Rebuilding Hope: Gemeinsam Hoffnung in der Ukraine aufbauen
Über den Ukraine-Krieg lesen wir täglich Schlagzeilen. Für die Menschen vor Ort ist er bittere Realität.
Im Mai 2026 besuchte Verena Milasta, Programmmanagerin der SOS-Kinderdörfer weltweit, das Projekt Rebuilding Hope zwischen zwei Angriffswellen, in einer Zeit, die sich wie die Ruhe vor dem Sturm anfühlte. In diesem Interview berichtet sie von ihren Eindrücken und davon, warum Kinder und Familien gerade jetzt Ihre Unterstützung brauchen.
Was war das bewegendste am Besuch in der Ukraine?
Am allermeisten die Kolleg:innen vor Ort. Ich arbeite seit der Vollinvasion 2022 eng mit ihnen zusammen, aber natürlich sind Video-Calls etwas anderes. Die Gespräche während meines Besuchs haben mir dann nochmal ein viel tieferes Kennenlernen ermöglicht. Und mir wurde nochmal klarer, dass sie nicht nur unter unfassbar schwierigen Bedingungen hochprofessionell arbeiten, sondern auch selbst ganz direkt vom Krieg betroffen sind.
Sie sind Binnenvertriebene, haben Freunde und Familienangehörige verloren, bangen um ihre Männer an der Front. Und trotzdem stellen sie ihre eigene Situation in den Hintergrund, weil es immer darum geht: Wie kann ich jemandem anderen helfen? Wie setze ich die Angebote von Rebuilding Hope möglichst gut um? Welche Sicherheitsvorkehrungen brauchen wir?
Sie sind unglaublich stark und resilient. Und dennoch kostet diese andauernde Belastung und Unsicherheit viel Kraft und zehrt an ihnen. Sie betonen immer wieder, wie wichtig für sie das Gefühl ist, dass ihre Arbeit gesehen wird – dass das Leid der Familien, für die sie da sind, nicht unbeachtet bleibt. Ein wichtiger Beweggrund für meine Reise war deshalb auch, ihnen zu zeigen, dass wir sie nicht vergessen haben und alles tun, ihre Arbeit sichtbar zu machen.
Die aktuelle Situation in der Ukraine ist mal mehr mal weniger in den Nachrichten präsent. Wie ist die Lage wirklich?
Es kommt sehr stark darauf an, wo man ist. Nach Möglichkeit versuchen die Menschen, ihren Alltag aufrechtzuerhalten. In Kyjiw kann man in einigen Stadtvierteln den Krieg sogar kurz ausblenden: Cafés sind voll, die Straßen voller Leben. Eine Kollegin erzählte mir, dass sie manchmal sogar in die Oper geht, um kurz abzuschalten und in der Musik Trost zu finden. Gleichzeitig hat man aber immer die Luftalarm-App auf dem Handy und muss überprüfen, wie kritisch die Lage an dem jeweiligen Tag ist. Viele Menschen sind in die Region Kyjiw geflohen, weil die Hauptstadt als vermeintlich sicher galt. Doch die letzten Monate haben ein anderes Bild gezeigt.
Sobald man die Hauptstadt verlässt, ändert sich die Situation noch deutlicher und die Zerstörung durch die Vollinvasion wird sichtbarer. Ich bin auch mit dem Security Supervisor der SOS-Kinderdörfer Ukraine nach Tschernihiw gereist. Dort hatte am frühen Morgen eine Rakete eingeschlagen.
Das volle Ausmaß wird dann aber erst im Gespräch und vor Ort wirklich greifbar. Denn Häuser lassen sich wiederaufbauen – aber was ist mit den unsichtbaren Wunden im Inneren? Als ich durch Butscha fuhr, sah ich erstmal nur eine weitgehend renovierte Stadt. Und dennoch hat mich allein der Name auf dem Ortsschild erschauern lassen, weil ich mich sofort an die Bilder aus den ersten Tagen der Kriegsberichterstattung erinnert habe. Ich kann nicht erahnen, wie es den Menschen geht, die diese Zerstörung und Gewalt hautnah miterleben mussten. Der Krieg ist nicht vorbei. Er ist nur leiser geworden für diejenigen, die nicht mittendrin sind.
Die Lage vor Ort ist also weiterhin akut. Warum reicht Soforthilfe allein nicht mehr aus?
Weil sich die Belastung kumuliert, und zwar seit Jahren. Die Vollinvasion begann 2022. Kinder und Jugendliche, die gerade erst aus dem Lockdown kamen, gerieten direkt in den nächsten Ausnahmezustand. Isolation, Angst, Unsicherheit: das summiert sich. Dazu kommen die vielen Fahnen, die inzwischen an Menschen erinnern, die im Krieg gestorben sind. Freundschaften und Familienstrukturen sind auseinandergerissen, ein geregelter Schulalltag fehlt, und viele Mütter sind selbst am Limit.
Man spricht jetzt schon von einer womöglichen „Lost Generation“, und das ist keine leere Begrifflichkeit. Im Projekt haben wir die Beratungszeiten für psychologische Begleitung von drei auf sechs Monate ausgeweitet, weil die Fälle schwerer werden. Es wird nicht leichter, nur weil die mediale Berichterstattung leiser wird. Wiederaufbau bedeutet nicht nur Infrastruktur. Es geht um die psychische Gesundheit der Menschen und um ihre Fähigkeit, wieder handlungsfähig zu werden. Wenn psychische Belastungen nicht behandelt werden, erschweren sie Bildung, Arbeit und ein selbstbestimmtes Leben – und damit auch den Wiederaufbau des Landes.
