Viel Nachholbedarf bei Gleichberechtigung!

Interview zum Weltfrauentag am 8. März 2015 mit Ulla Sensburg, Vorständin der SOS-Kinderdörfer weltweit

08.03.2015 - Brauchen wir wirklich „weibliche Ampelfiguren“, „Unisextoiletten“ und die Umbenennung von Studentenwerken in „Studierendenwerk“? Darüber wird aktuell in Deutschland heiß diskutiert. Zusammengefasst wird all das seit einiger Zeit unter dem Begriff „Gender-Mainstreaming“. Der 8. März, also der "Weltfrauentag" oder auch "Internationaler Frauentag", einst von der UN gegründet, ist eine gute Gelegenheit, um über die Rolle der Frau und die Gleichberechtigung zu reden – und zwar mit Ulla Sensburg. Sie ist Vorständin der „SOS-Kinderdörfer weltweit“ und damit beruflich in einer absoluten Männerdomäne unterwegs.

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Ulla Sensburg, Vorständin der SOS-Kinderdörfer weltweit, äußert sich am Weltfrauentag zum Thema Gleichberechtigung. Foto: SOS Archiv

Frau Sensburg, Sie arbeiten selbst in einem Bereich, der nach wie vor von Männern dominiert wird. Aus Ihrer eigenen Erfahrung, was würden Sie sagen? Ist der „Weltfrauentag“ in Deutschland noch zwingend nötig, auch wenn viele – gerne auch Männer – ja meinen, bei uns sei doch alles bestens … 
Ich glaube schon, dass der Weltfrauentag noch notwendig ist. Deutschland ist zwar nicht so schlecht. Trotz allem haben wir Nachholbedarf. Zum Beispiel sind wir weit abgeschlagen, was die Anzahl von Frauen in Führungspositionen angeht. Auch bei den Gehältern ist es nach wie vor oft so, dass Frauen in gleichen Positionen weniger verdienen als die männlichen Kollegen.

Lange wurde über die Frauenquote bei uns diskutiert, nun wird sie 2016 aller Voraussicht nach eingeführt. Allerdings betrifft die 30-Prozent-Quote nur etwas über 100 Dax-Unternehmen. Die Quote wird dennoch von einigen „als Meilenstein auf dem Weg zu mehr Gleichberechtigung“ gefeiert, anderen geht sie nicht weit genug. Wie sehen Sie das?
Ich glaube, dass es ein guter Anfang ist. Ich glaube aber auch, dass in einigen Jahren keiner mehr von dieser Quote sprechen wird, weil es einfach selbstverständlich ist, dass Frauen in Aufsichtsräten vertreten sind.

In vielen Ländern gibt es das Wort „Gleichberechtigung“ vermutlich nicht mal. Welche Länder sind denn da Ihrer Erfahrung nach besonders „weit hinten“?   
Ich will gar kein bestimmtes Land nennen. Ich habe viele Länder gesehen, bei denen ich den Eindruck hatte, dass die Stellung der Frau noch überhaupt kein Thema ist. Wenn Sie sich die weltweiten Zahlen anschauen, sind 70 Prozent der Kinder, die keinen Zugang zur Bildung haben, sind Mädchen. Und zwei Drittel der weltweiten Analphabeten sind nach wie vor Frauen. Und Frauen finden Sie auch ganz oft in den Niedriglohnsektoren dieser Länder. Und ich denke, das sagt schon sehr viel.
 


Beispiel Äthiopien: Hier lernen Frauen im Rahmen der SOS-Familienhilfe lesen und schreiben. Foto: Tommy Standun

Wie sehr beeinflusst das denn in diesen Ländern die Arbeit der SOS-Kinderdörfer? Es ist sicher nicht ganz einfach, wenn zum Beispiel SOS-Mütter, die ja innerhalb Ihrer Organisation und auch nach unserem Verständnis eine große und sehr wichtige Rolle spielen, in der jeweiligen Gesellschaft nicht so angesehen sind. Ein Problem?  
SOS ist natürlich in vielen Kulturen unterwegs, in denen Frauen, die zum Beispiel Witwen sind oder Alleinerziehend, ganz automatisch an den Rand der Gesellschaft rutschen. Und es ist ja genau unsere Arbeit, diese Frauen zu unterstützen. Sei es, dass sie eine Ausbildung zur SOS-Mutter bekommen oder im Rahmen der SOS-Familienhilfe. Das hilft diesen Frauen, ihren Platz in der Gesellschaft wiederzufinden und auf diese Art und Weise beeinflussen sie dann auch die nächste Generation. Das ist dann wieder der nächste Schritt in Sachen Gleichberechtigung der Frau.

Sie haben vorhin gesagt, dass Sie glauben, dass in Deutschland das Thema „Frauen in Führungspositionen“ schon bald kein großes mehr sei, eben weil es dann ganz normal sei. Sind Sie auch international so optimistisch? Glauben Sie, dass sich in da in vielen Ländern was zum Positiven ändern wird?  
Ich hoffe es sehr. Ich treffe immer wieder junge Frauen auf der ganzen Welt, die sich sehr stark für Gleichberechtigung einsetzen und von denen jede bereit ist, ihren Beitrag zu leisten. Wenn ich mir das anschaue, glaube ich schon, dass es eines Tages kein Thema mehr sein wird.

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