"Haiti braucht weiterhin langfristige Hilfe!"

Der Haitianer mit dem poetischen Namen Jean Jacquelin (Vorname) Jean Jacques (Nachname) lebte in der Dominikanischen Republik, als am 12. Januar 2010 in seiner Heimat Haiti die Erde bebte und mehrere Hunderttausend Menschen starben. Jean Jacquelin, heute 29 Jahre alt, kam zurück, um zu helfen. Drei Jahre nach dem Erdbeben spricht er über den Wiederaufbau seines Landes und die Herausforderungen, die Haiti bevorstehen.

Jean Jacquelin, Sie leben seit neun Monaten mit Ihrer kleinen Tochter und Ihrer Frau in Österreich in der Nähe von Salzburg, wo Sie Romanistik studieren. Welche Bilder kommen Ihnen als erstes in den Kopf, wenn Sie an Haiti denken?


Jean Jacquelin lebt heute mit seiner Frau und seiner Tochter in Österreich.
Ich versuche, an die schönen Seiten zu denken: das gute Wetter und die lachenden Menschen auf den Straßen von Saint-Marc, meiner Heimatstadt. Aber natürlich kann ich es nicht vermeiden, auch an die anderen Dinge zu sehen: die Zerstörung, die Armut, das Leid vieler Menschen.

Damals, als die Erde bebte, waren Sie nicht ganz so weit von Ihrer Heimat entfernt. Sie wohnten in Haitis Nachbarstaat, der Dominikanischen Republik. Wie haben Sie das Erdbeben erlebt?

Silvester hatte ich noch in Haiti mit meiner Familie gefeiert, am 4. Januar war ich zurückgekehrt. Am 12. Januar, dem Tag des Erdbebens, erfuhr ich aus den Nachrichten was passiert war. Ich wollte sofort zuhause anrufen, weil meine Schwester in Port-au-Prince lebte, das völlig zerstört worden war, aber ich kam nicht durch. Zum Glück ist ihr nichts passiert.

Wann entschieden Sie, zurück nach Haiti zu gehen?

Familie in einem der Zeltcamps in Haiti
Seit dem Erdbeben obachlos: Immer noch hausen in Haiti etwa 350.000 Überlebende in Zeltcamps - Foto: Conor Ashleigh
In dem Moment, als ich im Fernsehen die Bilder sah! Zwölf Tage später, am 24. Januar, fuhr ich zusammen mit elf weiteren Freiwilligen nach Haiti. Der Anblick, das sich uns zeigte, war schockierend. Überall Zerstörung. Nicht jeder hielt das aus: Acht der freiwilligen Helfer fuhren nach zwei Tagen wieder zurück.

Sie selbst unterstützten in den folgenden zwei Jahren die Arbeit der SOS-Kinderdörfer. Was waren Ihre Aufgaben?

Ich arbeitete im Büro, unter anderem in der Finanzabteilung, aber auch draußen im Feld oder als Übersetzer, alles Mögliche.

Inzwischen jährt sich das Erdbeben zum dritten Mal. Im Gegensatz zu den SOS-Kinderdörfern haben zahlreiche Hilfsorganisationen das Land wieder verlassen. Schafft Haiti den weiteren Aufbau aus eigener Kraft?

Nein! Haiti braucht weiterhin Hilfe und zwar langfristige Hilfe! Natürlich war es wichtig, nach dem Erdbeben dafür zu sorgen, dass die notleidenden Menschen etwas zu essen bekamen, aber damit das Land wirklich vorankommt, braucht es Begleitung.

Welche Art von Begleitung?

Schülerinnen in der neuen SOS-Schule in Haiti.
Schülerinnen in der neuen SOS-Schule in Santo, Haiti.
Vor allem beim Aufbau von Schulen und Bildungseinrichtungen! Da ist die Arbeit der SOS-Kinderdörfer ganz wichtig. Es gab leider auch Hilfsorganisationen, die Schulhäuser gebaut und sich dann nicht weiter darum gekümmert haben. In den Hermann-Gmeiner-Schulen ist der Unterricht auf hohem Niveau und er erreicht viele Kinder.

Bildung wird oft als DER Schlüssel für die Lösung vieler Probleme gesehen. Gilt das auch für Haiti?

Auf jeden Fall! Wenn mehr Menschen in Haiti gebildet wären, könnten sie die Dinge anders sehen und anders angehen. Es fehlt im Land aber auch an einem Solidaritätsgefühl, das über die Klassengrenzen hinausgeht. Auch da leisten die SOS-Kinderdörfer wertvolle Arbeit, weil sie Werte wie Zusammenhalt und Solidarität vorleben und weitergeben. Die Kinder und Familien, die dies erfahren, können es wiederum in die haitianische Gesellschaft hineintragen.

Bei all den Problemen wird oft vergessen, dass Haiti auch eine reiche Kultur und viel zu geben hat. Was kann die westliche Welt von Haiti lernen?

Dass man mit seinem Leben glücklich sein kann, auch, wenn man nicht alles hat!