Rebuilding Hope arbeitet an mehreren Standorten in der Ukraine. Wen erreicht das Projekt?
Es erreicht Menschen, die der Krieg besonders hart getroffen hat: Familien, die geflohen sind, Kinder, die ihren Alltag verloren haben, alleinerziehende Mütter, die von einem Tag auf den anderen alles allein stemmen müssen. Der Einstieg in das Projekt beginnt oft über humanitäre Soforthilfe: Lebensmittel, medizinische Unterstützung. Das ist oft das Eingangstor, über das wir die Menschen kennenlernen und Vertrauen aufbauen.
Von dort aus schauen wir gemeinsam, was die nächsten Schritte sind. Für manche ist das Beschäftigungsförderung: In Gegenden, wo es kaum noch feste Anstellungen gibt, unterstützen wir die Menschen dabei, sich selbstständig zu machen, beispielsweise mit einer Bäckerei. Das klingt vielleicht klein, aber eine solche Bäckerei schafft Einkommen, versorgt die Menschen vor Ort und gibt einer Familie wieder eine Perspektive. Gleichzeitig belebt sie einen Ort, aus dem viele Menschen weggegangen sind.
Es sind Kinder und Familien im Projekt. Wie arbeitet man mit ihnen?
Sehr ganzheitlich – und das ist das Besondere daran. Für jede Familie schauen wir individuell, was sie wirklich braucht und welche Ressourcen da sind. Dann greifen verschiedene Angebote ineinander: Sprachtherapie, weil es vielen Kindern durch die traumatischen Erlebnisse buchstäblich die Sprache verschlagen hat. Tablets, um am Fernunterricht teilzunehmen und Nachhilfesessions, um verpassten Stoff nachholen zu können, Angebote, um Gleichaltrige kennenzulernen und Kontakte zu knüpfen. Es gibt niedrigschwellige, spielerische Angebote aber auch individuelle, psychologische Begleitung von Kindern und Eltern.
Ich habe mit Müttern gesprochen, die an einem Gruppenangebot zum Thema mentaler Gesundheit und Stress in der Erziehung teilgenommen haben. Ich war beindruckt, wie offen sie erzählten. Besonders schön fand ich, dass Mütter, die schon länger im Projekt sind, ihre Erfahrungen weitergeben und sie sich gegenseitig ermutigen, Hilfe anzunehmen. Dabei wird ihnen auch selbst bewusst, was sie bereits geschafft haben. Dieser Austausch ist extrem wichtig.
Was erleben die Kolleg:innen in der Ukraine bei ihrer Arbeit als Fortschritt und wo bleibt die Situation weiter schwierig?
Das ist eine schwierige Frage. Ich habe manchmal den Eindruck, dass es schwerfällt diesen Schritt zurückzumachen und Fortschritte, Erfolgserlebnisse wirklich zu benennen. Die Projektteilnehmer:innen selbst sprechen so positiv und wertschätzend über ihre Erfahrungen mit dem Rebuilding Hope Team. Diese Interaktionen zu sehen, ist wirklich berührend. Worin sich alle im Team einig sind, ist, dass der größte Fortschritt der ist, dass sich die Teilnehmenden trauen, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Von unserem Blickwinkel scheint dies vielleicht überraschend. Aber alle haben Unfassbares gesehen und erlebt – viele konnten und wollten dieses Angebot zunächst nicht annehmen, da sie dachten: "Ich lebe ja noch, anderen geht es viel schlimmer". Sich hier behutsam öffnen zu können, traumasensibel begleitet zu werden und zugleich wieder zu lernen, Emotionen auszudrücken, das beschreiben alle als größten Fortschritt.Jeder Tag bleibt dennoch schwierig, es muss tagesaktuell geschaut werden, welche Sicherheitsmaßnahmen nötig sind und welche Aktivitäten durchgeführt werden können. Zu der psychischen Belastung kommt auch die physische: Ein Winter ohne Heizung, schlaflose Nächte bei Luftalarm. Es braucht einen sehr langen Atem und es braucht Menschen, die nicht wegschauen und es den Menschen vor Ort ermöglichen, Hoffnung in konkrete Taten umzuwandeln.
Was sollten Unternehmen wissen, die überlegen, ob eine Unterstützung gerade sinnvoll ist?
Dass es ein Blick in die Zukunft ist. Die Ukraine wird wiederaufgebaut werden, das ist keine Frage. Und wer jetzt in Menschen investiert, in ihre psychische Gesundheit, in Bildung und Beschäftigung, der investiert in ein wirtschaftlich starkes Land. Das ist kein rein idealistisches Argument. Es geht darum, dass Menschen handlungsfähig bleiben. Dass eine ganze Generation nicht verloren geht. Wiederaufbau kann nur gelingen, wenn es Menschen gibt, die diesen anpacken können. Rebuilding Hope leistet lebenswichtige Hilfe im Jetzt und schafft die Grundlage für ein Morgen. Und dafür braucht es Partner, die langfristig denken.
