30 Jahre danach: Die Folgen von Tschernobyl

Noch immer leiden viele Kinder unter den Nachwirkungen des Super-GAUs.

25.04.2016 - Vermutlich erinnern sich viele noch daran, wo sie am 26. April 1986 waren und was sie an diesem Tag gemacht haben. An diesem Tag kam es im damals noch sowjetischen Tschernobyl zum Super-GAU. Aufgrund eines Bedien- und Konstruktionsfehlers wurde etwa 200mal so viel Strahlung freigesetzt, wie durch die beiden Atombomben von Hiroshima und Nagasaki zusammen. Auch hier bei uns in Deutschland, in Skandinavien und auch in Südeuropa wurde in den Tagen und Monaten nach der Katastrophe zum Teil deutlich erhöhte Radioaktivität festgestellt.

Anhören: Radio-Interview mit Louay Yassin (Pressesprecher der SOS-Kinderdörfer weltweit)


 


Kinder im SOS-Sozialzentrum in Borowljany (Weißrussland). Dort  erhalten krebskranke Kinder und ihre Familien Hilfe und  Beistand.

Der Bereich um den Reaktor von Tschernobyl gilt bis heute, also auch 30 Jahre später noch als „Todeszone“.  Im Interview spricht Louay Yassin, der Pressesprecher der SOS-Kinderdörfer weltweit, über die SOS-Projekte in Weißrussland. SOS kümmert sich dort um Kinder und Erwachsene, die bis heute an den Folgen des Reaktorunglücks leiden.
 
Herr Yassin, welche sichtbaren Folgen hat denn die Katastrophe von Tschernobyl in Weißrussland, Russland und der Ukraine bis heute?
Dreißig Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl ist eine Fläche von über 10.000 Quadratkilometern überhaupt nicht mehr nutzbar. Mehr als 150.000 Quadratkilometer in Weißrussland, Russland und der Ukraine gelten als kontaminierte Gebiete. Das ist eine Fläche so groß wie ein Drittel von ganz Deutschland. Fünf Millionen Menschen leben in diesen Gebieten. Die Krebsraten für Schilddrüsenkrebs sind dort, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, stark erhöht. Das gilt auch für Brustkrebs bei Frauen. Natürlich ist insgesamt die Sterblichkeit in diesen Gebieten insgesamt höher als anderswo.
 
Nun haben wir alle irgendwann mal gelernt, dass einige Strahlenarten Halbwertszeiten von vielen hundert oder sogar einigen tausend Jahren haben. Bedeutet dies im Umkehrschluss, dass die ganze Gegend noch über viele Generationen mit den Folgen zu kämpfen haben wird?
Auf jeden Fall. Aufgrund der hohen Plutonium-Werte rund um das Kraftwerk wird es nicht möglich sein, diesen Bereich in den nächsten 10.000 Jahren erneut zu besiedeln. Auch im weiteren Umfeld ist die noch immer bestehende Kontamination von Nahrungsmitteln und Holz besorgniserregend. Selbst bei uns in Deutschland sind in einigen Regionen Pilze und Wild noch immer über den Belastungsgrenzen. Radioaktiv verstrahlte Nahrung kann Gesundheit und das Erbgut schädigen.
 
Alleine in Weißrussland gibt es drei SOS-Kinderdörfer. Auch dort dürften die Folgen von Tschernobyl vermutlich noch zu spüren sein, oder? 
Wegen der hohen Krebsrate von Kindern haben wir schon in den 90er Jahren ein SOS-Sozialzentrum in unmittelbarer Nähe zu einer großen Kinderkrebsklinik gebaut. Das Sozialzentrum ist ein großes Wohnheim. Die kranken Kinder müssen ja oft monatelang behandelt werden. Wir ermöglichen es diesen Familien, ihr krankes Kind während der ganzen Behandlung zu betreuen. Wir bieten der Familie Wohnraum, Essen und auch psychische Unterstützung.
 
Kurz vor dem 25. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl kam es im März 2011 im japanischen Fukushima zu einem GAU. Danach wurde dann in Deutschland der Atomausstieg beschlossen. Könnte man auch sagen: Aus Tschernobyl alleine hat die Welt zu wenig gelernt? 
Na ja, wir müssen uns aus jeden Fall klar machen, dass Atomkraft-Katastrophen etwas anderes sind als alle anderen Katastrophen. Nach einem Erdbeben zum Beispiel kann man wieder mit dem Wiederaufbau beginnen. Man kann die Menschen versorgen und versuchen, möglichst schnell wieder eine Normalität für diese Menschen herzustellen. Bei einer Reaktorkatastrophe ist das über viele tausende von Jahren nicht mehr möglich.