Kinder leben Toleranz und Frieden vor

Interview zum Internationalen Tag gegen Rassismus

21.03.2017 - Vor über 50 Jahren, nämlich 1966, haben die Vereinten Nationen den 21. März zum "Internationalen Tag gegen Rassismus" ins Leben gerufen. Leider ist der Tag immer noch genauso nötig wie damals. Fremdenfeindlichkeit und rassistische Äußerungen sind vielerorts an der Tagesordnung, auch in Deutschland. Das es auch anders gehen kann, nämlich dass Menschen unterschiedlicher Herkunft, Hautfarbe, Religion und Erziehung ganz friedlich miteinander leben können, leben Kinder in SOS-Kinderdörfern vor.
In den SOS-Kinderdörfern im Libanon leben Kinder unterschiedlicher Religionen friedlich zusammen. Foto: SOS-Archiv
In den SOS-Kinderdörfern im Libanon leben Kinder unterschiedlicher Religionen friedlich zusammen. Foto: SOS-Archiv

Interview mit Louay Yassin, Pressesprecher der SOS-Kinderdorfer weltweit:

Herr Yassin, die SOS-Kinderdörfer sind in über 130 Ländern der Welt vertreten. Zehntausende Kinder und Jugendliche leben in Kinderdörfern, zudem unterstützt SOS Zehntausende – auch Erwachsene – mit anderen Programmen. Wie regeln Sie denn das Zusammenleben dieses – im positiven Sinne – „bunten Haufens“ im Alltag? Ist das mitunter nicht auch etwas problematisch? 

Das Thema Rassismus ist eigentlich kein Problem bei uns. Im Libanon leben sunnitische, schiitische und christliche Kinder gemeinsam in einem Dorf. Wir haben in Indien Hindus, Christen und Moslems in einem Dorf. Wir haben in Lateinamerika Indio-Kinder gemeinsam mit den Nachfahren der sehr hellhäutigen Europäer, und in Südafrika leben Weisse, Schwarze und Kinder indischer Abstammung zusammen – und nirgendwo haben wir Streit, Probleme oder sonstiges, was mit Rassismus zusammenhängt.

 
Sie haben den Libanon erwähnt. Dort herrschte ja sehr lange Krieg und die Menschen haben sich über Generationen bekämpft. Und die Nachkommen der ehemaligen Kriegsparteien leben bei Ihnen heute nun unter einem Dach?  

Ganz genau, das sind wirklich die Nachkommen der Menschen, die noch vor zehn, zwanzig Jahren brutal gegeneinander gekämpft haben. Bei uns im Kinderdorf leben die Kinder nicht nur im Dorf zusammen, also z.B. in einem Haus eine sunnitische Familie, in einem anderen eine schiitische und einem weiteren eine christliche Familie sondern auch innerhalb einer Familie. Im SOS-Kinderdorf Ksarnaba, das ich selbst besucht habe, gibt es christliche, sunnitische und schiitische Kinder, die wunderbar miteinander leben.
 

Und da gibt es tatsächlich keine Konflikte? 

Natürliche gibt’s bei uns in den Kinderdörfern Streit, aber da geht es z.B. darum, dass sich Jungs um einen Fußball balgen oder sich Mädchen um eine Puppe streiten, und so weiter. Streit gibt es, aber ich kenne keinen Streit in SOS-Kinderdörfern, der damit anfängt, dass ein Kind sagt: Du bist schwarz, Du bist weiss, oder was auch immer.

 

Für diese SOS-Schülerinnen spielt es keine Rolle, welcher Religion ihre Schulkameraden angehören. Foto: Conor Ashleig

Was ja den Schluss nahe legt: Rassismus wird uns Menschen nicht in die Wiege gelegt, oder?

Wir haben seit über 60 Jahren die Erfahrung gemacht, dass Rassismus in den Kindern nicht vorhanden ist sondern erst später hinzukommt, wenn sie von Menschen verführt werden.

Sehr hypothetisch und theoretisch gedacht: Das SOS-Prinzip im Großen anzuwenden wäre die Lösung vieler Probleme und wir wären deutlich näher am friedlichen Idealzustand?  

Ein großes Wort, aber: Ja. Wir glauben, dass die SOS-Kinderdörfer wirklich eine Idee und ein Modell für Frieden sind. Unser Gründer Hermann Gmeiner, ein sehr weiser Mann, hat damals gesagt, unser Glaube an das Gute entscheidet letztendlich über Krieg und Frieden und das sehen wir aller Orten wirklich genauso.