Kinderarbeit

Familien stärken ist die beste Prävention

Warum der Teufelskreis aus Kinderarbeit und Armut so schwer zu durchbrechen ist – und wo die Projekte der SOS-Kinderdörfer ansetzen.

Sie schuften in der Hitze auf Plantagen, klopfen Steine in staubigen Minen und werden als Haussklaven missbraucht. Weltweit werden Millionen Kinder durch Kinderarbeit ausgebeutet. Die Hauptursache liegt in der Armut, zudem verstärken politische Konflikte, wirtschaftliche Krisen, Krieg und Naturkatastrophen immer auch die Kinderarbeit. Erstmal seit Jahrzehnten steigt die Kinderarbeit wieder an. Experten warnen davor, dass dieser Trend in Folge der Corona-Pandemie weiter anhalten könnte.

Wie Kinderarbeit definiert wird

Nicht jede Arbeit, die Kinder und Jugendliche verrichten, gilt als Kinderarbeit. Die Vereinten Nationen haben in ihrer Kinderrechtskonvention im Artikel 32 den Schutz vor einer Arbeit festgeschrieben, die gefährlich ist, die Erziehung des Kindes behindert oder die Gesundheit sowie die körperliche, geistige, seelische, sittliche oder soziale Entwicklung des Kindes schädigen könnte.

Die Internationale Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen ILO stellt in ihrer Definition klar: Kinderarbeit liegt insbesondere dann vor, wenn Kinder vom Schulbesuch abgehalten werden oder neben der Schule übermäßig lange und hart arbeiten müssen.

Die ILO hat in ihren Konventionen Mindestalter festgeschrieben: leichte Arbeit ab 13 Jahren, gewöhnliche Arbeit ab 15 und gefährliche Arbeiten ab 18. Begrenzte Tätigkeiten neben dem Schulbesuch, wie sie z. B. für kleinbäuerliche Familien wichtig sein können, sind laut ILO zulässig – aber auch da müssen zeitliche Begrenzungen eingehalten werden.

Was sind die schlimmsten Formen der Kinderarbeit?

Die schlimmsten Formen der Kinderarbeit wurden im ILO-Übereinkommen 187 benannt, dazu zählen:

  • moderne Sklaverei, z. B. Schuldknechtschaft
  • Zwangsarbeit
  • der Einsatz in bewaffneten Konflikten
  • Kinderprostitution
  • kriminelle Arbeit, z. B. im Drogenverkauf
  • Arbeiten, die die Gesundheit oder die Sicherheit der Kinder gefährden

Agenda 2030

Die Weltgemeinschaft hat sich darauf verpflichtet, Kinderarbeit bis 2025 in jeglicher Form zu beenden. Dies wurde in derAgenda 2030, den Zielen für Nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (SDGs), als Unterpunkt zu Ziel 8 (menschenwürdige Arbeit für alle) festgeschrieben. Doch nach den Fortschritten der vergangenen zwei Jahrzehnte hat Kinderarbeit wieder zugenommen – und die Prognose ist düster. 

Kinderarbeit nimmt zu

Die ILO gibt alle vier Jahre einen Bericht zur Kinderarbeit weltweit heraus – zuletzt 2021 gemeinsam mit Unicef.

  • Demnach müssen geschätzt 160 Millionen Mädchen und Jungen zwischen 5 und 17 Jahren  unter Bedingungen arbeiten, die ihren Rechten verletzen – das ist fast eines von zehn Kindern weltweit. Nachdem die Zahl der so arbeiteten Kinder viele Jahre gesunken ist, ist zwischen 2016 und 2020 ein Anstieg von 8,4 Millionen zu verzeichnen.
  • Fast die Hälfte (49 Prozent) dieser Kinder müssen Arbeit verrichten, die ihre Gesundheit, Sicherheit und sittliche Entwicklung gefährdet. Sie arbeiten beispielsweise unter Tage, hantieren mit giftigen Chemikalien oder gefährlichen Maschinen, tragen schwerste Lasten oder werden sexuell ausbeutet.
  •  Laut dem Bericht arbeiten mehr Jungen als Mädchen. Rechnet man allerdings Hausarbeit, die mehr als 21 Stunde pro Woche verrichtet wird, mit ein, verringert sich der Unterscheid zwischen den Geschlechtern.
  • Der meisten Kinder, die arbeiten müssen, leben in Subsahara-Afrika. Dort sind fast 24 Prozent der Kinder zwischen 5 und 17 Jahren betroffen – über 86 Millionen Menschen. In dieser Region ist die Kinderarbeit auch seit 2016 wieder angestiegen – wogegen sie in Asien, im pazifischen Raum und in Lateinamerika weiter zurückgegangen ist.

Kinderarbeit vor allem in der Landwirtschaft

Kinder in Burkina Faso bei der Feldbarbeit

Die allermeiste Kinderarbeit – rund 70 Prozent – findet in der Landwirtschaft statt. Kinder arbeiten als Baumwollpflücker in Ägypten, Indien oder Pakistan, auf den Plantagen in Ecuador und Argentinien, bei der Teeernte in Nepal, Indien, Sri Lanka oder Kenia, bei der Kakaoernte in der Elfenbeinküste oder in Nigeria. Die Arbeit in der Landwirtschaft ist für Kinder oftmals sehr gefährlich: Sie müssen schwere Lasten tagen, habe mit gefährlichen Maschinen zu tun, kommen mit giftigen Pestiziden in Kontakt. Auch arbeiten in der Landwirtschaft oft schon die ganz kleinen Kinder mit. Insgesamt ist die Kinderarbeit in ländlichen Gebieten fast dreimal höher als in urbanen Gegenden.

