"Ich verliere langsam den Verstand"

Timiro kann ihre Kinder nicht mehr ernähren

Familien in Not, während der Dürre in Äthiopien: Timiro, Mutter von sechs Kindern, hat ihr Lebensgrundlage verloren: Vieh und Felder, auf denen Hirse und Mais wuchsen. Die UNO schätzt, dass 16,7 Millionen Menschen in Ostafrika Nahrungsmittelsoforthilfe benötigen, und bis September könnte diese Zahl auf 20 Millionen ansteigen.

Timiro hat sich kurz niedergelassen. Sie ist erschöpft. Der Boden, auf dem sie sitzt, ist trocken, hart und staubig. "Das war einmal unser Acker", erzählt die Mutter von sechs Kindern. "Davon haben wir gelebt."  

Timiros Familie baut Mais und Sorghumhirse an. Aber die Felder geben nichts mehr her, weil der Regen ausbleibt. Sie kann ihre Kinder nicht mehr ernähren und die Dürreperiode ist noch lange nicht vorbei. "Unsere letzte gute Ernte war im Jahr 2020", sagt Timiro. "Letzte Nacht haben wir hungrig geschlafen, und heute Morgen sind wir mit nichts aufgewacht. Ich habe nur Tee ohne Zucker gekocht, und zum Mittagessen gab es nichts."  

"Ich habe Angst, dass wir sterben, wenn das so weitergeht."


TIMIRO

Das Horn von Afrika, ein Gebiet, das den Norden Kenias, Somalia und Teile Äthiopiens umfasst, wird von der schlimmsten Dürre seit mehr als 40 Jahren heimgesucht. Für Oktober bis Dezember werden Regenfälle erwartet, doch wenn sie ausbleiben, muss sich die Region auf die fünfte ausgefallene Regenzeit in Folge einstellen. Bereits jetzt sind 5,7 Millionen Kinder akut unterernährt.   

"Meine Kinder sind schwach vor Hunger" 

Vor der Dürre hatte Timiro 16 Rinder und 18 Ziegen und Schafe. Nur zwei Kühe haben überlebt. Jeden Tag sieht sie die skelettierten Überreste ihrer toten Tiere an – sie sind genau dort gestorben, wo sie zuvor gegrast haben. Die Dürre hat in ganz Ostafrika mehr als sieben Millionen Nutztiere getötet.  

"Meine Kühe lieferten Milch, Butter und Fleisch. Wir haben einen Teil davon verkauft, um am Markt Kleidung und andere Dinge zu kaufen", erzählt Timiro. "Jetzt können meine Kinder keine Milch mehr trinken und sind geschwächt, weil sie viel zu wenig zu essen haben."   

Timiro (rechts) kann die Familie nicht mehr ernähren. "Letzte Nacht haben wir hungrig geschlafen, und heute Morgen sind wir mit nichts aufgewacht", sagt sie. Foto: Anne Kahura 

Abdi Katun Shire ist der Koordinator des Programms zur Stärkung der Familien bei den SOS-Kinderdörfern in Gode: "Viele Kinder haben die Schule abgebrochen und sind in die nahegelegenen Städte gegangen, um Arbeit zu finden und ihre Familien zu ernähren. Die Schulen sind zwar geöffnet, aber weniger als 50 Prozent der Schüler besuchen den Unterricht. Das liegt auch daran, dass Familien auf der Suche nach Nahrung und Wasser fliehen müssen und in die städtischen Zentren ziehen."  

"Meine Hoffnungen haben sich zerschlagen" 

Moha*, der älteste Sohn von Timiro, ist einer von diesen jungen Menschen. Er hat die Schule abgebrochen, um der Ernährer der Familie zu werden. Er muss einen Tagesmarsch in der heißen Sonne ohne Essen und Wasser auf sich nehmen, um in Städten wie Gode oder Kelafo Arbeit zu finden.   

"Früher bin ich zur Schule gegangen", sagt der 16-Jährige. "Ich wollte ein gebildeter Mann werden, aber jetzt hat sich diese Hoffnung zerschlagen und das Leben ist hart. Ich war schon seit mehreren Monaten nicht mehr in der Schule. Ich würde mich gerne auf Sprachen spezialisieren, um Sprachlehrer zu werden. Ich hoffe, dass ich eines Tages wieder zur Schule gehen kann, damit ich meinen Traum verwirklichen kann." 

Moha schickt seiner Familie Geld von dem, was er beim Entladen von Lastwagen und bei anderen Gelegenheitsarbeiten verdienen kann. Alle drei bis vier Monate kommt er nach Hause.   

Timiro inmitten ihrer toten Nutztiere. Foto: Anne Kahura

Timiro hat wahrscheinlich noch nie etwas von der Ukraine gehört, und obwohl sie meilenweit entfernt ist, hat der dortige Krieg zu den Lebensmittelpreisen beigetragen. Schon vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine waren die Lebensmittelpreise stetig gestiegen aufgrund der Dürre, der schlechten Getreideernte und des Viehsterbens. Die fehlende Versorgung aus der Ukraine treibt die Preise für Grundnahrungsmittel, Treibstoff und Düngemittel weiter in die Höhe.  

Trockenheit ist im Norden Kenias kein Fremdwort, aber es handelt sich um die längste in der Geschichte. In einigen Gebieten gab es kleine Regenschauer, in anderen hat es seit über einem Jahr nicht mehr geregnet. Die Nomadengemeinschaften, die in den trockenen und halbtrockenen Gebieten leben, ernähren sich von ihren Tieren als Lebensgrundlage.   

Timiros Stimme ist kaum zu hören. Sie blickt über die harte Erde und sagt: "Ich führe oft Selbstgespräche. Eigentlich habe ich keinen Lebenswillen mehr. Manchmal denke ich, ich verliere den Verstand."

*Name aus Datenschutzgründen geändert  

Die SOS-Kinderdörfer leisten Nothilfe in Ostafrika, um Kindern und Familien beizustehen. Wir haben ein Soforthilfeprogramm aufgelegt, das bis zu 300.000 Menschen zu Gute kommt. Die Nothilfe erstreckt sich auf vier Länder: Äthiopien, Kenia, Somalia und Somaliland. Saatgut, Nahrung, Hygieneartikel und Wasser werden derzeit am dringendsten gebraucht. 

 

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