Internationale Expertentagung zum Thema Jugendbetreuung

06.10.2009 - Am 7. und 8. Oktober findet in der litauischen Hauptstadt Vilnius eine internationale Expertentagung zum Thema "Unterstützung fremdbetreuter Jugendlicher" statt. Zusammen mit dem Europarat und UNICEF veranstalten die SOS-Kinderdörfer die Tagung.

Jugendliche Mädchen im SOS-Kinderdorf
Gut vorbereitet auf ein Leben in Selbstständigkeit: Jugendliche Mädchen im SOS-Kinderdorf
Irgendwann ist es für jeden an der Zeit, von Zuhause auszuziehen und das Leben in die eigene Hand zu nehmen. Manch einer sehnt diesen Moment herbei, bedeutet es doch ein großes Stück mehr Eigenverantwortung und Selbstständigkeit. Für andere ist es ein Sprung ins kalte Wasser, ein mit Angst und Unsicherheit besetzter Schritt. Besonders schwierig ist er für Jugendliche, die nicht mit den eigenen Eltern, sondern in einer sozialen Einrichtung aufgewachsen sind. Gerade diese Jugendlichen müssen früher auf eigenen Beinen stehen, als ihre Altersgenossen, die in ihrer leiblichen Familie aufgewachsen sind. Internationale Studien zeigen, dass sie nicht nur früher selbstständig sein müssen, sondern dazu noch mit größeren Problemen konfrontiert sind: Fremdbetreute Jugendliche sind oft schlechter ausgebildet, finden seltener einen Job, der zu ihren Qualifikationen passt und sind häufiger arbeits- und obdachlos. Das Risiko, unterhalb der Armutsgrenze leben zu müssen und von der Sozialhilfe abhängig zu sein, ist höher als bei ihren Altersgenossen. Und obwohl die Schwierigkeiten bekannt und mittlerweile auch gut belegt sind, gab es bisher kaum Bemühungen, die Zukunftsperspektiven für diese Jugendlichen zu verbessern. Dies soll sich nun ändern.

Auf der Konferenz in Vilnius soll ein Erfahrungsaustausch zwischen den Teilnehmern stattfinden. Sie werden gemeinsam die wichtigsten Bereiche herausarbeiten, in denen die Betreuung der Jugendlichen verbessert werden muss. Hauptthemen dabei sind: Emotionale Stabilität, Bildung, Arbeitsplatz, die erste eigene Wohnung. Als Ergebnis der Tagung sollen den Verantwortlichen in Europa Methoden und Instrumente zur Verfügung gestellt werden, welche die Qualität und Effizienz in der Unterstützung von fremd betreuten Jugendlichen verbessert.

"Leaving Care" - ein Projekt der SOS-Kinderdörfer

SOS-Kinderdörfer hat in der Begleitung von Kindern und Jugendlichen in ein unabhängiges Leben eine besondere Kompetenz. Vor 60 Jahren wurden die ersten Kinder im Kinderdorf Imst aufgenommen. Rund 15 Jahre später waren die ersten Jugendlichen dem Kinderdorf entwachsen. Bis heute sind es weltweit 46.000. SOS-Kinderdörfer blickt damit auf eine jahrzehntelange Erfahrung mit dem Prozess, Jugendliche auf ein Leben in Selbstständigkeit vorzubereiten, zurück.

Jugendliche mit ihrer SOS-Mutter
Aufgewachsen im SOS-Kinderdorf: Eine Jugendliche mit ihrer SOS-Mutter.
Einer der Erfolgsindikatoren für die SOS-Kinderdörfer-Arbeit ist die Fähigkeit eines Kindes, eines Tages ein selbstständiges, erfülltes Leben zu führen. Dafür wird viel getan: Auf die Schulbildung der Kinder und Jugendlichen wird großer Wert gelegt, ebenso wie auf die Entwicklung sozialer Kompetenz. Ein wichtiger Schritt ist Umzug aus dem SOS-Kinderdorf in eine Jugendwohneinrichtung. Er wird entsprechend gut vorbereitet. Auch anschließend, nach Abschluss ihrer Ausbildung, werden die jungen Erwachsenen weiter begleitet und können sich mit ihren Sorgen und Nöten jederzeit an SOS-Betreuer wenden. SOS will damit erreichen, dass ein SOS-Kinderdorf-Kind die gleichen Chancen hat wie alle anderen Kinder auch.

Doch der Blick liegt nicht nur auf den eigenen Einrichtungen und den SOS-Kindern und SOS-Jugendlichen. Um die Situation für alle fremd betreuten Jugendlichen über die Grenzen von SOS-Kinderdorf hinaus zu verbessern, hat SOS-Kinderdörfer 2009 den Startschuss für ein auf drei Jahre angelegtes Projekt gegeben. Der Fokus liegt dabei zunächst auf fünfzehn europäischen und zentralasiati-schen Ländern. Das Projekt verfolgt drei Ziele: 

  • Besseres Verstehen und Wissenstransfer: Erkenntnisse über Jugendliche, die eineBetreuung verlassen, werden gesammelt und an Fachleute und Praktikern weitergegeben, die mit dem Thema konfrontiert sind.
  • Beteiligung Jugendlicher: Die Meinungen und Ansichten der betroffenen Jugendlichen sollen starken Einfluss auf das Projekt haben. Damit können sie selbst auf eine Verbesserung der Per-spektiven hinwirken und ihre Sicht einbringen.
  • Verbesserung der Gesetzgebung innerhalb der einzelnen Länder und Bewilligung angemessener Budgets für die Jugendarbeit sowie Verbesserung der international gültigen Qualitätsstandards.

Am Ende des Projekts soll u.a. den Entscheidern und Praktikern der teilnehmenden Länder ein Paket von Empfehlungen vorgelegt werden, die eine Verbesserung der Zukunftsperspektiven für die betroffe-nen Jugendlichen bewirken.

Die SOS-Kinderdörfer setzen sich seit ihrer Gründung für die Verbesserung von Lebensbedingungen und Entwicklungschancen von Kindern und Jugendlichen ein. So beispielsweise auch im Projekt „Quality 4 Children“ , das wesentlich zur Verbesserung von Qualitätsstandards in der Betreuung von elternlosen Kindern in Europa beigetragen hat.