hat Renate Schreiner auf den Sohn der Permesangs aufgepasst – beide liebten diese Abende – und Michael Permesang hat ihre Jalousien repariert, manchmal haben sie zusammen Kaffee getrunken.

Als Renate Schreiner 2015 an Brustkrebs erkrankte, besuchten die Permesangs ihre Nachbarin täglich im Krankenhaus, später organisierten sie einen Platz im Pflegeheim für sie, kamen weiter jeden Tag. Auch an dem Sonntagvormittag im Juli 2016, an dem Renate Schreiner starb, war Michael Permesang noch bei ihr gewesen. Sie wurde 77 Jahre alt. Die SOS-Kinderdörfer setzte sie als ihre Erben ein, denn Kinder hat sie immer geliebt.

Simone Kosog