Mama, ich mag dich, weil du fröhlich bist

SOS-Kinderdorf Morelia in Mexiko wird als erstes der WM-Spendenaktion "6 Dörfer für 2006" offiziell eröffnet

Die 9-jährige Sol hat wenig Liebe und viele Schläge bekommen - bis sie schließlich von ihrer Mutter ausgesetzt wurde. Jetzt hat sie im SOS-Kinderdorf Morelia in Mexiko ein neues Zuhause gefunden.
 

Schulkinder im Kinderdorf Morelia - Fotos: S. Streeck
Auf die Welt zu kommen, um weggeschmissen zu werden, fühlt sich furchtbar an. Manchmal hasst Sol* sich selbst dafür, dass sie so wenig Liebe und so viele Schläge abbekommen hat. Das neunjährige Mädchen mit dem schmalen Gesicht und den großen dunklen Augen, dessen Name "Sonne" bedeutet, ist sehr ernst und lächelt kaum. Sie weiß einfach nicht, wohin mit den schlechten Erinnerungen.

Es war ein einziges Martyrium, so lange sie bei ihrer leiblichen Mutter gewohnt hat. Und am Ende fand sie sich in einem Waisenhaus wieder, zusammen mit einigen hundert anderen verlassenen Kindern, unter scheußlichen Bedingungen, in riesigen Schlafsälen, mit Kopfläusen, ohne Schuhe und ohne etwas Sauberes anzuziehen, ohne richtige Fürsorge, Liebe oder Achtung.

 


Endlich wieder lachen: Kinder bei der Eröffnung
Sol ist kein Einzelfall. Ihre Geschichte ließe sich tausendfach erzählen. Jeden Tag werden Kinder in Mexiko verlassen oder auf der Straße ausgesetzt, am Rande von Müllhalden oder auf Parkbänken. Die häufigsten Gründe dafür, dass Kinder aufgegeben werden, sind Armut, Kampf ums Überleben, Verzweiflung - verstärkt durch Alkohol- und Drogenmissbrauch. Und: Die Zahl der Alleinerziehenden wächst rapide.

Viel Geduld und viel Verständnis

Die Unterbringung der Kinder in Waisenhäusern ist eine Notlösung – Geschwister leben oft weit voneinander entfernt. So lief es auch bei Sol und ihren zwei jüngeren Schwestern. Doch inzwischen wohnen die Mädchen alle zusammen in einer Familie im SOS-Kinderdorf – mit sieben weiteren Geschwistern. Das Kinderdorf Morelia ist ganz neu, es liegt auf einem Hügel etwas außerhalb der Stadt und ist gerade eröffnet worden. Bisher ist erst die Hälfte der Häuser bewohnt, aber schon bald sollen in den ziegelroten Häusern 14 Familien und insgesamt 126 Kinder mit ihren SOS-Müttern leben.

Bis die Kinder sich im Dorf wohl fühlen und lernen, sich als Familie zu verstehen, müssen die SOS-Mütter viel Geduld haben und viel Verständnis aufbringen. Zum Beispiel Sols Mutter Silvia. Ihr Ältester Hugo kennt bisher nur den Einsatz von Fäusten und Ellbogen, um sich durchzusetzen. Gerne stellt er sich auch taub. Eine typische Szene aus dem Familienalltag: Hugo, mach doch bitte den Fernseher aus, sagt Silvia, während sie das Abendessen auf den Tisch stellt. Doch Hugo reagiert nicht. Mit Nachdruck wiederholt Silvia die Anweisung. Sechsmal. Aber Hugo bewegt sich einfach nicht. Silvia bleibt ruhig. Auch wenn es heute nicht klappt – die Mutter weiß aus ihrer Erfahrung als SOS-Mutter, dass die meisten Veränderungen viel Geduld und Zeit brauchen.

 


Eins von 126 Kindern, die im Kinderdorf eine neue Familie finden
Die Kinder fangen an zu essen – ohne Hugo. Der kleine Miguel hält seinen bunten Trinkbecher hoch und stößt fordernde Laute aus, die wie ein Stöhnen klingen. Er ist vier Jahre alt, aber kann noch nicht sprechen. Viele der Kinder sind in der Entwicklung hinterher oder verhaltensauffällig, weil sie dort, wo sie herkommen, keine Zuwendung bekommen haben und niemanden hatten, der ihnen Aufmerksamkeit oder Fürsorge geschenkt hat. Andere wurden misshandelt und mussten sich in den Waisenhäusern erneut körperlich gegen Ältere und Stärkere zur Wehr setzen.

