"Menschen in Syrien wollen nur eines: Frieden"

Interview mit Rani Rahmo (SOS-Nationaldirektor von Syrien)

09.12.2015 - Der Bürgerkrieg in Syrien bedroht das Leben unzähliger Kinder. Um ihnen und ihren Familien beizustehen, leisten die SOS-Kinderdörfer in Syrien Nothilfe. In Syriens Hauptstadt Damaskus unterhält SOS zwei Übergangszentren. Der Leiter dort ist Rani Rahmo. Im Interview gibt er einen Überblick zur aktuellen Lage in Syrien. Das Interview führte Dr. Christian Böhme und wurde im Tagesspiegel veröffentlicht.

Rani Rahmo ist der SOS-Nationaldirektor von Syrien. SOS leistet in Syrien Nothilfe. In Damaskus gibt es u. a. zwei SOS-Übergangszentren. Foto: Sylvia Chybiak

Herr Rahmo, inwiefern hat sich die Situation in Syrien durch Russlands Intervention verändert?

Rahmo: Es mag sich für Europäer womöglich überraschend anhören, aber im Vergleich zum vergangenen Jahr hat sich die Sicherheitslage verbessert. Seit Moskau Luftangriffe auf Stellungen der Rebellen fliegt, gibt es zum Beispiel deutlich weniger Mörserattacken auf Damaskus. Ähnliches wird auch aus der Gegend um Aleppo berichtet. Der Krieg, so hoffen viele Syrer, könnte sogar in einem Jahr vorbei sein.

 

Weil das Regime von Baschar al Assad die Aufständischen mithilfe Russlands ausgeschaltet hat?

Rahmo: Viele Menschen in Syrien wollen nur noch eines: Frieden, egal, wer ihnen den bringt. Sie wollen wieder leben können ohne beschossen zu werden. Ihre Kinder sollen wieder zur Schule gehen können und eine Perspektive bekommen.

 

Selbst wenn es Hoffnung auf eine politische Lösung des Konflikts geben sollte – immer noch sind Millionen Syrer auf der Flucht. Wie sie die humanitäre Lage im Land aus?

Rahmo: Wirklich katastrophal. Die medizinische Versorgung ist weitgehend zusammengebrochen. Die Hälfte der Krankenhäuser wurde zerstört, nur wenige Kliniken funktionieren noch. Medikamente sind Mangelware. 25 Prozent der Schulen existieren nicht mehr, zwei Millionen Kinder bekommen keinen Unterricht. Die Preise sind explodiert.

 


Rani Rahmo (rechts.) mit dem Vorstandsvorsitzenden der SOS-Kinderdörfer weltweit Wilfried Vyslozil (links). Foto: SOS-Archiv

Wie viele Menschen haben ihre Heimat verloren?

Rahmo: Im Land selbst sind schätzungsweise sieben Millionen Menschen aus ihren Häusern vertrieben worden. Dazu kommen wohl fünf Millionen, die jetzt außerhalb Syriens leben. Mehr als 13 Millionen Syrer von insgesamt 23 Millionen sind dringend auf Hilfe angewiesen.

 

Vor allem Kinder sind die Leidtragenden des Krieges. Wie sieht deren Alltag aus?

Rahmo: Besonders dramatisch ist die Situation außerhalb von Damaskus. Dort leben die Kinder in ständiger Angst vor Bombardements. Sie sind traumatisiert. Es gibt viel zu wenig Lebensmittel. Mädchen und Jungen essen Gras. SOS-Kinderdörfer versucht deshalb, so gut wie möglich die Not zu lindern. Wir haben zum Beispiel einige temporäre Heime für Kinder eröffnet, die ihre Eltern verloren haben. Bis zu 1000 Mädchen und Jungen können dort aufgenommen werden. Doch das ändert leider wenig daran, dass die Menschen oft keine Lebensgrundlage mehr haben, geschweige denn eine Perspektive.
 

Verlassen deshalb Zehntausende das Land in Richtung Europa?
Rahmo:
Ganz sicher. Sollten Europas Grenzen offen bleiben, könnten sich noch bis zu zwei Millionen Syrer auf den Weg machen. Alle, mit denen ich rede, wollen das Land verlassen. Die Passbehörde in Damaskus wird förmlich überrannt. 5000 Menschen stehen dort täglich an. Sie wollen raus. Und das so schnell wie möglich.