Kinder und Tiere - eine heilsame Beziehung

Tiergestützte Pädagogik im SOS-Kinderdorf Mersch in Luxemburg

Die Mitarbeiter im SOS-Kinderdorf Mersch in Luxemburg setzen ganz gezielt tiergestützte Pädagogik zur Traumabewältigung ein. So können Kinder und Jugendliche wieder Vertrauen gewinnen und Hoffnung schöpfen.

Tiere helfen Trauma zu bewältigen
Tiere helfen traumatisierten Kindern Vertrauen aufzubauen, Trost zu finden und Verantwortung zu übernehmen.
Tiere werten nicht, sie sind nicht berechnend, sie geben und nehmen ohne Bedingung. Tiere verhalten sich Menschen gegenüber "neutral" und reagieren spiegelbildlich auf ihr Gegenüber. In der Beziehung zu Tieren können Kinder Vertrauen aufbauen, Trost finden, Verantwortung übernehmen, die Wirkung ihrer Handlungen und Gefühle erfahren. Die Mitarbeiter(inn)en achten dabei darauf, dass für die Kinder die jeweils geeigneten Tiere eingesetzt werden, die entsprechenden Rahmenbedingungen sowie kompetente Anleitung und Begleitung gewährleistet sind.

Auf dem Areal des "Schneider Haff", einer ehemaligen Scheune und einem Bauernhaus, ergeben sich für die Kinder und Jugendlichen in der Fürsorge und im Umgang mit in Not geratenen Tieren Schnittpunkte zum eigenen Leben. Für sie ist es offensichtlich, dass diese hilflosen Tiere auf die Pflege von Menschen angewiesen sind. Sie entwickeln Mitgefühl und aus einem "Fürsorgeinstinkt" heraus aktivieren sie neue Verhaltensmodelle. Mit der Fürsorge entstehen Beziehungen, die das eigene Ich stärken. So werden die Kinder und Jugendlichen gebraucht und haben einen Platz im Leben.


"Dem Tier ist es egal, wo ich herkomme."
Charlotte*, 13 Jahre

Da Tiere sich unabhängig von gesellschaftlichen Wertvorstellungen und Normen den Menschen zuwenden, vermitteln sie uneingeschränkte Akzeptanz und somit das Gefühl, richtig und wichtig zu sein. Die Beziehung ist unbelastet von Ambivalenz, Vertrauen entsteht und die gewonnenen Erfahrungen können auf zwischenmenschliche Beziehungen übertragen werden.

Tiere vermitteln uneingeschränkte Akzeptanz
Tiere vermitteln den Kindern uneingeschränkte Akzeptanz.
"Warum schaut der Esel so traurig?"
Sophie*, 9 Jahre

Tiere lösen Gefühle aus. Die Kinder fühlen und erleben mit und entwickeln dadurch empathische Fähigkeiten. Studien zeigen, dass sich Kinder und Jugendliche, die mit Tieren aufwachsen, besser in die Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen hineinversetzen können. Empathie ist der stärkste Gegenspieler der Gewalt, die Grundlage jeder Fürsorge und eine gute Basis für die Entwicklung sozialer Kompetenzen und den Aufbau vertrauensvoller Bindungen.

"Gell, die Katze mag mich."
Sophie*, 9 Jahre

In der Beziehung zwischen Mensch und Tier spielen Worte kaum eine Rolle. Diese Kommunikation ist die Sprache der Emotion, die Sprache der Kinder. Fast alle Kinder und Jugendlichen fühlen sich durch die Tiere "angesprochen", was den therapeutischen Prozess erleichtert.

"In deinen Augen mache ich doch alles falsch."
Réné*, 12 Jahre

In der Sorge um das Tier stehen die Stärken des Kindes im Vordergrund, nicht die Schwächen. Realität ist, dass es ein Wesen gibt, das bedürftiger ist als das Kind oder der Jugendliche selbst. Der Leitgedanke des Projektes ist "Tierschutz und Lebenshilfe. Die Sorge um das Tier aktiviert die Sorge um sich selbst", erklärt Karin Kiesendahl, Verantwortliche für tiergestützte Pädagogik /Therapie im Lëtzebuerger Kannerduerf.  

Die Tiere sprechen die Sprache der Kinder
In der Sorge um das Tier stehen die Stärken des Kindes im Vordergrund.
"Die Judy ist immer froh mit mir, egal wie ich drauf bin. Die belügt mich wenigstens nicht."
Max*, 10 Jahre

Durch das wachsende Vertrauen zu einem Tier kann sich die Beziehungsfähigkeit zu Menschen leichter entwickeln, da weniger langwierig am Abbau von Abwehrmechanismen gearbeitet werden muss.

"Manchmal habe ich Angst."
Max*, 10 Jahre

Im Umgang mit den Tieren können die Kinder lernen, eigene Ängste und Grenzen einzugestehen und zu überwinden.

"Als das Kälbchen nach der Geburt gestorben ist, war ich sehr traurig. Aber jetzt hat ein fremdes Kälbchen ohne Mama eine neue Kuh-Mama bei uns bekommen, so wie ich, das ist gut."
Patrick*, 6 Jahre

Durch das Leben mit den Tieren lernen die Kinder sich mit existenziellen Themen wie Geburt, Sinn des Lebens, Krankheit, Altern und Tod auseinanderzusetzen. Der Bezug zur Realität wird gefördert.

"Von den Eseln kann ich einiges lernen, die zählen erst bis zehn, bevor sie ausflippen."
Max*, 10 Jahre

Im Umgang mit dem Tier und als Modell kann das Kind Selbstkontrolle üben.

"Warum mag die Judy den Andy mehr als mich?"
Fabienne*, 12 Jahre

Tiere helfen Kindern glücklicher zu sein
Tiere wecken in den Kindern Lebensfreude, Humor und Optimismus.
Die Kinder können durch die Tiere eine prompte und ehrliche Spiegelung ihres eigenen Verhaltens bekommen. Durch das unverfälschte Feedback der Tiere lernen sie zu reflektieren und neue Verhaltensmodelle zu entwickeln.

Die tiergestützte Therapie versucht, einen Rückweg aus der Sackgasse von Gewalt, Wut, Angst und Sinnlosigkeit des Lebens aufzuzeigen. Experten bestätigen den Ansatz der tiergestützten Pädagogik mit seiner heilsamen Wirkung auf die Entwicklung des Kindes: "Im Umgang mit den Tieren werden Lebensfreude, Humor und Optimismus erlebt. Tiere reizen zum Lachen und Spielen und regen dadurch die Ausschüttung von Endorphinen im menschlichen Gehirn an. Dies hilft glücklicher zu sein, verringert das Schmerzempfinden und baut Stress ab." (Dr. McCulloch )

"Im Umgang mit Tieren wird die emotionale Intelligenz gefördert: Intuitive Fähigkeiten, das Erkennen von Gefühlen anderer und die richtige Reaktion darauf (Empathie), die Fähigkeit zur Selbstmotivation und das weite Feld der Kreativität." (Dr. Andreas Schwarzkopf)

* Die Namen wurden zum Schutz der Kinder von der Redaktion geändert