"Die Dürre tötet erst das Vieh und dann die Menschen"

Die Situation während der Dürre in Kenia: Das Vieh stirbt, die Familien verlieren ihre Lebensgrundlage. Nkatiye, Mutter von neun Kinder, erzählt von der verzweifelten Lage ihrer Familie. 

"Ich kann nicht schlafen, wenn meine Kinder hungrig zu Bett gegangen sind”, sagt Nkatiye, 37. "Ich weiß nicht, wie ich meinen Kindern helfen soll, was bringt der nächste Tag? Ich gerate in Panik und manchmal denke ich, dass ich den Verstand verliere." Nkatiye sitzt vor ihrer Hütte und stillt ihr neun Monate altes Baby. Sie hat nicht genug Milch und das Kind zeigt bereits Anzeichen von Unterernährung. "Wenn ich keine Milch habe, gebe ich ihr Wasser, damit sie schlafen kann", sagt sie.  

Nkatiye hat neun Kinder und wohnt in einer abgelegenen Siedlung in einer großen trockenen Sandebene. Sie gehört der Rendille-Gemeinschaft an, einem halbnomadischen Hirtenvolk, das Ziegen und Kamele hält zur Selbstversorgung und als Einkommensquelle. Wenn alles gut läuft, ernährt Nkatiye ihre Kinder mit der Milch ihrer Tiere. Und ab und zu gibt es sogar Fleisch. 

Kein Regen, seit vier Jahren 

Seit Jahren gibt es wenig Regen, es wird immer heißer, trockener, und nun diese schwere Dürre. Nkatiye hat seit drei Jahren keinen einzigen Tropfen Regen gesehen. 

Die Trockenheit hat ihre 100 Ziegen und 31 Kamele getötet. Ohne Einkommensquelle leiht sich Nkatiye Lebensmittel, um ihre Kinder zu ernähren – eine Tasse Reis oder etwas Bohnen oder Maismehl, wo immer sie es finden kann. Die Portionen sind oft selbst für die Kinder zu klein, sodass Nkatiye sie essen lässt, während sie selbst hungrig bleibt. 

"Wir waren wohlhabend und hatten keine Probleme", erinnert sich Nkatiye. "Wir haben uns um um unsere Tiere gekümmert. Wir verkauften Ziegen, um Lebensmittel zu kaufen, das Schulgeld zu bezahlen und viele andere Dinge für die Kinder. Aber die Dürre hat uns arm gemacht", sagt sie. 

Eine nie da gewesene Hungersnot 

Alle Familien hier erleiden enorme Verluste, die die eigentlich gut funktionierende Gemeinschaft in eine noch nie dagewesene Hungersnot treiben. In ganz Kenia starben durch die Dürre etwa 1,5 Millionen Tiere. Daten zeigen, dass Dürren im Norden Kenias früher alle zehn Jahre auftraten, jetzt aber alle zwei bis drei Jahre. Die Trockenzeiten sind häufiger und dauern aufgrund des vom Menschen verursachten Klimawandels länger. 

Normalerweise blüht das Weideland mit neuem Gras und die Wasserlöcher sind voll von der langen Regenzeit von März bis Mai. Im Jahr 2022 aber weht Staub durch die Luft, die Ställe sind seit Beginn der Dürre leer. Junge Männer trieben früher ihre überlebenden Tiere dorthin, wo sie Gras fanden, manchmal bis zu 150 Kilometer entfernt. Viele haben die Schule abgebrochen, um die Lebensgrundlage ihrer Familie zu retten. Die jungen Männer sind jetzt weggezogen auf der Suche nach bezahlter Arbeit in anderen Gemeinden. 

Wenn man die Tiere sterben sieht 

Mütter, Kinder und ältere Menschen bleiben zurück und warten auf den Regen oder auf die Rückkehr der Herden.  

Satima, ein Hirte in einem der Dörfer, sagt, die Menschen hätten nicht genug zu essen und würden schwach: "Esel und Kamele sind sehr widerstandsfähige Tiere, sie sterben als letzte. Wenn man sie sterben sieht, so wie jetzt, dann weiß man, dass die Dinge sehr schlecht stehen. Das ist ein Zeichen dafür, dass als nächstes die Menschen sterben", warnt er. 

Heute sind schätzungsweise 942.000 Kinder unter fünf Jahren akut unterernährt und brauchen dringend Hilfe. 

Kenias Nachbarn am Horn von Afrika, Äthiopien, Somalia und Somaliland, kämpfen ebenfalls mit der schlimmsten Dürre seit 40 Jahren, nachdem es vier Jahre in Folge nicht geregnet hat. 

