Jugendbeteiligung ist eine tragende Säule des Kinderschutzes
In ihrem aktuellen Blog-Beitrag thematisiert Vorständin Dr. Sabina Schutter die Bedeutung von Mitspracherechten von Kindern und Jugendlichen für den Kinderschutz. Junge Menschen, die gelernt haben, dass ihre Stimme zählt und die ihre Rechte kennen, äußern sich oft früher, wenn Grenzen verletzt werden.
Durchschnittlich sieben Mal wenden sich junge Menschen an Erwachsene, bevor ihre Schilderungen von Gewalt oder sexualisierter Gewalt ernst genommen werden. Manche geben vorher auf. Dann wird Gewalt spät oder gar nicht aufgedeckt, und für die Betroffenen geht sie oft weiter.
Wenn junge Menschen dagegen gelernt haben, dass die eigene Stimme zählt, wenn sie die eigenen Rechte kennen und einfordern können, äußern sie sich oft früher, wenn Grenzen verletzt werden. Wenn Erwachsene ihnen auf Augenhöhe begegnen und sie ernstnehmen, ist schnelles Handeln möglich. Jugendbeteiligung ist kein nettes Extra, sie ist Teil des Schutzes.
Wie setzen die SOS-Kinderdörfer Beteiligung um?
Weltweit ist das keine einfache Aufgabe. Die jungen Menschen in den Programmen der SOS-Kinderdörfer bringen sehr unterschiedliche Bedürfnisse und Erfahrungen mit. Sie haben auch sehr verschiedene Vorstellungen davon, wie Generationen miteinander umgehen. Der Aufruf „Beteiligt Euch mal!" reicht da nicht. Beteiligung muss man ermöglichen, gestalten und immer wieder neu lernen.
Ein Beispiel ist unser weltweites Ombuds-System, das Kindern und Jugendlichen unabhängige Ansprechpartner:innen zur Seite stellt. Es ist bewusst niedrigschwellig: unparteiisch, vertraulich und vor allem informell. Zusätzlich zu anderen Kinderschutz-Maßnahmen und formellen Meldeverfahren schaffen wir damit einen Weg, der Kinder nicht abschreckt, sondern einlädt. Manchmal braucht ein junger Mensch erst einmal jemanden, der zuhört.
Entscheidend ist: Junge Menschen haben dieses System mitgestaltet. Über 1.500 Kinder und Jugendliche aus unseren Programmen weltweit haben uns gesagt, was sie brauchen, um sich anvertrauen zu können. Sie reden bei der Auswahl der Ombudspersonen mit, sie gestalten die Angebote mit und sie bewerten, ob das Ganze funktioniert. Ihre Rückmeldungen zeigen uns Probleme, bevor diese groß werden.
Beteiligung ist auch anstrengend. Sie kostet Zeit und Geduld, und nicht jeder Versuch gelingt. Manchmal fühlt es sich an wie: ein Schritt nach vorne und zwei zurück. Aber keine Beteiligung ist keine Alternative, wenn wir es mit dem Schutz junger Menschen ernst meinen.
Die Perspektive von Kindern und Jugendlichen einzubeziehen, macht uns zu einer besseren Organisation. Gerade unsere Erfahrungen mit autoritären Strukturen zeigen, was passiert, wenn wir das nicht tun.

