"Massenunterkünfte müssen tabu sein für Kinder"

Interview mit SOS-Pressesprecher Louay Yassin zur Petition der SOS-Kinderdörfer

21.12.2015 - Tausende Flüchtlinge kommen täglich auf dem Balkan an, um später in die EU einreisen zu können. Viele wollen weiter nach Deutschland oder Österreich. Die Menschen sind erschöpft von den Strapazen ihrer Flucht. Darunter sind auch viele Kinder und Jugendliche.

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Alleine im Jahr 2015 kommen rund 30.000 unbegleitete Flüchtlingskinder nach Deutschland. Foto:Joris Lugtigheid

Vor allem die Kinder sind auf der Flucht vielen Gefahren wie Entführung, Gewalt, Missbrauch und Menschenhandel ausgesetzt. Für mehr Schutz für Flüchtlingskinder setzen sich die SOS-Kinderdörfer ein. Die Hilfsorganisation versorgt entlang der Flüchtlingsroute, aber auch in Deutschland Flüchtlingskinder und ihre Familien mit dem Nötigsten. Mit einer Online-Petition an die Bundesregierung wollen die SOS-Kinderdörfer dafür sorgen, dass der Schutz der Flüchtlingskinder auch von politischer Seite verstärkt wird. Der Pressesprecher der Kinderhilfsorganisation Louay Yassin spricht im Interview über die Flüchtlingshilfe der SOS-Kinderdörfer.

Herr Yassin, wie groß ist der Anteil an Kindern und Jugendlichen unter den Flüchtlingen, die zu uns nach Deutschland kommen?
Bei uns rechnet man damit, dass bis Herbst 2016 rund 300.000 Flüchtlingskinder im Schulalter ankommen. Es gibt auch viele Kinder, die ohne Eltern und Verwandte nach Deutschland kommen. Alleine in diesem Jahr werden rund 30.000 unbegleitete Flüchtlingskinder nach Deutschland kommen. Um diese Kinder und Jugendlichen muss man sich besonders kümmern, diese muss man besonders schützen. Man denke nur an den schrecklichen Fall des kleinen Mohamed in Berlin.
 

Sie haben durch Ihre Arbeit viel Kontakt zu den Flüchtlingskindern. Können Sie uns ein Schicksal eines Flüchtlingskindes schildern? Was sind die besonderen Gefahren und Belastungen, denen sie ausgesetzt sind?


Flüchtlingskinder brauchen besseren Schutz - Foto: Joris Lugtigheid

Ich habe erst kürzlich einen Flüchtlingsjungen kennengelernt, Faisal. Er ist 15 Jahre alt und kommt aus Syrien. Dort hat er miterlebt, wie sein Vater vor seinen Augen erschossen wurde. Mit seiner Mutter und seiner kleinen Schwester ist er in die Türkei geflohen. Aber bei der gefährlichen Flucht durch Nord-Syrien wurde er von seiner Familie getrennt. Er konnte sie nicht wiederfinden. Er weiß nicht einmal, ob sie noch leben. Dann folgte er einem anderen Jungen über das Meer nach Griechenland. Das Boot kenterte, zwei Menschen ertranken. Solche Schicksale gibt es sehr viele. Viele Kinder sind durch die Erlebnisse auf der Flucht schwer traumatisiert. In Massenunterkünften sind sie zudem Gefahren ausgesetzt wie Missbrauch oder Misshandlungen.
 

Die SOS-Kinderdörfer haben einen Petitionsbrief an Peter Altmaier, den Flüchtlingskoordinator der Bundesregierung, geschrieben. Was sind Ihre Forderungen?
Wir fordern, dass Kinder und Jugendliche besonders geschützt werden müssen: In ihrem Heimatland wie Syrien, auf der Fluchtroute über den Balkan und auch hier in Deutschland. Sie brauchen mehr als die Sicherung des Überlebens. Sie müssen vor allem auch geschützt werden vor Entführung oder Gewalt. Unterbringung in Massenunterkünften muss tabu für Kinder sein. Das ist viel zu gefährlich. Selbst hier bei uns.

 


Stundenlanges Warten bei eisiger Kälte: Flüchtlingsfamilie auf dem Balkan. Foto: Katerina Ilievska.

Viele Kinder auf der Flucht haben Schreckliches erlebt. Welche besondere Behandlung brauchen Kinder, die Gewalt und Leid auf der Flucht erfahren haben?
Die kindgerechte Unterbringung habe ich ja schon angesprochen. Zudem brauchen die Kinder psychologische Unterstützung, damit sie die schrecklichen Erlebnisse und Bilder verarbeiten können. Und sie brauchen schnellen Zugang zu Bildung, Sprachförderung und Ausbildung – also sie brauchen eine schnelle Integration. Das sind genau die Maßnahmen, die wir auch in unserer Petition an die Bundesregierung fordern. Wir hoffen, dass uns viele Menschen unterstützen und die Petition unterzeichnen.

  
Herr Yassin, vielen Dank für das Gespräch.