"Das Schönste sind die kleinen Erlebnisse", sagt SOS-Mutter Silva  

So auch Sol und ihre Schwestern, die schnell um sich schlagen und schreien, wenn sie sich bedroht oder ungerecht behandelt fühlen. Silvia sagt, die größte Herausforderung bestehe darin, die Kinder als eigene anzunehmen und zu erziehen, ihre Entwicklungsrückstände auszugleichen und sie gezielt zu fördern, gleichzeitig aber auch diesen großen Haushalt zu führen, mit Kochen, Putzen und Waschen - allem, was eben dazu gehört.

"Freie Zeit? Habe ich so gut wie keine", sagt Silvia abends, als sie alle neun Kinder ins Bett gebracht hat, und sieht dabei sehr erschöpft aus. Doch die Freude und Anerkennung, die sie von den Kindern zurückbekommt, wiegt vieles auf, auch die Kraft, die sie der Alltag kostet. "Das Schönste sind die kleinen Erlebnisse", schwärmt sie, "wenn ein Kind sagt ‚Silvia, ich liebe dich’." Sol hat ihr erst heute Morgen zugeflüstert: "Mama, ich mag dich, weil du so fröhlich bist"." Zum ersten Mal hat sie dabei gelächelt. Das hat Silvia gezeigt, dass sie auf dem richtigen Weg ist mit den Kindern.

Um die neun Kinder geordnet durch den Tag zu bringen, bedarf es klarer Strukturen und manchmal auch kleiner Tricks. Morgens um halb sieben beginnt für SOS-Mutter Silvia die erste Bewährungsprobe. Nach dem Frühstück muss sie ihre Jüngsten Aurelia, Juana und Carlos anziehen und sie schnell in den Kindergarten bringen. Obwohl dieser gleich in Laufnähe des Dorfs liegt, wird es zeitlich meistens knapp. Die Mädchen trödeln, zupfen an ihren Haaren herum. Dann sagt Silvia: Wer schafft es am schnellsten bis zum Eingangstor? Und schon sieht man die Kleinen losrennen, kichernd und mit wippenden Rucksäcken.

Sol hat ein neues Zuhause gefunden und wird nicht mehr wie ein Stück Abfall behandelt

Die älteren Kinder Hugo, Sol und Antonia gehen erst nachmittags zur Schule: ein Sammeltaxi holt alle älteren Kinder im Dorf ab, um sie in die Schule auf der anderen Seite der Stadt zu fahren, sie kommen gegen halb sieben zurück. Abends, wenn alle Kinder im Bett sind, setzt Silvia sich gerne vor den Fernseher. "Dann schaue ich meine Lieblingsserie und nähe nebenher Knöpfe an oder flicke zerrissene Kleider der Kinder."

 


Kinderdorfmutter Silvia mit ihren Kindern
Michoacan, dessen Hauptstadt Morelia ist, gilt als einer der ärmsten Staaten Mexikos. Die Männer wandern zu Tausenden in die USA ab, die Mütter bleiben allein zurück. Dass Kinder "nur" mit einer Mutter aufwachsen, gehört zum Alltag. Dass die Mütter die Nerven verlieren, weil sie sich allein gelassen und überfordert fühlen, dass sie ihre Kinder schlagen oder sogar aussetzen, weil sie sie nicht mehr ernähren können, zeigt die Geschichte von Sol. Und Sol hatte Glück. Sie hat ein neues Zuhause gefunden, in dem sie wie ein Mensch behandelt wird, nicht mehr wie ein Stück Abfall. Wenn sie nach Hause kommt, freut sich jemand auf sie. Das ist schon etwas ganz Besonderes hier.

Das neue SOS-Kinderdorf ist noch im Aufbau: Bisher ist erst die Hälfte der Häuser bewohnt, bald sollen in den ziegelroten Häusern 14 Familien und insgesamt 126 Kinder mit ihren SOS-Müttern leben. Das Dorf ist Teil der Siedlung El Primo Tapio, ein eher ärmliches Viertel, in dem ein paar tausend Familien leben. Das Leben im Viertel verbessert sich allmählich, Anlass zur Euphorie besteht nicht, die Stadtverwaltung kommt nur langsam vorwärts. Die Straßen haben Löcher und sind nachts schlecht beleuchtet, es mangelt an Abwasserentsorgung. "Ich träume davon, dass unser Dorf auch Vorbild sein kann für die Umgebung", sagt Dorfleiter Adrian. Damit ein besseres Leben keine bloße Utopie bleibt, sondern eines Tages Wirklichkeit wird – auch außerhalb des SOS-Kinderdorfs. Silja Streeck

*Namen der Kinder geändert

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