"Es gibt keine Entschuldigung mehr"

In Gambia unterstützen SOS-Mitarbeiter*innen Frauen beim Kampf gegen Genitalverstümmelung

Kaddy arbeit als SOS-Sozialarbeiterin in Gambia. Sie setzt sich dafür ein, dass heute kein Mädchen mehr beschnitten wird. Foto: Philipp Hedemann

Es ist fünf Uhr morgens, als die kleine Kaddy geweckt und aus ihrem Dorf im Süden Gambias in einen Wald geführt wird. Nach einer Weile kommt sie an einen großen Baum. Darunter sitzen vier Frauen. In einer erkennt die Siebenjährige ihre Großtante Mariama. Die alte Frau ist eine berühmte Beschneiderin, die schon ungezählten Mädchen die Klitoris abgeschnitten hat. Kaddy wird ihr nächstes Opfer.

"Meine Großtante breitete ein Tuch auf dem Boden aus. Die Frauen spreizten mir die Beine. Sie hielten mir die Arme und die Beine fest. Dann schnitt meine Großtante mir mit einer Rasierklinge die Klitoris ab. Es tat wahnsinnig weh. Ich habe mein eigenes Blut gesehen und geschrien", erinnert Kaddy sich an jenen Morgen vor mehr als 30 Jahren.

Mittlerweile haben die SOS-Kinderdörfer in Gambia der brutalen Tradition den Kampf angesagt. Kaddy und ihre Großtante spielen dabei eine wichtige Rolle.

Millionen Frauen sind Opfer

Kaddy ist nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO eine von weltweit rund 200 Millionen heute lebenden Frauen, die Opfer der weiblichen Genitalverstümmelung wurden. Vor allem in 30 afrikanischen, asiatischen und arabischen Ländern wird die brutale Praxis nach wie vor praktiziert.

Nach UN-Angaben waren im überwiegend muslimischen Gambia noch 2015 rund 75 Prozent der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren beschnitten, in manchen ländlichen Gebieten waren es sogar über 95 Prozent. Meist berufen die Beschneiderinnen sich auf den Koran, dabei fordert keine einzige Sure der heiligen Schrift des Islams die Verstümmelung der weiblichen Genitalien.

Lange traute sich niemand, Tradition in Frage zu stellen

Nachdem ihre eigene Großtante Kaddy beschnitten hatte, setzte die alte Frau das Mädchen auf einen Topf mit heißem Wasser. Anschließend bestrich sie die Wunde zwischen den Beinen mit einer zähen Tinktur, die sie aus den Blättern des Neem-Baumes gewonnen hatte. Die traditionelle Medizin sollte die Schmerzen lindern und die Blutung stillen. Tatsächlich führt sie nicht selten zu gefährlichen Infektionen und schmerzhaften Entzündungen.

Doch Kaddy hatte Glück. Ihre Wunde entzündete sich nicht. Nach ein paar Tagen ließen die Schmerzen nach, und Kaddy sprach fast 20 Jahre nicht darüber, was ihre Großtante ihr unter dem großen Baum angetan hatte. Sie schwieg. Sowie alle anderen. Kaddy kannte niemanden, der offen über das eigentlich Unaussprechliche sprach. Die alte Tradition in Frage zu stellen, wäre einem Verrat an der eigenen Kultur, am eigenen Glauben, an der eigenen Familie und damit einem Verrat an allem, was in Gambia wichtig ist, gleichgekommen.

 

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Kaum Wissen über Folgen und Gefahren

Und doch gibt es auch in Gambia Frauenrechtlerinnen, Ärzte und Hebammen, die genau das tun. Kaddy traf sie erstmals, als sie als 23-Jährige als Freiwillige in einem Krankenhaus arbeitete. Sie lernte dass die Beschneidungsnarben vielen Frauen während der Menstruation, beim Urinieren, beim Sex und bei der Geburt höllische Schmerzen bereiten, dass weltweit jedes Jahr Tausende Mädchen beim Eingriff verbluten oder Jahre später bei der Geburt an den Folgen sterben.

