Mit Faust oder Waffe

Häusliche Gewalt in Lateinamerika: Fakten und Hintergrund

Gewalt gegen Kinder findet überall statt: in reichen wie in armen Ländern, quer durch alle Gesellschaftsschichten und Kulturen. Besonders hoch ist die Gewalt in Lateinamerika, wo Schlagen oder Anschreien bis heute als akzeptierte Erziehungsmethode gelten. Die Gewalt auf der Straße prägt den Alltag und greift auf die Familien über.
In Lateinamerika sterben jeden Tag 220 Kinder an den Folgen häuslicher Gewalt. Foto: Gerrit Reinmueller

Gewalt gegen Kinder - die Fakten

  • Laut einer Studie denkt in Paraguay über die Hälfte der Kinder selbst, dass es für ihre Entwicklung wichtig sei, Prügel zu bekommen.
  • In der Region werden jährlich 6 Millionen Kinder Opfer schweren Missbrauchs
  • 80.000 Mädchen und Jungen sterben jährlich an den Folgen häuslicher Gewalt. Das bedeutet: Jeden Tag sterben 220 Kinder!

Gewalt gegen Kinder ist unter keinen Umständen zu rechtfertigen! Es gibt ausreichend Belege dafür, dass sie durch gezielte Maßnahmen verhindert werden kann. Dazu gehören entsprechende Gesetze, Aufklärung, die Erhebung von exakten Daten, Anlaufstellen für Kinder und Unterstützungsprogramme für Familien. Doch wie lässt sich erklären, dass Lateinamerika ein Brennpunkt häuslicher Gewalt ist?

Ausufernde Kriminalität

In vielen Ländern Lateinamerikas hat die Kriminalität dramatische Ausmaße angenommen. Die SOS-Kinderdörfer in der Region erhalten daher manchmal ungewöhnliche Anfragen. "Ein Jugendgericht wollte, dass wir ein Kind aus einer Familie von Auftragsmördern aufnehmen", erzählt Lily Valladares, die Leiterin des SOS-Kinderdorfs in Retalhuleu, einer Stadt in der pazifischen Küstenebene von Guatemala. "Wir mussten das ablehnen. Wir sind für solche Fälle nicht eingerichtet."

Man muss damit rechnen, dass die Familie sich das Kind zurückholen will – mit Waffengewalt. In Lateinamerika und in der Karibik werden viele Probleme mit einer Pistole geregelt.

Die Region ist, was Gewaltkriminalität angeht, die gefährlichste der Welt. Nach einer Studie der Vereinten Nationen liegen 43 der 50 gefährlichsten Städte in Lateinamerika und der Karibik. Die Gewalt auf der Straße prägt den Alltag der Menschen und setzt sich in der Familie fort.

Konflikte und Jahrzehnte der Gewaltherrschaft

Die ausufernde Gewalt in Lateinamerika ist wesentlich Folge der zerstörten sozialen Beziehungen. Von den 60er-Jahren bis in die 90er-Jahre wüteten in Zentralamerika blutige Bürgerkriege, der in Kolumbien dauert bis heute an. In den meisten südamerikanischen Ländern regierten grausame Militärdiktaturen.

Überall herrschte Angst und Misstrauen, selbst innerhalb von Familien. In den Kriegsländern flohen die Familien aus den umkämpften ländlichen Gebieten in die Stadt. Oft kamen in den dortigen Flüchtlingslagern nur noch Bruch teile einstiger Großfamilien an. Die Kinder wuchsen ohne Schulbildung auf. Morde, die nie aufgeklärt wurden, gehörten zum Alltag.

In diesen Jahrzehnten der Gewaltherrschaft wurden die wichtigsten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen Lateinamerikas zerstört. Millionen von Arbeitsplätzen gingen verloren, Zu den Bürgerkriegsflüchtlingen kam die Armutsmigration. Zuerst gingen die Väter, oft folgten die Mütter. Die Kinder wurden bei Verwandten untergebracht. Sie waren die eigentlichen Verlierer. Heute sind sie selbst Eltern und geben ihre Gewalterfahrung weiter. Hier greift SOS mit seinen Programmen zur Gewaltprävention ein.

Die gefürchteten Mara-Jugendbanden

Auch die Jugendlichen Lateinamerikas werden in die Gewaltspirale gesogen: Vor allem in den Armenvierteln der Städte gilt das Recht des Stärkeren. Etwas anderes haben die dort Auf gewachsenen auch nie erlebt. Besonders schlimm ist es in El Salvador, Honduras und Guatemala.

Dort haben sich die entwurzelten Verlierer zu Jugendbanden – sogenannten Maras – zusammengeschlossen, einer Art krimineller Ersatzfamilie. Auch das SOS-Kinderdorf in Retalhuleu hat schon Erfahrungen mit Maras gemacht. Eine Bande versuchte, einen Jugendlichen aus dem Dorf an zu werben. Der wollte nicht. Die Mara kam in der Nacht und hat das Haus, in dem er wohnte, mit Steinen beworfen – eine erste Warnung.

Wegen solcher Erfahrungen wurde eine Mauerrund um das Dorf gebaut, den Eingang kontrolliert ein Wächter. Der Junge musste von der Schule genommen und in ein anderes Dorf verlegt werden, weit weg. "Es hätte sein können, dass sie ihn umbringen", sagt die Kinderdorfleiterin Valla da res. SOS konnte diesen Jugendlichen erfolgreich schützen. Vielen anderen Jugendlichen im Land fehlt dieser Schutz. Umso wichtiger ist es, mit den Behörden zusammenzuarbeiten, um Jugendliche aus den Gemeinden zu schützen und gleichzeitig ebendiesen Jugendlichen Perspektiven jenseits der Bandenkriminalität aufzuzeigen.

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