Weltkindertag

Interview mit SOS-Pressesprecher Louay Yassin

19.09.2016 - Am 20. September ist Weltkindertag. In diesem Jahr steht der Tag unter dem Motto: Kindern ein Zuhause geben! Was so vergleichsweise banal klingt, ist in vielen Teilen der Welt alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Darüber spricht Louay Yassin, Pressesprecher der SOS-Kinderdörfer weltweit, im Radio-Interview.

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Über 60 Millionen Kinder können weltweit nicht zur Schule gehen.

Herr Yassin, aus Ihrer Sicht dürfte der Weltkindertag kein Tag der uneingeschränkten Freude sein, oder?

Nein, leider nicht, dazu geht es weltweit leider viel zu vielen Kindern schlecht. Nur ein paar Beispiele: 28 Millionen Kinder sind vor Krieg und noch einmal 22 Millionen vor extremer Armut auf der Flucht. Diese Kinder fliehen, um nicht zu sterben. Über 60 Millionen Kinder können nicht einmal in die Grundschule gehen. Das heißt: Sie lernen weder lesen noch schreiben noch rechnen.

Ich vermute mal, dass Sie uns noch viel mehr Beispiele nennen können, dass es für Kinder in vielen Teilen der Erde weiterhin sehr schlecht aussieht …

Ja, ich könnte noch viel mehr Zahlen nennen: Über sechs Millionen Kinder sterben jährlich an vermeidbaren Krankheiten. 170 Millionen Kinder müssen sehr schwer arbeiten oder werden versklavt. Aber immerhin gibt es auch Fortschritte. Die Zahl der Kinder, die an Hunger sterben, hat deutlich abgenommen – durch die Entwicklungsarbeit von Staaten und Hilfsorganisationen. Das gilt auch für die Zahl der Kinder, die nicht zur Schule gehen, oder für andere Missstände. Man kann also wenigstens sagen, wir sind zumindest auf dem richtigen Weg.

Und in Deutschland? Dass wir, verglichen damit, sicher auf einer Insel der Glückseligen leben, ist wohl uns allen klar. Wie sieht es allerdings aus, wenn man Deutschland für sich betrachtet, wie ist da die Entwicklung?

Ja, im Gegensatz zu einem Kind in Afrika lebt ein deutsches Kind natürlich sehr gut. Alle gehen zur Schule, niemand muss hungern, bei Krankheiten geht man zum Arzt. Aber es gibt auch hier Armut. Über zwei Millionen Kinder in Deutschland sind von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht. Etwa jedes siebte Kind lebt in einem Hartz-IV-Haushalt.

Was bedeutet das denn eigentlich im Alltag vieler Kinder ganz konkret?

Das heißt zum Beispiel, dass etwa jedes vierte Kind nicht in Urlaub fahren kann - mit den Eltern, mit einer Gruppe oder allein. Viele Kinder können nicht einmal ins Kino gehen. Und in Deutschland ist Armut häufig mit Bildungsferne verknüpft. Das heißt: Diese Kinder erhalten nicht die Bildung, die sinnvoll für sie wäre. Hier setzen die SOS-Kinderdörfer an. Wir fordern eine gute Bildung für alle Kinder, ob arm oder reich. Der Staat muss hier bei diesem Thema noch sehr viel mehr tun.