Kirgisistan: Ein unzertrennliches Team

Die drei Geschwister Maksat, Adjamal und Adilet aus Kirgisistan hatten keinen guten Start: Die Kinder wurden geschlagen, vernachlässigt und schließlich getrennt. Als sie ins SOS-Kinderdorf in Cholpn Ata kamen, waren sie wie Fremde füreinander.

Noch vor einem Jahr waren sich die drei Geschwister fremd.

Geschwisterliebe ist so eine Sache – man liebt sich, man hasst sich, man bringt sich gegenseitig auf die Palme. Aber Geschwister haben auch eine starke Bindung, eine spezielle Art, sich zu verstehen. Sie kennen sich so gut wie kein anderer und sie teilen eine Lebenserfahrung, die immer einzigartig ist. Besonders wenn Kinder Missbrauch und Leid ertragen müssen, sind die Geschwisterbande enorm stark. Denn egal wie schlimm das Erlebte war, es gibt jemanden, mit dem man den Schmerz teilt.

Unvorstellbare Tat

Die drei Geschwister Maksat, Adjamal und Adilet wurden in den rauen Bergen von Kirgisistan geboren, in einer sehr armen Familie. Der Vater trank und war aggressiv – zunächst nur seiner Frau gegenüber, dann bekam auch sein ältester Sohn Maksat Schläge. Mehrmals versuchte die verzweifelte Frau vor ihrem Ehmann zu fliehen. Ohne Geld und mit drei kleinen Kindern hatte sie jedoch kaum Chancen zu überleben. Und dann geschah das Schlimmste. Eines Tages, im Alkoholrausch, übergoss der aggressive Ehemann seine Frau mit Benzin und zündete sie an. Der damals 7-jährige Maksat versuchte verzweifelt, seine Mutter zu retten, doch es war zu spät. Die beiden Kleineren hörten ihrer Schreie im Nebenzimmer.

Kaum Zuneigung


Große Schwester: Djaka hat die drei in ihr Herz geschlossen.

Und es wurde nicht besser. Wenn die seelischen Wunden nicht geheilt werden, tragen die Kinder die Schreckensbilder täglich im Herzen. Die drei Kinder, drei, vier und sieben Jahre alt, wurden nach dem brutalen Mord an ihrer Mutter getrennt und kamen bei verschiedenen Verwandten unter, jeder in einer anderen Familie. Dort bekamen sie kaum Zuneigung oder Fürsorge, geschweige denn psychologische Unterstützung. Die drei haben sich zwei Jahre lang nicht gesehen. Bis zu dem Tag, an dem Mitarbeiter des SOS-Kinderdorfes Cholpon Ata die Kinder in ihr neues Zuhause brachten. Was sie genau in diesen zwei Jahren erlitten haben, weiß man nicht genau. Man kann es sich nur vorstellen, wenn ihre SOS-Mutter Asel erzählt.

Sie sprachen nicht und waren wütend

"Als die drei ins SOS-Kinderdorf kamen, waren sie vollkommen verwahrlost, stark unterernährt und nässten ständig ein. Adilet sprach nicht, Maksat war aggressiv, alle drei benahmen sich wie kleine, wilde Tiere. Und in ihren Augen konnte man so viel Angst sehen. Aber das Schlimmste war, dass sie sich so fremd waren. Sie hatten keine Beziehung zu einander, es war kein Hauch von Geschwisterliebe zu spüren. Meine älteste Tochter Djaka war von Anfang an für sie da. Es war für sie selbstverständlich, jede Nacht die Betten frisch zu überziehen.“

Zum ersten Mal eine Badewanne gesehen

Derart körperlich und psychisch verwahrloste Kinder hatte die 44-jährige SOS-Mutter in ihrem Leben noch nicht gesehen. Es dauerte ein halbes Jahr, bis die drei ihre alte, wilde Haut abstreiften. Was hat am meisten geholfen? "Die Badewanne“, schmunzelt die SOS-Mama, "hier haben sie zum ersten Mal in ihrem Leben eine gesehen und waren voller Begeisterung! Wir haben täglich ein paar Stunden im Badezimmer verbracht, miteinander getobt und gespielt. Wir haben auch oft zu viert geschmust, da die drei eine enorm starke Sehnsucht nach Zuneigung und Liebe hatten. In diesen glücklichen Momenten habe ich immer gesagt: Ihr seid was Besonderes, ihr solltet immer für einander da sein, eure Liebe zu einander ist stärker als alles andere auf der Welt.“

Sie lieben Musik


Ein Moment, in dem die Schrecken der Vergangenheit vergessen sind.

Dank dieser goldenen Worte und der Geduld von Asel konnte die Geschwisterliebe nach sechs Monaten auch wieder gedeihen. Heute beschützt Maksat seine Schwester und seinen jüngeren Bruder rund um die Uhr. Die drei sind ein unzertrennliches Team. Adilet spricht wieder und klettert am liebsten auf die Bäume im SOS-Kinderdorf. Adjamal singt und tanzt gerne zusammen mit ihren Brüdern. Die drei lieben Musik. Wenn man Maksat fragt, was er später arbeiten möchte, antwortet er ganz ernst und souverän: "Ich werde Häuser bauen. Und in einem von denen werden wir mit meiner SOS-Mama und meinen beiden Geschwistern wohnen."

Elitsa Dincheva