Umsetzung der Millenniumsziele

Bilanz kurz vor Ende der Frist: Was wurde erreicht?

Die Halbierung von Armut und Hunger, Grundschulbildung für alle, Senkung der Kindersterblichkeit – bis Ende 2015 soll die Umsetzung der Millenniumsziele der Vereinten Nationen erreicht werden. Während die Frist abläuft, ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Droht die Umsetzung der Millenniumsziele zu scheitern?

Acht ehrgeizige Ziele setzten sich die damals 189 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen (UN) im Jahr 2000 auf ihrem Gipfeltreffen: In ihrer Millenniumserklärung verpflichteten sich die Staaten, die sogenannten Millenniums-Entwicklungsziele (Millennium Development Goals) bis zum Jahr 2015 umzusetzen. Zum ersten Mal beschloss die internationale Staatengemeinschaft, die Armut in der Welt drastisch zu reduzieren – eine große Herausforderung und ein historischer Schritt. 15 Jahre sind seit diesem Gipfeltreffen vergangen, das Jahresende 2015 naht. Und was hat sich bisher getan? Wie realistisch ist die Umsetzung der Millenniumsziele zu diesem Zeitpunkt noch?

Millenniumsziele – Umsetzung Ziel 1: Armut und Hunger halbieren

Das Ziel der Halbierung der Armut wurde bereits im Jahr 2010 erreicht: Der Anteil der Menschen, die mit weniger als 1,25 Dollar pro Tag auskommen müssen, sank von 47 % im Jahr 1990 auf 22 % im Jahr 2010. 2010 lebten also bereits 700 Millionen Menschen weniger in Armut als noch 1990. Gleichzeitig sank die absolute Zahl der in extremer Armut lebenden Menschen von 1,9 Milliarden im Jahr 1990 auf 1,2 Milliarden im Jahr 2010.

Wenngleich dies ein großer Erfolg ist, sind die Fortschritte bei der Armutsminderung ungleich verteilt. Einige Regionen, darunter Ostasien und Südostasien, haben die Zielvorgabe, die Quote extremer Armut zu halbieren, erreicht, während andere Regionen wie Afrika südlich der Sahara und Südasien noch zurückliegen. Prognosen der Weltbank zufolge wird Subsahara-Afrika das Ziel bis 2015 wohl nicht erreichen.

Dem Hunger in der Welt entsprechend entgegen zu wirken, hat dagegen bislang nicht funktioniert. Die Zahl der Hungernden ist zwar zurückgegangen, konnte jedoch nicht halbiert werden: 842 Millionen Menschen, etwa ein Achtel der Weltbevölkerung, gelten weltweit als unterernährt, das sind 170 Millionen Menschen weniger als im Jahr 1990. Weltweit ist weiterhin jedes siebte Kind unter fünf Jahren untergewichtig.

Die große Mehrheit der Hungernden, 827 Millionen, lebt in Entwicklungsregionen. Diese Regionen sind im Kampf gegen Hunger erheblich vorangekommen: Der Anteil der unterernährten Menschen – derjenigen, die nicht regelmäßig ausreichende Nahrung für ein aktives, gesundes Leben beschaffen können – sank von 23,6 Prozent in den Jahren 1990-1992 auf 14,3 Prozent in den Jahren 2011-2013. Dennoch lagen die Fortschritte des letzten Jahrzehnts unter denen der 1990er Jahre. Die Erfolgsbilanz der Regionen und Länder im Kampf gegen  Unterernährung ist zudem sehr unterschiedlich.

Fazit: Hunger nimmt weiter ab, aber zur Erreichung der Zielvorgabe sind weiter erhebliche Anstrengungen nötig - insbesondere in den Ländern, die bislang kaum vorangekommen sind.

Millenniumsziele – Umsetzung Ziel 2: Grundschulbildung für alle


"Ich gehe in die 6. Klasse": Eine Schülerin der SOS-Schule in Mogadischu, Somalia, zeigt stolz ihr Schreibheft.

