Der Sinn meines Lebens

Ein Garten voller Kinder und wilder Erdbeeren

Sie liebte die Kinder. Dass Waltraud Jungbluth mit ihrem Testament für SOS notleidenden Mädchen und Jungen helfen konnte, bedeutete ihr viel.

Die kleine Zeremonie wiederholte sich in jedem Sommer: Immer, wenn in Waltraud Jungbluths Garten die wilden Erdbeeren reif waren, rief sie die Kinder der Nachbarschaft zu sich,und diese kamen zum Ernten – manchmal nur bekleidet mit Shorts und Gummistiefeln. Sie liebte ihren Garten, aber noch viel mehr liebte sie Kinder. Was gab es also Schöneres?

Sie selbst hatte keine Kinder. Sie war auch ohne Geschwister aufgewachsen, dafür aber wohlbehütet. Zur Familie gehörte ein Hausmädchen, das „Mariechen“.
Später, als Waltraud Jungbluth bereits verheiratet war und ihren eigenen Haushalt führte, drehten sich die Rollen um. Nun versorgte sie ihr ehemaliges Hausmädchen, pflegte Mariechen bis zu ihrem Tod. Viel zu früh starb auch ihr Mann und so blieb Waltraud Jungbluth alleine zurück.

Ein Gespräch mit Nachbarn war ihr oft eine willkommene Abwechslung. Eine kleine, feine Frau sei sie gewesen, fröhlich und immer sorgsam gekleidet, sagt Bettina Krüger, ihre Nachbarin, zu der sie ein besonders herzliches Verhältnis hatte. In zwanzig Jahren waren sie sich nähergekommen, aber eine gewisse Distanz war geblieben, bis zum Schluss war man beim „Sie“.

Nur für Kinder und Tiere schienen keine Barrieren zu existieren. Regelmäßig kam „Moritz“, der alte Kater der Familie Krüger, zu Besuch. Er begleitete Waltraud Jungbluth sogar zum Einkaufen. „Moritz ist meine letzte große Liebe!“, hatte sie oft gesagt.

Und die Jungen und Mädchen der Nachbarschaft machten ihr Geschenke. Waltraud Jungbluth bewahrte sie
sorgsam auf. An ihren Wänden hatte sie Bilder von Kindern aus der Zeitschrift „SOS-Kinderdörfer weltweit“ aufgehängt, die sie regelmäßig bekam. Noch mit ihrem Mann zusammen hatte sie ihr Testament zu Gunsten von SOS gemacht.

Die letzten Jahre verbrachte Waltraud Jungbluth in einem Seniorenheim. Ihre Erinnerung war zum großen Teil verlorengegangen. „Ich muss mal wieder nach dem Garten schauen“, war einer der wenigen Sätze, die man noch von ihr hörte.

Waltraud Jungbluth starb am 27. Juli 2013, als draußen alles kräftig blühte. Auf dem Testament zugunsten der SOS-Kinderdörfer hatte sie per Hand einen Satz hinzugefügt: „Damit hat mein Leben einen Sinn bekommen!“

Simone Kosog

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