SOS-Kinderdorf-Aktivitäten im Land
Nach mehreren Besuchen im nepalesischen SOS-Kinderdorf Sanothimi ergriff Frau Dr. Attiya Inayatullah, die Gattin des pakistanischen Botschafters in Nepal und spätere Sozial- und Frauenministerin in Pakistan, 1975 die Initiative für die Verwirklichung der SOS-Kinderdorf-Idee in ihrer Heimat Pakistan. Noch im selben Jahr wurde ihre Schwester, Frau Souriya Anwar, mit dem Aufbau eines nationalen SOS-Kinderdorf-Vereins betraut, dem sie bis heute als Präsidentin vorsteht. Gleichzeitig wurde auch das erste Projekt in Angriff genommen, ein SOS-Kinderdorf in der Stadt Lahore. Lange Jahre des Bürgerkriegs und kriegerische Auseinandersetzungen um die umstrittene Region Kaschmir hatten die Geschichte des jungen Landes geprägt. Dadurch waren viele Menschen Pakistans in großes soziales Elend gestürzt worden, was besonders die Kinder traf. Einige von ihnen fanden 1977 in dem nach zwei Jahren Bauzeit fertig gestellten SOS-Kinderdorf Lahore ein neues Zuhause. Ebenfalls in Lahore wurde 1986 die erste SOS-Jugendeinrichtung eröffnet, wo die Jugendlichen auf ihrem Weg in die Selbständigkeit betreut und bei ihrer Arbeitssuche unterstützt werden.
In dem Land, in dem die Analphabetenrate trotz starker Bemühungen von staatlicher Seite weiterhin sehr hoch ist, leisten die SOS-Hermann-Gmeiner-Schulen einen wichtigen Beitrag zur Ausbildung der Jugend. Die erste Einrichtung dieser Art nahm 1989 in Lahore ihren Betrieb auf und steht auch den Kindern und Jugendlichen aus der Nachbarschaft zur Verfügung. Ab 1998 war es den Jugendlichen auch erstmals möglich, eine Berufsausbildung im SOS-Berufsbildungszentrum Abbottabad zu absolvieren und dort eine technische Ausbildung abzuschließen.
Aufgrund der Überschwemmungen des Jahres 1989 wurde 1990 im Distrikt Kasur (in der Nähe von Lahore) in Zusammenarbeit mit dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) ein Unterstützungsprogramm für die ländliche Bevölkerung ins Leben gerufen. 2001 übernahm SOS-Kinderdorf im abgelegenen Nordwesten des Landes in Pattan eine zuvor behördlich geleitete Mutter-Kind-Station. Aufgrund der sich verschlechternden politischen Lage und Sicherheitsproblemen in der Nordwestlichen Grenzprovinz (NWFP), wurde es jedoch zunehmend schwieriger, Personal zu rekrutieren, was zu eine Schließung der Einrichtung im Oktober 2007 führte.
Im Anschluss an die im Oktober 2001 - in der Folge der Terroranschläge in den USA - im Nachbarland Afghanistan gestartete Militäraktion kam es zu einer Flüchtlingswelle nach Pakistan. Daraufhin wurde umgehend ein SOS-Nothilfeprogramm ins Leben gerufen. Als vorrangiges Ziel galten der Aufbau einer grundlegenden schulischen und medizinischen Infrastruktur sowie die Errichtung von sicheren Spielplätzen in den Flüchtlingslagern. Außerdem leistete das SOS-medizinische Zentrum in Peschawar einen wichtigen Beitrag zur stationären medizinischen Versorgung der heimatlos gewordenen Menschen. Im März 2007 wurde diese Nothilfeprogramm nach dem Abschluss der Repatriierung der afghanischen Flüchtlinge beendet.
Am 8. Oktober 2005, verursachte das stärkste Beben seit 100 Jahren weitreichende Zerstörungen in Nordpakistan sowie Teilen Afghanistans und Indiens. Nach Regierungsangaben starben dabei 73 000 Menschen, über 2,8 Millionen Personen wurden obdachlos und geschätzte 2,3 Millionen waren ohne ausreichende Nahrung. Sofort nach der Katastrophe startete SOS-Kinderdorf Pakistan ein SOS-Nothilfeprogramm mit folgenden Schwerpunkten: Ausgabe von Nothilfegütern, medizinische Versorgung mittels Feldspital, sichere Unterbringung und Betreuung von Waisenkindern und unbegleiteten Kindern und Frauen, Familienzusammenführungsprogramm. SOS-Kinderdorf Pakistan ist dabei die einzige Organisation, die von der pakistanischen Regierung die Bewilligung erhielt, Waisenkinder aus dem pakistanisch verwalteten Teil Kaschmirs aufzunehmen!
Derzeit gibt es in Pakistan acht SOS-Kinderdörfer, eine SOS-Kinderwohngemeinschaft, sechs SOS-Jugendeinrichtungen, sechs SOS-Hermann-Gmeiner-Schulen, fünf SOS-Berufsbildungszentren, fünf SOS-Sozialzentren, ein SOS-medizinisches Zentrum und ein SOS-Nothilfeprogramm.