Kinderarbeit

Familien stärken ist die beste Prävention

Warum der Teufelskreis aus Kinderarbeit und Armut so schwer zu durchbrechen ist – und wo die Projekte der SOS-Kinderdörfer ansetzen.

Von Ulla Sensburg

Kinderarbeit: Kinder in Burkina Faso bei der Feldbarbeit
Kinderarbeit: Kinder in Burkina Faso bei der Feldbarbeit
Sie schuften in der Hitze auf Plantagen, klopfen Steine in staubigen Minen und werden als Haussklaven missbraucht. Weltweit gibt es Millionen Kinder, die wirtschaftlich und seelisch auf das Schlimmste ausgebeutet werden. Diese Kinder haben das Recht, würdevoll und sicher aufzuwachsen. Sie haben das Recht auf Kindheit. Damit sie dieses auch wahrnehmen können, braucht es mehr als nur die Ächtung von Kinderarbeit. Bildungs- und Familienstärkungs-Projekte sind ein wichtiger Ansatz zur Bekämpfung von Kinderarbeit, deren Ursprung meist in der Armut der Menschen liegt.

UN-Kinderrechtskonvention verbietet schädliche Kinderarbeit

Der Artikel 32 der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen drückt es klar und deutlich aus: Jedes Kind hat das Recht, vor wirtschaftlicher Ausbeutung geschützt und nicht zu einer Arbeit herangezogen zu werden, die Gefahren mit sich bringt. Ebenso hat es das Recht, keine Arbeit zu verrichten, die seine Erziehung behindern und seine Gesundheit sowie körperliche, geistige, seelische und soziale Entwicklung schädigen kann.

Soweit die Vereinbarung, die nahezu alle der UN-Mitgliedstaaten anerkannt haben. Die Wirklichkeit, die viele Kinder täglich durchleiden müssen, ist eine andere.

215 Millionen Kinder müssen Kinderarbeit leisten

Info-Grafik: Kinderarbeit weltweit

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) bezifferte in ihrem jüngsten Bericht zur Kinderarbeit (2008) die Zahl der weltweiten Kinderarbeiter auf etwa 215 Millionen. Das sind mehr als 13% der 5- bis 17-Jährigen. Über die Hälfte von ihnen (115,3 Millionen) muss der Sonderorganisation der Vereinten Nationen zufolge gefährliche Arbeiten leisten. Sie schuften beispielsweise unter Tage, hantieren mit giftigen Chemikalien oder gefährlichen Maschinen, tragen schwerste Lasten oder werden sexuell ausbeutet.
Zur Beseitigung der schlimmsten Formen von Kinderarbeit hat sich die internationale Staatengemeinschaft einen straffen Zeitplan gesetzt. Bis 2016 sollen diese wirksam bekämpft sein. Allerdings hat die ILO bereits 2010 ihre Sorge darüber ausgedrückt, dass die Bemühungen zur Bekämpfung der gefährlichen Kinderarbeit nachlassen.

"Wir sind gegen die Ausbeutung unserer Arbeit"


Kinderabeit in Asien: Mehr als 113 Millionen Kinder sind auf dem Kontinent betroffen, unser Foto zeigt Kinder in Bangladesch.

Angesichts dieser schockierenden Daten und Fakten wirkt es erst einmal befremdlich, dass es Stimmen gibt, die sich für Kinderarbeit stark machen. Vor allem, wenn diese von den Betroffenen selbst kommen. In einigen Ländern fordern Kinder, die sich in eigenen Organisationen zusammengeschlossen haben, ausdrücklich ihr Recht zu arbeiten.
So trafen sich bereits im Jahr 1996 delegierte Kinderarbeiter aus 33 verschiedenen Ländern im indischen Kundapur, um sich auszutauschen und Gehör zu verschaffen. In ihrer Abschlusserklärung formulierten sie eines ihrer Anliegen so: „Wir sind gegen die Ausbeutung unserer Arbeit, wir wollen in Würde arbeiten und Zeit zum Lernen, Spielen und Ausruhen haben.“

Die Union arbeitender Kinder und Jugendlicher Boliviens (UNATSBO) geht sogar noch einen Schritt weiter. Derzeit schuften im ärmsten der südamerikanischen Länder unzählige Kinder täglich ohne gesetzlichen Schutz in Minen, auf Müllhalden oder als Schuhputzer. Im Jahr 2010 hat die Union einen selbst formulierten Gesetzentwurf vorgelegt, um Anerkennung, Förderung, Schutz und Verteidigung ihrer Rechte zu erwirken. Es ist Novum, das ein Gesetzesentwurf die Handschrift von Kindern trägt. In dem rund 130 Seiten starken Papier fordern sie unter anderem schulkompatible Arbeitszeiten, faire Arbeitsbedingungen und eine Krankenversicherung. So soll Ausbeutung verhindert werden. Eine Entscheidung zu dem Gesetzesentwurf steht noch aus.

