Haiti: Heilung nach dem Wirbelsturm

SOS-Schüler in Haiti erhalten Traumatherapie nach Hurrikan Matthew

Wirbelsturm Matthew hat großen Schaden in Haiti hinterlassen – auch in der Psyche der Kinder. Kinder wie Alexis und Pierre haben noch immer große Angst. Schulunterricht und Psychologen helfen ihnen dabei, das Erlebte zu verarbeiten.
Alexis vor ihrem Klassenzimmer, das vom Wirbelsturm verwüstet wurde. Foto: Marie Arago

Es ist nicht mehr viel übrig von Alexis‘ Klassenraum der SOS-Hermann-Gmeiner-Schule in Les Cayes. Als Wirbelsturm Matthew am 4. Oktober über den Süden Haitis fegte, riss der Wind Teile des Schuldaches weg, und das Innere war schutzlos den heftigen Regenfällen ausgesetzt. Acht von zwölf Klassenräumen der SOS-Schule wurden vom Wirbelsturm beschädigt. Insgesamt wurden laut Haitis Bildungsministerium 774 Schulen zerstört oder schwer beschädigt.

An der SOS-Schule wurde der Unterricht für die 389 Schüler bereits nach einer Woche wieder aufgenommen. Der Schultag wurde verlängert, um die Klassen 1 bis 9 gestaffelt in den unbeschädigten Klassenzimmern unterrichten zu können. "Wir funktionieren immer noch nicht im Normalzustand", erzählt Rose Joseph, Vizerektorin der SOS-Schule. "Ein kleines Handwerkerteam hat begonnen, die beschädigten Dächer zu reparieren, aber all das zerstörte Schulmaterial zu ersetzen wird viel mehr Zeit in Anspruch nehmen."

Der Schock sitzt tief

Die Heilung der seelischen Wunden und Traumata, die Matthew verursacht hat, wird allerdings am längsten dauern. Alexis erzählt von der Schreckensnacht im Oktober: "Meine Eltern, meine zwei Geschwister, meine Großmutter und ich schliefen, als der Wirbelsturm kam. Es war ein schrecklich lautes Heulen zu hören. Schnell kauerten wir uns in einer Ecke des Hauses zusammen. Ein paar Augenblicke später flog unser Dach weg und krachte auf das Bett, wo ich Sekunden zuvor gelegen hatte. Meine Mutter und mein Vater packten uns und rannten mit uns zu den Nachbarn." Viele ihrer Freunde und Mitschüler können ähnliche Geschichten erzählen.

Auch Pierre, wie viele andere Schüler der SOS-Schule, verlor sein Zuhause. Foto: Marie Arago

Auch Pierre lag in seinem Bett, als die Katastrophe ihren Lauf nahm. "Der Sturm war sehr laut", berichtet der Zwölfjährige. "Ich hatte große Angst. Ich dachte, der Wind holt sich alles, was im Haus ist – uns inklusive." Als der Wind das Dach wegriss, flohen er, seine Eltern und seine zwei Brüder ins Haus von Verwandten, wo sie immer noch auf engstem Raum zusammenleben. "Einer meiner Freunde erzählte mir, dass ein Baum auf sein Haus fiel und ein Metallteil seinen Kopf verletzte", sagt Pierre. "Matthew zerstörte viele Häuser, er rasierte Bäume um, Wasser überschwemmte die Häuser und zerstörte sie, er wusch Menschen einfach weg."

Betreuung durch SOS-Psychologen

Die enorme Naturgewalt riss Teile des Schuldaches weg. Foto: Marie Arago

Die SOS-Psychologin Michelle Isault betont, dass es nun sehr wichtig ist, an den Traumata der Kinder zu arbeiten, sei es in Einzeltherapien wie in Gruppentherapien. "Unsere Schulgemeinschaft war im Schockzustand nach Matthew", so Isault. "Viele der Kinder haben immer noch Angst, wenn es anfängt zu regnen." Sie befragt die Kinder zunächst, wie sie mit dem Geschehenen in der Familie umgehen und gibt Ratschläge.

Einige von ihnen, die ihre Eltern verloren haben, bedürfen intensiverer Betreuung. "Es hilft, wenn wir mit ihnen darüber reden, damit sie das Erlebte aufarbeiten können. Und wir unternehmen etwas mit ihnen, um sie wieder emotional aufzubauen", so Isault. "Wenn sie daheim sind, kreisen die Gedanken der Kinder ständig um die Katastrophe. Hier bei uns werden sie schon allein durch den Unterricht abgelenkt, aber wir singen und spielen auch mit ihnen, damit sie das schreckliche Ereignis vergessen können."

Unterricht spendet Trost

Alexis hat immer noch Albträume. "Wenn ich schlafen gehe, habe ich Angst, dass die Wände auf mein Bett fallen und mich darunter begraben", sagt sie. Pierre findet Trost im Unterricht, er liebt Geographie, speziell die Meere und Ozeane. Er glaubt, dass erneut ein Wirbelsturm kommen wird: "Ich hoffe zwar, dass es nicht geschehen wird, aber wenn, dann hoffentlich keiner mit einer so großen Zerstörungskraft."

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