Im Jahr 2000 besuchten 102 Millionen Kinder keine Grundschule. In den ersten zehn Jahren der UN-Millenniumskampagne konnten bei der Alphabetisierung beachtliche Fortschritte erzielt werden: 2011 sank die Zahl der Kinder, die keinen Zugang zur Schulbildung erhielten, auf 57 Millionen. Trotzdem befürchten die Vereinten Nationen, ihr Ziel hier nicht zu erreichen. Der Grund dafür ist, dass das Tempo, mit dem die Alphabetisierung in den ersten Jahren voranging, erheblich abgenommen hat. In den Jahren 2008 bis 2011 ging die Zahl der Kinder, die keine Grundschule besuchen, insgesamt um nur drei Millionen zurück. Bleibt es bei diesem Tempo, werden auch 2015 nicht alle Kinder dieser Welt die allgemeine Grundschulbildung erhalten. Die Hauptursache dafür ist die andauernde Armut.

Millenniumsziele – Umsetzung Ziel 3: Gleichstellung der Geschlechter

Die wichtigste Voraussetzung und zentrales Teilziel der Gleichstellung ist es, die Benachteiligung von Mädchen bei der Grundschul- und Sekundarschulbildung zu beseitigen. Denn ohne Bildung können sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Mädchen und Frauen nicht verbessern. Dieses Ziel sollte bereits bis zum Jahr 2005 erreicht werden und wurde zunächst verfehlt.

2012 hatten nahezu alle Entwicklungsländer die Benachteiligung der Mädchen beim Grundschulbesuch beseitigt oder dieses Ziel nahezu erreicht. In Afrika, Ozeanien und Westasien besuchen allerdings weiter weniger Mädchen als Jungen eine Grundschule, auch wenn dort in den vergangenen 20 Jahren große Fortschritte erzielt wurden. Auch und gerae beim Zugang zur Sekundarschulbildung sind Mädchen in Subsahara-Afrika, Ozeanien, West- und Südasien weiter im Nachteil.

Weitere Ansatzpunkte zur Gleichstellung der Frauen sind der Zugang zum Arbeitsmarkt, die Erwerbstätigkeit außerhalb des Agrarsektors sowie die politische Partizipation. Auch in diesen Bereichen gibt es Fortschritte, doch Frauen bleiben weiter benachteiligt.

Millenniumsziele – Umsetzung Ziel 4: Senkung der Kindersterblichkeit

Alle fünf Sekunden stirbt irgendwo auf der Welt ein Kind – das sind 6,6 Millionen Kinder jedes Jahr. Damit wurde das Millenniumsziel, die Kindersterblichkeit von 12 Millionen im Jahr 1990 um zwei Drittel zu senken, klar verfehlt. Die meisten Kinder im Alter unter fünf Jahren sterben an Hunger, Lungenentzündung, Komplikationen bei der Geburt, Durchfallerkrankungen und Malaria.

Millenniumsziele – Umsetzung Ziel 5: Verbesserung der Gesundheit von Müttern

Die Zielvorgabe, die Müttersterblichkeit bis zum Jahr 2015 um drei Viertel zu senken, wird aller Voraussicht nach nicht erreicht. Die Müttersterblichkeit hat sich zwar seit dem Jahr 1990 weltweit fast halbiert, doch noch immer werden vor allem in den Entwicklungsregionen zu viele Mädchen viel zu früh schwanger und zu wenige Schwangere sowohl während der Schwangerschaft als auch bei der Geburt von medizinischem Fachpersonal betreut. Immer noch sterben jedes Jahr über 500.000 Mädchen und Frauen aufgrund von Komplikationen während der Schwangerschaft oder der Geburt.

Millenniumsziele – Umsetzung Ziel 6: Bekämpfung von HIV/Aids, Malaria und anderen Krankheiten


Der Kampf gegen HIV/Aids beginnt mit Aufklärung: Kenianische Kinder bei einer Aktion der SOS-Kinderdörfer am Weltaidstag.

