Finanzkrise: Hunger und Armut nehmen zu

Interview mit Prof. Dr. Messner vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik

06.11.2008 - Finanzkrise, Bankenpleiten, Staaten kurz vor dem Bankrott – die Welt steuert auf eine tiefgreifende Wirtschaftskrise zu. Hierzulande bangen die Menschen um ihre Ersparnisse oder den Arbeitsplatz. Doch was bedeutet die Finanzkrise für die Menschen in den Entwicklungsländern? Werden Hunger und Armut zunehmen? Ein Interview mit Prof. Dr. Dirk Messner, Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE).

 

Prof. Dr. Dirk Messner - Foto: DIE
Prof. Dr. Dirk Messner - Foto: DIE
Wie trifft die weltweite Finanzkrise die Entwicklungsländer?
Die Finanzkrise entwickelt sich gerade zu einer globalen Rezession. Es wäre unrealistisch zu glauben, dass die Entwicklungsländer davon verschont bleiben würden. Die Gruppe der Schwellenländer ist als erste betroffen, weil diese Länder am stärksten in die Weltwirtschaft integriert sind. Wir erleben gerade einen Abfluss von Kapital aus den Schwellenländern in Asien und aus Osteuropa. Der Grund dafür ist, dass die Finanzmärkte in den Industrieländern wegen der aktuellen staatlichen Hilfen sicherer sind. Wir haben sozusagen Sicherheitsnetze aufgespannt, mit 500 Milliarden Euro in Deutschland, mit 200 Billionen Euro in Europa. Jetzt fließt das Kapital dort ab, wo Unsicherheit vorherrscht: unter unsere sicheren Schirme. Deswegen kommt nun die Wirtschaft in den Schwellenländern ins Trudeln.

 

Wie setzt sich die Spirale fort, wenn die Folgen der Finanzkrise voll auf die Weltwirtschaft durchschlagen?
Die zweite Welle wird gerade auch die ärmsten Länder der Welt treffen: Länder, die mit schwachen Exportstrukturen ausgestattet sind, zuwenig Nahrungsmittel produzieren, um sich selbst versorgen zu können, und die hoch verschuldet sind. Und jetzt bekommen sie den nächsten Schock über die Finanzkrise zu spüren: Ihre Exporte werden noch weiter sinken, die Preise für Rohstoffe werden fallen, auch da fließt Kapital ab und deren Zugang zu den Kapitalmärkten geht ebenfalls zurück. Gerade in der zweiten Welle der Wirkungen werden die Armutsraten ganz sicher zunehmen. Das wird vor allem die Länder in Afrika südlich der Sahara aber auch einige in Asien und besonders in Südasien betreffen.

Globale Rezession - was bedeutet das konkret für die Ärmsten der Armen?
Wir haben es weltweit mit einer Milliarde Menschen zu tun, die in absoluter Armut leben und unter einem 1 US-Dollar pro Tag und Kopf verdienen. Diese Menschen geben bis zu 70 bis 90 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus. Das heißt: Wenn da auch nur die winzigste Einnahmequelle wegfällt - z.B. wenn sich durch den Verkauf von Getränken oder Kaugummis auf den Straßen plötzlich weniger verdienen lässt -, dann wird da ganz schnell aus einer ohnehin prekären Lage eine Überlebenssituation und Menschen hungern.

Das heißt also: Armut und Hunger werden als Folge der Finanzkrise zunehmen?
Die Vereinten Nationen haben sich mit ihren Millenniumszielen eigentlich vorgenommen, die weltweite Armut bis 2015 zu halbieren.
Dieses Ziel ist eigentlich schon durch die Nahrungsmittelkrise im Verlauf dieses Jahres Makulatur geworden. Allein 2008 ist die Zahl der Menschen, die in absoluter Armut leben, um 100 Millionen angewachsen. Im Verlauf einer weltweiten Rezession wird sich diese Zahl der Armen ganz sicher weiter erhöhen. Wir werden in den nächsten zwei Jahren sehr viel tun müssen, um die Situation zu stabilisieren.

