„Verdammter Zwang zur Neutralität“

Interview mit Dr. Wilfried Vyslozil

11.11.2014 - Bürgerkriege wie derzeit in Syrien führen Hilfsorganisationen an ihre Grenzen. Dr. Wilfried Vyslozil, Vorstand der SOS-Kinderdörfer weltweit, erklärt, wie Hilfe auch zwischen Bürgerkriegsfronten funktioniert und das Hilfswerk neutral weiterarbeiten kann.

Dr. Wilfried Vyslozil, Vorstand der SOS-Kinderdörfer weltweit.
In Bürgerkriegsgebieten geraten neutrale Hilfsorganisationen leicht zwischen die Fronten. Welche Erfahrungen haben die SOS-Kinderdörfer in dieser Situation gemacht?
In vielen Jahren der Hilfe in Krisengebieten haben auch die SOS-Kinderdörfer Kolleginnen und Kollegen verloren. Allein in Somalia starben mehrere SOS-Mitarbeiter. Niemals waren die Kollegen oder die Organisation das Ziel der tödlichen Geschosse. Aber auch verirrte Granaten und Querschläger können Leben auslöschen. Umso wichtiger ist es, strikt neutral zu bleiben, keiner Seite den Vorzug zu geben oder mit ihr zu sympathisieren.

Wie bleibt man neutral, wenn Mitarbeiter aus verschiedenen Bürgerkriegsparteien an Projekten beteiligt sind?
Das ist einfacher, wenn man später zum Konflikt hinzukommt und Hilfe erst anbietet, wenn der Krieg die ersten Opfer fordert. Doch die SOS-Kinderdörfer sind keine reisende Hilfsorganisation. Wo wir uns engagieren, tun wir das dauerhaft und langfristig. Wir waren bereits seit Jahren in Somalia, als der Krieg ausbrach. Auch im Sudan waren wir lange, bevor es zu den ersten Kämpfen kam. In diesen Ländern waren die Kollegen vor Ort meist ein Spiegelbild des Landes – zusammengewürfelt aus verschiedenen ethnischen Gruppen. Sie arbeiteten stets gut zusammen. Bis der Bürgerkrieg ausbrach und erste Tote unter den Angehörigen der Mitarbeiter zu beklagen waren.

Was bedeutet solch eine Situation für Ihre Mitarbeiter?
Die Mitarbeiter stehen oft paralysiert vor einer grausamen Zerreißprobe. Fahre ich mit der Arbeit fort? Setze ich mich weiter ein für Kinder, Arme, Geschundene? Tue ich das an der Seite des Kollegen, dessen Stammes-/Religions-/Volksangehörige den Tod eines meiner Angehörigen verschuldet haben? Oder zerfrisst mich der Hass? Schaffe ich es, das Ziel der Organisation über meine persönlichen Empfindungen zu stellen?

Stecken aktuell auch Ihre Mitarbeiter in Syrien in einem solchen Dilemma?
Ja, denn sie stammen aus den verschiedenen Bevölkerungsschichten Syriens. Aus der Schicht der regierenden Alawiten ebenso wie aus der Schicht der meist armen Sunniten. Die Arbeit schweißte sie über Jahre zusammen. Nun herrscht Krieg. Menschen werden vertrieben, leiden Not, sterben. Kann man noch neutral bleiben, wenn Verwandte bedroht, gefoltert oder getötet wurden? Muss ich meinen Kollegen jetzt hassen, weil er der „anderen“ Bevölkerungsgruppe angehört?

Wie verhindern Sie, dass in solch einer Situation die Mitarbeiter ihren Platz verlassen und das Projekt nicht mehr funktioniert?
Bislang haben die SOS-Kinderdörfer in solchen Situationen eine sehr entschlossene Projektleitung und außergewöhnliches Gefühl für die prekäre Situation gerettet. Meist waren starke Mitarbeiter im Führungsgremium, die weder nach links noch rechts sahen, sondern rigoros ihren Job machten – zugunsten der Kinder und Familien. Natürlich verließen einige Mitarbeiter ihre Posten. Doch die Mehrheit blieb, wenn sie dieses starke Vorbild hatte. Und es war stets auch behilflich, dass wir eine große, erfahrene Organisation sind. Die übergeordnete, neutrale Ebene gibt den Kollegen vor Ort Halt und Hilfestellung in Krisensituationen und kann auch Führungsaufgaben übernehmen, wenn es nötig ist. So wirkt der verdammte Zwang zur Neutralität erst paralysierend, dann aber dynamisierend. Die SOS-Kollegen in Syrien haben sich ‚zusammengerauft’. Sie diskutieren fast täglich die Situation. Aber sie haben sich entschlossen, jetzt erst recht all ihre Kraft gemeinsam in ihre Arbeit, die Hilfe von Schwachen, Armen, Vertriebenen, zu legen.

Nothilfe der SOS-Kinderdörfer in Syrien


Die Mehrheit der SOS-Mitarbeiter in Syrien blieb. Und sie heifen den Menschen vor Ort unermüdlich, so wie dieser Mitarbeiter, der Winterjacken an Kinder verteilt.
Syrien ist heute einer der gefährlichsten Orte der Welt für Kinder. Jeder zehnte Bürgerkriegstote ist ein Kind: Schätzungsweise 10.000 Kinder starben bereits im Kugel- und Bombenhagel.

Seit über 30 Jahren sind die SOS-Kinderdörfer in Syrien aktiv. Zwei SOS-Kinderdörfer, Jugendeinrichtungen und Sozialprogramme bilden ein stabiles Netzwerk, um Nothilfe zu leisten. Nachdem das SOS-Kinderdorf Aleppo aufgrund der Gefechte evakuiert werden musste, leben nun sämtliche Jungen und Mädchen im SOS-Kinderdorf Damaskus. Auch das SOS-Kinderdorf Qodsaya bei Damaskus wurde bereits einmal evakuiert. Nachdem sich die Lage stabilisiert hatte, konnten die Kinder in ihr Zuhause zurückkehren.

Die SOS-Kinderdörfer weltweit fordern die deutsche Regierung und die Vereinten Nationen auf, sich bei den gegnerischen Parteien in Syrien für Kinderschutzzonen einzusetzen, in denen Kinder in Sicherheit sind. SOS-Kinderdörfer fungieren in Krisengebieten oft als Kinderschutzzone, da sie politisch unabhängig sind. Sie bieten Kindern langfristig Sicherheit: SOS-Helfer leisten für traumatisierte Kinder psychologische Hilfe. So finden Flüchtlingskinder in der Nothilfe-Kita in Damaskus wieder Halt. Die SOS-Mitarbeiter tun alles, um den Mädchen und Jungen einen geregelten Alltag zu ermöglichen.