Kinder unterernährt 

David Dabalen, ein Mitarbeiter des örtlichen Gesundheitszentrums, versorgt 2.000 Kinder. Die Vorsorgeuntersuchungen zeigen, dass Unterernährung in Kargi keine Seltenheit mehr ist. "Wenn die Dürre so weitergeht, werden wir viele Kinder verlieren", sagt Dabalen. "Wir haben bereits 400 Kinder in das Zusatznahrungsprogramm aufgenommen und 20 schwere Fälle an das Bezirkskrankenhaus überwiesen. Diese Dürre schadet den Kindern enorm."  

Auch Nkatiyes Baby ist im Ernährungsprogramm. Sie bekommt alle zwei Wochen drei Tüten eines nahrhaften Breis, aber die Ernährungslage ist so verzweifelt, dass Nkatiye ihn allen ihren Kindern serviert.  

Nkatiyes älteste Söhne, 16 und 14 Jahre alt, haben die Schule abgebrochen, um mit ihrem Vater die Tiere anderer Leute zu hüten. Sie werden einmal im Jahr mit zwölf Ziegen entlohnt. Alle drei Monate erhält Nkatiye von ihrem Mann etwa 5.000 Schilling (50 US-Dollar), wenn er eine Ziege verkauft hat. Noch vor einigen Monaten konnte Nkatiye vom Verkauf einer einzigen Ziege zahlreiche Haushaltsgegenstände kaufen, aber die hohen Lebensmittelpreise machen das heute unmöglich. 

Speiseöl ist Luxus 

"Ein Fünf-Kilogramm-Sack Maismehl beispielsweise kostete 250 Schilling (zwei US-Dollar), ist aber auf 450 Schilling (vier US-Dollar) gestiegen", sagt Nkatiye. "Meine sieben Kinder und ich brauchen ein Kilo Reis für eine richtige Mahlzeit. Wenn ich nicht genug Geld habe, bleibe ich lieber hungrig und füttere die Kinder. Ich kaufe dann nur ein halbes Kilo Reis, ein Viertel Kilo Zucker und ein paar winzige Teeblätter. Salz kaufe ich nicht und Speiseöl kann ich mir nicht leisten."

Die Menschen geben den Händlern und der Gemeinde die Schuld an den hohen Preisen, sagt Namarei Buroya, ein lokaler Ladenbesitzer.  Die Familien kaufen bei Namarei Lebensmittel auf Kredit. "Sie kommen und betteln und bitten um Hilfe", erklärt Namrei. "Also gebe ich ihnen ein wenig von dem, was sie brauchen, und eines Tages, wenn sie ein bisschen Geld haben, werden sie ihre Schulden begleichen. Es herrscht zwar eine Dürre, aber die Menschen müssen trotzdem essen." 

Auch unter den Nachbarn in den Dörfern herrscht ein bemerkenswerter Zusammenhalt, der Familien wie der von Nkatiye hilft, die Dürre auszuhalten. 

Es gibt einige wenige Familien, die genügend Vieh auf den Weideflächen haben. Ihre Kultur schreibt vor, dass sie das, was sie haben, mit ihren weniger glücklichen Nachbarn teilen müssen, auch wenn sie selbst nicht genug zu essen haben. 

Wer nicht hilft, wird bestraft 

"Niemand hier ist für sich selbst verantwortlich", sagt Satima, der Hirte, "sie werden von der Gemeinschaft kontrolliert. Wenn man sich weigert zu helfen, bekommt man als Familie eine Strafe. Es gibt ein Rendille-Sprichwort, das besagt, dass die Gemeinschaft ein hoher Berg ist, den man nicht überwinden kann, so dass niemand über sich selbst bestimmen kann." 

Nkatiye ist entschlossen, für ihre Kinder stark zu bleiben, aber sie gibt zu, dass ihr Körper schwächer wird und sie einen aussichtslosen Kampf führen könnte. 

"Sehen Sie sich an, was ich trage, wie ich aussehe", sagt sie. "Ich habe keine Seife, um unsere Kleidung zu waschen. Ich habe solche Angst, dass ich meine Kinder durch diese Dürre verliere oder dass ich verhungere."

Dann packt Nkatiye eine kleine Plastiktüte aus, die sie unter ihrer Kleidung hervorholt, und steckt sich den Inhalt in den Mund. Tabak. Sie kaut ihn, um ihre Nerven zu beruhigen.  

"Heute Morgen bin ich aufgewacht und habe mir Tee ohne Milch gemacht", fährt Nkatiye fort. "Die Kinder weinten, und ständig ging mir durch den Kopf: Was soll ich bloß tun? Ich brauche Hilfe."

 

Die SOS-Kinderdörfer leisten Nothilfe in Ostafrika, um Kindern und Familien beizustehen. Wir haben ein Soforthilfeprogramm aufgelegt, das bis zu 300.000 Menschen zu Gute kommt. Die Nothilfe erstreckt sich auf vier Länder: Äthiopien, Kenia, Somalia und Somaliland. Saatgut, Nahrung, Hygieneartikel und Wasser werden derzeit am dringendsten gebraucht. 

 

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