Was sind aus Ihrer Sicht die wirksamsten Maßnahmen, mit denen die Entwicklungszusammenarbeit der gegenwärtigen Krise begegnen kann?
Was fordern Sie als Entwicklungsexperte?

Es gibt keine 08/15-Lösung. Wir müssen ganz genau beobachten, wie sich die Effekte der Finanzkrise auf die einzelnen Länder auswirken, aber dann schnell handeln. Eine ganze Reihe von Ländern wird in Verschuldungskrisen geraten. Dem lässt sich durch Beistandskredite oder Entschuldung begegnen. In anderen Ländern besteht die Gefahr, dass der Agrarsektor wegbricht. Da kann die EU durch Zollsenkungen helfen. Aber das dürfen wir nicht erst in den nächsten zwei, drei Jahren in Angriff nehmen, sondern das müssen wir sofort tun. Am besten wäre ein Krisenplan der Europäischen Union, um adäquat reagieren zu können.

Welche Chancen sehen sie dafür? Regierungen kündigen ja bereits an, bei der Entwicklungshilfe zu sparen…
Alle, die sich für Entwicklungspolitik engagieren, müssen jetzt lautstark ihre Stimme erheben, um deutlich zu machen, wie wichtig es ist, in den armen Regionen der Welt aktiv zu werden. Aber in der Tat: Die Gefahr ist sehr groß, dass die Mittel für Entwicklungspolitik zusammengestrichen werden. Denn in den Industrieländern werden sehr große Aufgaben auf die Haushalte zukommen: die Automobilindustrie soll gestützt werden, wir sollen Konjunkturprogramme bekommen, wir müssen die steigenden Arbeitslosenzahlen finanzieren. In dieser Situation die Mittel für Entwicklungszusammenarbeit auch nur stabil zu halten oder gar steigen zu lassen, das wird sehr schwer sein. Denn die Lobby für diese Ausgaben ist sehr gering.

Und wenn der Westen nicht handelt?
Dann haben wir zwei Folgen zu befürchten. Erstens: All diese Länder geraten noch stärker in die Krise und wir haben am Ende noch mehr fragile und scheiternde Staaten. Das bedeutet: Wir bekommen deswegen noch mehr Sicherheitsprobleme als heute schon. Und der zweite Punkt ist: Wenn wir nicht zu unseren Zusagen stehen, die wir seit vielen Jahren machen, nämlich arme Länder zu stärken, wird der Westen weitere Legitimationsprobleme erleiden. Dann werden sich die Entwicklungsländer woanders umschauen: Das könnten Russland oder China sein, an die sie sich dann wenden.

Gerade jetzt sind Hilfsorganisationen auf Spenden angewiesen, um helfen zu können. Doch angesichts von Finanzkrise und weltweiter Rezession ist ein Einbruch bei den Spenden zu befürchten.
Die Spendenbereitschaft ist ja immer sehr groß, wenn es sich um humanitäre Katastrophen handelt, die sich in dramatischen Bildern darstellen lassen, wie z.B. nach Wirbelstürmen, Hurrikans oder Flutwellen. Womit wir es jetzt zu tun haben, ist ein schleichender Prozess: In den ärmsten Entwicklungsländern wird die absolute Armutsquote sukzessive von 40 auf 50 oder 55 Prozent ansteigen. Es dürfte nicht leicht sein, das sichtbar zu machen und die entsprechende Spendenbereitschaft zu mobilisieren - besonders wenn sich hier die Menschen Sorgen um ihre Arbeitsplätze und ihre Zukunft machen.

Was kann jeder Einzelne tun?
Der Einzelne kann seriöse Hilfsorganisationen unterstützen, damit diese ihre Arbeit machen und helfen können: im humanitären Bereich und durch Projekte der Entwicklungszusammenarbeit.

Herr Professor Messner, wir danken Ihnen für das Gespräch!