Das erste Unterziel, die Ausbreitung der Krankheit HIV/Aids bis zum Jahr 2015 zum Stillstand zu bringen und langsam umzukehren, wird aller Wahrscheinlichkeit nicht erreicht. Trotz eines beachtlichen Rückgangs der Neuinfektionen in einigen Regionen Afrikas südlich der Sahara, Lateinamerikas und Asiens, steigen die Infektionsraten in Osteuropa und Zentralasien weiter an. Noch immer gibt es 2,5 Millionen Neuinfektionen jährlich. Auch die Zielvorgabe, allen HIV-Infizierten bis zum Jahr 2010 Zugang zu einer medizinischen Behandlung zu ermöglichen, wurde verfehlt.

Bei der Krankheit Malaria sieht es ähnlich besorgniserregend aus: Zwar verzeichnen die Vereinten Nationen erhebliche Fortschritte bei der Bekämpfung, doch fehlt es vor allem an Geld für die Malariaprävention und die Behandlung der Krankheit. Erfolgreicher scheint der Kampf gegen die Tuberkulose zu sein: Hier werden die Zielvorgaben voraussichtlich erreicht.

Millenniumsziele – Umsetzung Ziel 7: Ökologische Nachhaltigkeit

Die Vernichtung von Umweltressourcen verhindern, den Verlust der biologische Vielfalt bzw. Biodiversität eindämmen, den Zugang zu einwandfreiem Trinkwasser und sanitären Einrichtungen gewährleisten und die Lebensbedingungen von Slumbewohnern verbessern – so lauteten die Unterziele des Millenniumsziels Nr. 8. Erreicht wurden nur die letzten beiden: 2015 werden voraussichtlich 92 % der Menschen mit sauberem Wasser versorgt.

Millenniumsziele – Umsetzung Ziel 8: Aufbau einer globalen Partnerschaft für Entwicklung

Bei dem zentralen Unterziel des achten Millenniumsziels gibt es zwar erhebliche Fortschritte, doch bleiben die meisten Industrieländer weit unter der Vorgabe zurück, 0,7 % des Bruttonationaleinkommens in die Entwicklungshilfe zu geben.

Ein Blick in die Zukunft – die Post-2015-Agenda

Viel Zeit bleibt nicht mehr für die Umsetzung der Millenniumsziele. Während der Countdown läuft, hat die Diskussion begonnen, wie es weitergehen soll mit dem Kampf gegen Armut, Ungleichheit und Umweltzerstörung. Seit 2012 erarbeitet ein internationales Beratergremium Ziele für eine nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals – SDGs) nach 2015. Bis zum Herbst 2014 sollen diese Ziele veröffentlich werden. Die SOS-Kinderdörfer setzen sich im Rahmen der Post-2015-Agenda der Vereinten Nationen als weltweit aktive Kinderhilfs- und Entwicklungsorganisation insbesondere für die Rechte von Kindern ein.

SOS-Kinderdörfer arbeiten für die erfolgreiche Umsetzung der Millenniumsziele

Armutsbekämpfung, Bildung, medizinische Hilfe, Stärkung der Kinderrechte – durch unsere weltweiten Entwicklungsprojekte leisten wir einen Beitrag zur Umsetzung der Millenniumsziele. Mit ihren nachhaltigen Entwicklungsprojekten unterstützen die SOS-Kinderdörfer vor allem in Armut geratene Kinder und Familien. SOS engagiert sich außerdem für Umwelt- und Klimaschutz in Entwicklungsländern.

Die Bemühungen für die Umsetzung der Millenniumsziele stellen die Weltgemeinschaft vor enorme Herausforderungen. Die SOS-Kinderdörfer engagieren sich für nachhaltige Entwicklungsziele – auch über das Jahr 2015 hinaus.