Den Teufelskreis von Armut und Kinderarbeit durchbrechen

Was bringt Kinder dazu, auf ihrem Recht zu arbeiten zu bestehen und es auf Gesetzesebene durchsetzen zu wollen? Dahinter steht die Hauptursache für Kinderarbeit: bitterste, gnadenlose Armut. Kinder, deren Eltern zu arm sind, um sie zu ernähren, müssen zum Lebensunterhalt beitragen. Kinder, deren Familien durch Armut bereits auseinandergerissen wurden, sind auf sich alleine gestellt. Ihnen bleibt oft keine andere Wahl, als sich ausbeuten zu lassen. Sonst könnten sie nicht überleben.

Umgekehrt betrachtet, ist Kinderarbeit aber auch eine Ursache für Armut. Wenn Kinder nicht in die Schule gehen und keine Ausbildung erhalten, werden sie später kaum in der Lage sein, sich und eine Familie langfristig und ausreichend zu ernähren. Ihre Chancen sind ungleich schlechter gegenüber ausgebildeten Kindern und Jugendlichen. Diesen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen.

Wer Familien stärkt, bekämpft Kinderarbeit


Bildung statt Kinderarbeit: Foto: picture alliance / Frank May

Hier setzt unsere Arbeit an. Seit mehr als 60 Jahren bekämpfen die SOS-Kinderdörfer weltweit Armut und setzten sich für Kinder in Not ein. Dabei setzt die Hilfsorganisation unter anderem auf Bildungsangebote, um Armut und Kinderarbeit zu verhindern. Elternlose und verlassene Kinder bekommen in den an die SOS-Dörfer angeschlossenen Einrichtungen eine Schul- und Berufsbildung.
Arme Familien, die häufig in Slums oder heruntergekommen Vorstadtsiedlungen großer Städte leben, werden durch die SOS-Familienhilfe unterstützt. Prävention ist hierbei das Stichwort. Eltern und Kinder werden gefördert, bevor die Familie auseinanderbrechen kann.

Hilfe zur Selbsthilfe

Wie die SOS-Familienhilfe wirkt, zeigt ein Beispiel aus der Stadt Chittagong in Bangladesch. Die Mitarbeiter des dortigen SOS-Sozialzentrums unterstützen durch ihre Arbeit sozial und wirtschaftlich benachteiligte Familien aus der Umgebung. Derzeit werden im Rahmen des Programms 550 Kinder aus mehr als 380 Familien betreut. Frauen haben beispielsweise im Sozialzentrum die Möglichkeit, an Handarbeits- und Schneiderkursen teilzunehmen, um darüber den Unterhalt für die Familie zu finanzieren. Mütter können ihre Kinder in die Tagesstätte des Zentrums bringen, um eine Ausbildung zu machen, sich Arbeit zu suchen oder einer Beschäftigung nachzugehen. Zudem leistet das Zentrum Angebote zur Berufsberatung und vergibt Mikrokredite zur Existenzgründung. Auch die Aufklärung von Kindern über ihre Rechte ist eine Aufgabe des Zentrums.
Ziel ist hier immer: Hilfe zur Selbsthilfe. Es soll die Möglichkeit geschaffen werden, dass die Familie eines Tages selbstbestimmt leben kann.

Doch leider lassen sich nicht alle Familien, die ihre Kinder aus Not zur Arbeit schicken, über solche Projekte erreichen. So lange es in vielen Ländern extreme Armut gibt, wird es auch Kinderarbeit geben. Familien schicken ihre Kinder nicht aus Herzlosigkeit zur Arbeit, sondern weil sie keinen anderen Weg sehen, um zu überleben.

Grundsätze der Kinderarbeit müssen befolgt werden

Dass ausbeuterische Kinderarbeit nicht toleriert werden kann, versteht sich von selbst. Aber wenn Kinder arbeiten müssen, um ihr Überleben zu sichern, dann müssen auch die Grundsätze des Artikels 32 der Kinderrechtskonvention befolgt werden. Die körperliche und seelische Unversehrtheit sowie das Recht auf Bildung der Kinder, müssen gewährleistet sein. Sonst lässt sich der Teufelskreis aus Armut und Kinderarbeit nicht durchbrechen.

 

Ulla Sensburg

Die Autorin Ulla Sensburg ist Juristin und Vorstandsvorsitzende der Hermann-Gmeiner-Stiftung sowie Vorstandsmitglied der SOS-Kinderdörfer weltweit.