Wiederaufbau in Haiti: Gut gemeint und schlecht gedacht

Von Dr. Wilfried Vyslozil, erschienen in der Süddeutschen Zeitung

19.05.2010 - In Haiti hat der Wiederaufbau begonnen – die Einheimischen werden beglückt, aber nicht beteiligt. Ein Kommentar von SOS-Geschäftsführer Dr. Wilfried Vyslozil, erschienen in der Süddeutschen Zeitung, Rubrik "Außenansicht", Ausgabe vom 19. Mai 2010.

Dr. Wilfreid Vyslozil
Dr. Wilfried Vyslozil ist Geschäftsführer der SOS-Kinderdörfer weltweit
Die Nothilfe ist längst erledigt, nun geht es an den Wiederaufbau - und es sieht fast so aus, als würde es in den kommenden Jahren Geld regnen über Haiti. 5,3 Milliarden US-Dollar hat die internationale Gemeinschaft für die kommenden zwei Jahre versprochen, und in den Jahren darauf soll diese Summe sogar auf 9,9 Milliarden Dollar steigen. Rechnet man noch die Hilfe nichtstaatlicher Organisationen hinzu, können mehr als die 11,5 Milliarden Dollar zusammenkommen, die Experten für den Aufbau eines einigermaßen funktionierenden Gemeinwesens in dem Land für nötig halten.

Geht es also voran? Noch immer leben Hunderttausende Haitianer unter Stoffplanen - jetzt, während der karibischen Regenzeit. Zehntausende Kinder sind von ihren Familien getrennt. Die Preise für Lebensmittel sind explodiert, für die meisten Menschen sind sie unerschwinglich. Die Armen - und das sind 80 Prozent der Haitianer - werden noch viele Monate von den Rationen der Hilfsorganisationen abhängig sein. Und bei aller Freude über die Großzügigkeit der internationalen Gemeinschaft darf nicht vergessen werden: Geld, das versprochen wurde, ist damit noch lange nicht ausbezahlt. Daran sollte man schon mit Blick auf frühere Hilfszusagen für Haiti denken. Beeindruckend klingende Summen wurden in Wirklichkeit nie in vollem Umfang ausgeschüttet.

5,3 Milliarden US-Dollar in zwei Jahren - die Summe kann einem fast ein bisschen Angst machen. Sie erinnert nämlich auch an Erfahrungen nach dem Tsunami von 2004 in Sri Lanka. Auch damals war viel Geld vorhanden - und wurde zum Teil sinnlos ausgegeben. Viel zu wenig wurde koordiniert, jede Hilfsorganisation steckte ihren eigenen Claim ab. Ein Bauboom brach über den von der Katastrophe betroffenen Küstenstreifen herein, die Preise explodierten – und mit ihnen die Korruption der lokalen Eliten. Die einfachen Menschen blieben jedoch meist außen vor. Sie wurden kaum in den Wiederaufbau eingebunden, sondern weiterhin fast nur als Opfer betrachtet. So entstanden Waisenhäuser, obwohl es gar nicht so viele Waisen gab. Es wurden Häuser gebaut, oft ohne auf die Lebensgewohnheiten der Menschen und das Klima Rücksicht zu nehmen - mit der Folge, dass viele dieser Häuser heute leer stehen und die Menschen lieber in selbstgezimmerten Hütten wohnen.

Wiederaufbau in Haiti
Ein nachhaltiger Wiederaufbau kann nur gelingen, wenn die Haitianer selbst Verantwortung übernehmen können.
In Haiti hat das Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (Ocha), Konsequenzen aus diesen Erfahrungen gezogen. Ocha hat zwölf Projektgruppen eingerichtet, in denen die Arbeit der Hilfsorganisationen aufeinander abgestimmt wird. Sie kümmern sich um so grundlegende Dinge wie Wasser, Lebensmittel, Sicherheit. Allerdings: Keine dieser Projektgruppen wird von einem Haitianer geführt. Ein nachhaltiger Wiederaufbau aber kann nur gelingen, wenn die Haitianer nicht nur als Opfer gesehen werden, sondern selbst Verantwortung übernehmen.

