Warum trotz der Flüchtlingsströme Kleingruppen-Betreuung Sinn macht

Ein Interview mit dem pädagogischen Leiter der SOS-Clearingstelle, Bernhard Spiegel

18.06.15, München/Salzburg - Die neuesten Zahlen des Flüchtlingsberichts von Amnesty International besagen, dass rund eine Million Flüchtlinge auf eine Aufnahme in sichere Länder angewiesen sind. Darunter sind auch tausende minderjährige unbegleitete Flüchtlinge. Die SOS-Kinderdörfer weltweit fordern von den westlichen Ländern stärkere Bemühungen für die Integration jugendlicher Flüchtlinge. Das Konzept der SOS-Flüchtlingsunterkunft „Clearinghouse“ in Salzburg hat sich seit Jahren bewährt. Im Interview erklärt der pädagogische Leiter der Clearingstelle, Bernhard Spiegel, das Integrationskonzept und mit welchen Problemen minderjährige Flüchtlinge zu kämpfen haben.

Herr Spiegel, woher kommen die Jugendlichen, die gerade im Clearinghouse wohnen?

Die meisten kommen zurzeit aus Syrien, aus Somalia und Afghanistan. Der jüngste Bewohner ist 13, die ältesten sind 17 Jahre alt. Wir würden gerne mehr als 30 aufnehmen. Aber wir wollen jedem einzelnen Jugendlichen in unserer Obhut die Betreuung zukommen lassen, die er benötigt. Das ist das Prinzip der SOS-Kinderdörfer. Deswegen wohnen die Jugendlichen bei uns in Ein- oder Zwei-Bett-Zimmern mit einer 24-Stunden Betreuung. So können wir auch bei Krisen schnell deeskalierend eingreifen. In Massenquartiere ist das unmöglich. Das macht die Integration nur noch schwieriger.

Was ist der Schlüssel zu erfolgreicher Integration?

Minderjährige Flüchtlinge brauchen nicht irgendwelche Plätze, sondern die Richtigen: Kleine Wohngruppen statt anonymer Massenquartiere, pädagogische Fachkräfte statt Security-Teams, altersgerechte Betreuung statt Verwahrung. Wir bieten deshalb intensiven, auf den Bildungsstand der Jugendlichen, abgestimmten Deutschunterricht in Kleingruppen und Bildungsangebote auch für über 15-Jährige an. Nur so haben die Jugendlichen eine Chance auf einen Schulabschluss, eine Ausbildung und später einen Job. Weiterhin eine klare Tagesstruktur und Freizeitangebote in örtlichen Sportvereinen. Fußball ist zum Beispiel eine gute Möglichkeit mit einheimischen Jugendlichen in Kontakt zu kommen und sich mit der Kultur vertraut zu machen. Das alles erhöht die Chancen der Flüchtlinge auf Zukunfts- und Integrationschancen um ein Vielfaches.

Neben Deutschunterricht, welche weiteren Maßnahmen bietet das SOS-Team?

Eine klare Tagesstruktur mit sinnvollen Aufgaben ist wichtig. Anfallende Arbeiten am Haus wie Fensterputzen oder Rasenmähen werden deshalb von den Jugendlichen selbst erledigt. Damit können wir die Jugendlichen zum einen zur Selbstständigkeit erziehen. Aber wichtiger noch: Sie sind beschäftigt. Beim täglichen gemeinsamen Kochen bringen wir den Jugendlichen ganz praktische landestypische Sitten und Bräuche bei. Viel Integration findet auch beim Sport in den örtlichen Vereinen statt. Dort haben sie Kontakt zu einheimischen Gleichaltrigen.

Welche Schwierigkeiten haben die jugendlichen Flüchtlinge hier in Europa?

Die Jugendlichen haben schwere Zeiten hinter sich. Sie haben Schlimmes erlebt. Sie haben Familienmitglieder nicht nur leiden, sondern auch sterben sehen. Die Flucht war auch keine einfache Zeit. Diese psychischen Wunden heilen zu lassen, ist schon eine große Herausforderung für die meisten. Hinzu kommt Zukunftsangst. Viele sind mit einem fremden Land,  dessen Sprache sie nicht sprechen, völlig überfordert. Auch die Ungewissheit, wie es um die Heimat und die zurückgelassene Familie steht, beschäftigt sie sehr. Die SOS-Mitarbeiter im Clearinghaus suchen deswegen immer wieder Gespräche mit den Flüchtlingen.

Was erwarten die Jugendlichen von Europa? Welche Hoffnungen haben sie?
Viele sind erst einmal glücklich in einem Land zu sein, in dem es keinen Krieg oder große Hungersnöte gibt. Sie wünschen sich ein besseres Leben. Viele haben den Traum eine Familie zu gründen und Kinder in einer friedlichen Gegend großzuziehen. Außerdem wollen sie eine Arbeitsstelle, von der sie gut leben können. Bescheidene Wünsche eigentlich.

Welche Zukunftsaussichten haben die Jugendlichen in Österreich?
Das ist ganz unterschiedlich und hängt vom Willen und der Stärke der Jugendlichen ab. Doch eines ist sicher: Leicht ist es für sie nicht und sie lernen schnell, dass das Paradies Europa von dem sie geträumt haben, so nicht existiert. Aber wichtig ist: Sie haben eine Chance! Wenn sie schnell Deutsch lernen, einen guten Schulabschluss machen, dann ist auch der Weg frei  zu einer Lehre. Wir haben einige Beispiele, die heute erfolgreich in ihrem Beruf arbeiten. Jugendliche erfolgreich zu integrieren, die nur schlecht Deutsch sprechen, ist schwer.