Experten befürchten weiteren Anstieg der Kinderarbeit

Die Prognosen: Die ILO befürchtet, dass als Folge der Corona-Pandemie auch die Kinderarbeit weiter ansteigen wird – wegen zunehmender Armut und Rückschritten in der Bildung wegen Schulschließungen. Bis Ende 2022 könnten das laut ILO weitere neun Millionen Kinder sein. Die COVID-19-Krise habe, so die Experten, zusätzlich auch das Risiko für die Kinder erhöht, die schon vorher Kinderarbeit leisten mussten: Die Bedingungen hätten sich verschlechtert, schlimmere Formen von Kinderarbeit hätten sich ausgebreitet, während viele Eltern ihre Einkommensmöglichkeiten verloren hätten. Auch Katastrophen wie die Dürre in Ostafrika oder Überschwemmungen, die zu Ernteausfällen führen, wirken sich aus. Immer wenn bäuerliche Familienbetriebe noch mehr in Bedrängnis geraten, müssen mehr Kinder mithelfen, das Überleben der Familie zu sichern. ILO-Direktor Guy Ryder bezeichnet die Zahlen als Weckruf. Es brauche umfassende Schutzmaßnahmen für Familien, verstärkte Investitionen in die ländliche Entwicklung und menschenwürdige Arbeit in der Landwirtschaft.

Den Teufelskreis durchbrechen

Die Hauptursache für Kinderarbeit ist Armut. Die meisten Kinder müssen in den Ländern in Subsahara-Afrika arbeiten – dort ist weltweit auch die Armut am größten. Gleichzeitig ist Kinderarbeit auch wieder eine Ursache für Armut. Wenn Kinder nicht in die Schule gehen und keine Ausbildung erhalten, werden sie später kaum in der Lage sein, sich und eine Familie langfristig und ausreichend zu ernähren. Laut ILO gehen mehr als ein Drittel der Kinder, die Kinderarbeit leisten, nicht in die Schule. Besonders besorgniserregend: Schon bei den 5- bis 11-Jährigen gehen 28 Prozent der arbeitenden Kinder nicht zur Schule, weil sie arbeiten müssen. Diesen Teufelskreis aus Armut und Kinderarbeit gilt es, zu durchbrechen.

Wer Familien stärkt, bekämpft Kinderarbeit

Bildung statt Kinderarbeit. Dieses Mädchen in Nairobi ist auf dem Weg zur Schule. Die SOS-Kinderdörfer ermöglichen Kindern aus armen Familien den Schulbesuch und befähigen ihre Eltern zur Selbsthilfe. Foto: Marieantonietta Perua

Hier setzt unsere Arbeit an. Seit mehr als 60 Jahren bekämpfen die SOS-Kinderdörfer weltweit Armut und setzten sich für Kinder in Not ein. Dabei setzen wir unter anderem auf Bildungsangebote für Kinder und Eltern, um Armut zu bekämpfen und Kinderarbeit zu verhindern:

  • Elternlose und verlassene Kinder, die in den Programmen der SOS-Kinderdörfer betreut und begleitet werden, absolvieren eine Schul- und Berufsbildung.
  • Familien, die häufig in Slums oder armen Landgemeinden leben, werden durch die Familienhilfe der SOS-Kinderdörfer unterstützt. Prävention ist hierbei das Stichwort. Eltern und Kinder werden gefördert, bevor die Familie auseinanderbricht. Die Familieneinkommen werden verbessert und Eltern können so ihren Kindern eine Perspektive bieten.

Hilfe zur Selbsthilfe

Wie die Familienhilfe der SOS-Kinderdörfer wirkt, zeigt ein Beispiel aus der Stadt Chittagong in Bangladesch. Die Mitarbeiter unseres Sozialzentrums unterstützen durch ihre Arbeit sozial und wirtschaftlich benachteiligte Familien aus der Umgebung. Derzeit werden im Rahmen des Programms über 2500 Kinder und Eltern aus mehr als 600 Familien betreut. Frauen haben beispielsweise im Sozialzentrum die Möglichkeit, an Handarbeits- und Schneiderkursen teilzunehmen, um darüber den Unterhalt für die Familie zu finanzieren. Mütter können ihre Kinder in die Tagesstätte des Zentrums bringen, um eine Ausbildung zu machen, sich Arbeit zu suchen oder einer Beschäftigung nachzugehen. Zudem leistet das Zentrum Angebote zur Berufsberatung und vergibt Mikrokredite zur Existenzgründung. Auch die Aufklärung von Kindern über ihre Rechte ist eine Aufgabe des Zentrums.
Ziel ist hier immer: Hilfe zur Selbsthilfe. Die SOS-Kinderdörfer unterstützen Familien, damit sie sich aus der Armut befreien können – dies ist die beste Prävention gegen Kinderarbeit.

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