Die SOS-Kinderdörfer in Haiti investieren schon lange in die Ausbildung örtlicher Führungskräfte. Kleiner Rückblick: Am Tag vor der Geberkonferenz vor wenigen Wochen in New York haben wir gemeinsam mit anderen auf Kinderrechte konzentrierten, privaten Hilfswerken sowie Unicef  eine Konferenz ausgerichtet. Das Erstaunliche dabei: Celigny Darius, der Direktor der SOS-Kinderdörfer Haiti, war der einzige auf dem Podium, dessen Muttersprache das in Haiti gesprochene Creol ist.

Eine Selbsthilfe-Gruppe gibt Essen an Kinder aus
Eigeninitiative: Eine Selbsthilfe-Gruppe hat mit Unterstützung von SOS eine Suppenküche eingerichtet und gibt Essen an Kinder aus.
Bei dieser Konferenz kam es darauf an, deutlich zu machen, dass die Haitianer - und vor allem Kinder und Jugendliche - in den Wiederaufbau mit einbezogen werden. Nur wenn deren Bedürfnisse nach Bildung, Gesundheit, Arbeit und Kultur ernst genommen werden, ist ein Ausbruch aus dem elenden Kreislauf der Armut möglich. Schon vor dem Erdbeben haben die SOS-Kinderdörfer rund um das Kinderdorf in Santo bei Port-au-Prince 16 kleine Gemeindezentren betreut. Inzwischen sind es mehr als 100 geworden, die 13.000 Kindern und ihren Familien zugute kommen. Vor der Konferenz haben wir mit mehr als 1000 jungen Menschen zwischen fünf und 24 Jahren diskutiert, ihre Meinungen und Probleme gehört.

So könnte es gehen: Haiti braucht erstens einen Masterplan, in dem die Hilfe koordiniert und die Beiträge von Ländern und Organisationen aufeinander abgestimmt werden. Nur so kann verhindert werden, dass jeder sein eigenes Lieblingsprojekt angeht, doppelt und dreifach und anderes dafür gar nicht getan wird.

Zweitens braucht Haiti dringend lokale Strukturen zur Selbsthilfe. Das ist nichts Spektakuläres und kostet auch keine Milliarden. Dazu müsste das zerstörte Port-au-Prince in 25 oder 30 Zonen aufgeteilt werden und in jeder ein kleines Gemeindezentrum errichtet werden: ein Freiraum für Bildung, Ausbildung und Kultur, in dem Nachbarn ihre Fähigkeiten entdecken und entwickeln können. In solchen Zentren werden die Menschen zu sich selbst finden, zu ihrer eigenen Würde und Stärke. Um diese Zentren herum werden sich Selbsthilfegruppen bilden und Nachbarschaftskreise. Es wird Sprecher geben, die artikulieren werden, was die Menschen wollen, und was nicht. Dort werden auch einfache Mikro-Läden und Mikro-Werkstätten entstehen.

Es gibt Beispiele, die zeigen, dass selbst die Ärmsten in der Lage sind, sich selbst zu organisieren und zu artikulieren. Man denke nur an die Jugendorchester Simón Bolívar in Venezuela, die der Komponist, Ökonom und Erzieher José Antonio Abreú ins Leben gerufen hat. Die Kinder, die in diesen Orchestern musizieren, kommen aus den schlimmsten Slums. Ihre besten Ensembles werden heute mit internationalen Preisen überhäuft. Ihre Zentren in den Armenvierteln sind viel mehr als nur Musikschulen. Sie sind Treffpunkte für die Nachbarschaft, Freiräume zum Lernen und Debattieren. Um sie herum haben sich wirklich Selbsthilfegruppen organisiert. Auch in den SOS-Kinderdörfern und Gemeindezentren wurde die Erfahrung gemacht, dass sich ganz von alleine informelle Strukturen bilden, die Führungspersönlichkeiten hervorbringen. Nur wenn auf die Menschen gehört wird, kann der Aufbau in Haiti gelingen.