gelbe Grafik mit Aufschrift "Kinderschutz-Blog" und "Licht an!"
28. August 2026 |  NEWS

Aufarbeitung allein ist nicht das Allheilmittel

Im sechsten Beitrag der Blogserie „Verantwortung übernehmen“ von Vorständin Dr. Sabina Schutter geht es um die Erwartungen, die mit einem Aufarbeitungsprozess verbunden sind, und deren Abgleich mit der Realität.

Mit einem Aufarbeitungsprozess sind oft viele Hoffnungen verbunden, seitens der Öffentlichkeit, der Betroffenenund der Organisation selbst. Die Hoffnung auf Transparenz, Aufklärung, Veränderung und Verbesserung. Gerade weil an eine Aufarbeitung so viele Erwartungen geknüpft sind, ist die Enttäuschung groß, wenn diese nicht erfüllt werden.

Allein 2024 lagen der unabhängigen Bundesbeauftragten gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen (UBSKM) 32 laufende Aufarbeitungsprojekte vor. Das Versprechen der institutionellen Aufarbeitung ist bei öffentlichen und freien Trägern wie auch bei Hilfsorganisationen inzwischen – mit Recht – das Mittel erster Wahl in Reaktion auf Gewalt- oder Missbrauchsvorfälle. Es wird erwartet, dass Aufarbeitung Missstände aufdeckt, Gerechtigkeit schafft und hilft, die Organisation weiterzuentwickeln.  

Das ist berechtigt. Was aber auch stimmt: Aufarbeitung allein ist nicht das Allheilmittel. Mit einem Aufarbeitungsbericht wird nicht automatisch alles gut. Vorab müssen sich alle Beteiligten mindestens über die folgenden Fragen im Klaren sein, es sollte weitgehend Einvernehmen herrschen: 

  • Was ist das Ziel der Aufarbeitung? 
  • Wo können wir  Transparenz erwarten und wo nicht? 
  • Welche Erkenntnisse werden von der Aufarbeitung erwartet? 
  • Was passiert mit den Ergebnissen? 
  • Inwiefern sind wir bereit, aus den Ergebnissen und den Empfehlungen Konsequenzen zu ziehen? 

Jede und jeder beantwortet die Fragen aus einem persönlichen Blickwinkel und die Blickwinkel können durchaus unterschiedlich sein. Daraus entsteht dann schnell ein moralischer Konflikt: Jemand, der nicht volle Transparenz will, der nicht alle Ziele unterstützt, gerät in den Verdacht, auf der falschen Seite zu stehen. Plötzlich geht es um die Frage: Wer ist der bessere Aufarbeitende? Diese Art der Auseinandersetzung führt jedoch weg von der Sache und, vor allem, weg von den Betroffenen. 

Wir brauchen ehrliche und tragfähige Antworten

In Bezug auf die Transparenz heißt das etwa, dass in Berichten, die veröffentlicht werden, aus Datenschutzgründen oft keine Namen genannt werden können – auch, wenn das natürlich frustrierend ist, denn wir alle wollen wissen, wer verantwortlich ist. 

Bezüglich der Frage, welche Konsequenzen aus den Ergebnissen gezogen werden sollten, kann das bedeuten, dass dem Aufarbeitungsbericht eine Organisationsentwicklung folgt. Organisationsentwicklungen geschehen nicht von heute auf morgen, sie sind langwierig und das Etablieren einer neuen Unternehmenskultur ist ein richtig schwerer Brocken. Das heißt, auch mit der Veröffentlichung eines Berichts wird nicht automatisch alles gut. Die größten Erwartungen aber sind damit verbunden, dass eine Aufarbeitung entscheidende Erkenntnisse hervorbringt. Wir wünschen uns eine lückenlose, umfassende Aufklärung. Doch dem gerecht zu werden, ist schwierig, wenn nicht mehr alle Daten und Informationen zugänglich sind. Viele Untersuchungsberichte können nur auf Lücken hinweisen, die ihrerseits Raum für Spekulationen geben. 

Wie gesagt: Unterschiedliche und hohe Erwartungen an eine Aufarbeitung sind wichtig. Gerade im Vorfeld kann der Austausch darüber sehr aufschlussreich sein. Manchmal bemerken wir im Verlauf dieser Diskussion, dass wir vieles bereits wissen oder wenigstens ahnen, und dass wir manche Schritte unmittelbar umsetzen können. Schon bevor die Ergebnisse einer Aufarbeitung vorliegen, können wir in der Auseinandersetzung mit unseren Erwartungen viel erreichen. 

Verantwortung übernehmen – der Kinderschutz-Blog der SOS-Kinderdörfer 

Die SOS-Kinderdörfer stellen sich ihrer Vergangenheit. Wir benennen Fehler, arbeiten Kinderschutzvorfälle auf und drehen an allen Stellschrauben, damit Kinder in unseren Programmen den Schutz erfahren, der ihnen zusteht. Kompromisslos. Damit dies gelingt, braucht es Achtsamkeit, Expertise und fundierte Antworten auf schwierige Fragen: Wie kann ich das Interesse der Öffentlichkeit an Transparenz bedienen – und gleichzeitig die Persönlichkeitsrechte Betroffener schützen? Wie brechen wir mit der Glorifizierung von Gründerpersönlichkeiten? Wo braucht es Kontrolle – und wo besser Schulung und Selbstregulation? Diesen und weiteren Fragen geht Sabina Schutter, Kinderschutz-Expertin und Vorständin der SOS-Kinderdörfer in ihrem Blog nach. Fundiert und oft sehr persönlich.

Dr. Sabina Schutter, Vorständin der SOS-Kinderdörfer, in Interaktion
Dr. Sabina Schutter, Vorständin der SOS-Kinderdörfer weltweit. Foto: Max Baudrexl
Grafik mit der Aufschrift "Licht an!"

Licht an! heißt: genau hinsehen. Hier berichten wir über Kinderschutz bei den SOS-Kinderdörfern, Aufarbeitung und die Wirkung unserer Arbeit. Wir holen ans Licht, wo wir gescheitert sind. Wir beleuchten, wie wir heute handeln – und wir machen sichtbar, wie es weitergeht: Schritt für Schritt, überprüfbar, öffentlich. Dabei geben wir Einblick in unsere Arbeit und zeigen konkrete Ergebnisse.

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