Da die meisten Beschneiderinnen über keinerlei medizinische Ausbildung verfügen, kaum Ahnung von weiblicher Anatomie und Hygiene haben und zudem oft dasselbe Messer oder dieselbe Rasierklinge verwenden, besteht zudem die große Gefahr, dass sie auf diese Weise HIV, Hepatitis und andere Krankheiten übertragen.

Sie hat das, was sie getan hat, nie hinterfragt

 Kaddy im Gespräch mit ihrer Großtante. "Ich klage niemanden an. Sie wusste es einfach nicht besser", sagt die 39-Jährige. Foto: Philipp Hedemann

Kaddys Großtante will diese Einwände nicht gelten lassen. „Ich war eine berühmte Beschneiderin. Keines der Mädchen, das ich beschnitten habe, ist gestorben oder krank geworden. Die Leute hatten großen Respekt vor mir. Ich habe gut verdient“, sagt Mariama vor ihrer Hütte in einem Dorf im Süden Gambias, das nur über eine holprige Piste zu erreichen ist. Vor fünf Jahren gab sie ihren Beruf nach über 50 Jahren auf. Unfreiwillig!

Kurz bevor ein neues Gesetz 2015 die weibliche Genitalverstümmelung in Gambia verbot, besuchte eine ehemaligen Beschneiderin die alte Frau. Sie kam in Begleitung von SOS-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Gemeinsam erklärten sie Mariama, die nie lesen und schreiben gelernt hatte, welche verheerenden gesundheitlichen und psychischen Folgen eine Beschneidung haben kann und dass nirgendwo im Koran stehe, dass Mädchen beschnitten werden müssten.

Die alte Frau zu überzeugen, dass das, was sie mehr als die Hälfte ihres langen Lebens gemacht hatte, plötzlich falsch sein solle, war nicht einfach. Schon ihre Mutter und Großmutter hatten den lange hoch geachteten, wenn auch meist im Verborgenen betriebenen Beruf an sie weitergegeben. "Ich habe das, was ich getan habe, nie hinterfragt. Ich habe es getan, weil wir es immer getan haben. Unbeschnittene Frauen sind unrein und ihrem Mann oft nicht treu. Darum ist es immer noch schwer, eine unbeschnittene Tochter zu verheiraten", sagt sie überzeugt, während ihre Großnichte zuhört.

"Heute würde ich die Polizei rufen"

Als ihre Großtante sie vor gut 30 Jahren verstümmelte, spürte Kaddy neben höllischen Schmerzen auch eine ungeheure Wut auf Mariama, der sie bis dahin blind vertraut hatte. Heute hat Kaddy ihr vergeben. "Ich klage niemanden an. Was meine Großtante getan hat, hat sie in der Überzeugung getan, das Richtige zu tun. Sie wusste es einfach nicht besser", sagt die 39-Jährige, die heute als Sozialarbeiterin für die SOS-Kinderdörfer in Gambia arbeitet.

Um zu verhindern, dass Mariama aus materieller Not in ihren alten Beruf zurückkehrt, half SOS ihr dabei, heute als Salzverkäuferin auf dem Markt zu arbeiten. Die Geschäfte laufen gut, sagt Mariama. Allerdings macht sie auch keinen Hehl daraus, dass sie das Gesetz für einen Fehler hält. Doch sie weiß auch, dass sie im Gefängnis landen könnte, wenn sie sich über das jetzt geltende Recht hinwegsetzen würde. Dafür würde ihre Großnichte sorgen.

Denn eins ist für Kaddy klar: "Würde sie wieder zur Rasierklinge greifen, würde ich die Polizei rufen. Es gibt jetzt keine Entschuldigung mehr. Sie weiß, dass es jetzt verboten ist."

Dieser Artikel erschien in der Passauer Neuen Presse im Rahmen der Weihnachtsaktion "Ein Licht im Advent" zugunsten der SOS-Kinderdörfer.

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