10. Juli 2026 |  NEWS

Die Perspektive der Betroffenen ins Zentrum rücken

Lange Zeit galten Betroffene nur als ,Objekte‘ von Aufarbeitung. Sie waren Hinweisgeber:innen oder diejenigen, die durch öffentlichen Druck den Stein ins Rollen brachten. Heute wissen wir: Ihre Perspektive ist kein Extra, sondern der integrale Bestandteil jeder glaubwürdigen Aufarbeitung. Ihre Geschichten zählen, denn nur durch ihren Mut zur Offenheit ist es überhaupt möglich, strukturelle Fehler zu erkennen.

Da zu meinem Arbeitsgebiet die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen gehört, bin ich schon öfter mit Betroffenen in direkten Kontakt getreten. Schon immer ist das die Aufgabe gewesen, vor der ich den größten Respekt hatte.

Im Kontakt mit Betroffenen habe ich die Erfahrung gemacht, dass für sie das Gleiche gilt, wie für alle anderen Menschen: Betroffene sind in ihrem Erleben sehr unterschiedlich. Es gibt Menschen, die ein Leben lang unter einem bestimmten Erlebnis leiden. Immer wieder tauchen dazu dieselben Bilder in ihrem Kopf auf, immer wieder kreisen ihre Gedanken darum. Für manche hat das zeitlebens körperliche und psychische Folgen. Von außen betrachtet haben andere vielleicht länger gelitten oder sind mit gravierenderen Erlebnissen konfrontiert worden - und dennoch sind sie in der Lage, ihr Leben relativ unangefochten davon zu gestalten.

Eines haben jedoch alle gemeinsam: Sie sind nicht nur Betroffene. Ihr Leid und ihr Umgang damit ist verwoben mit ihren individuellen Lebensgeschichten, mit ihren Talenten und spezifischen Eigenschaften. Niemandem von uns steht es zu, ihr Erleben, ihr Leid und ihre Reaktion darauf zu bewerten und zu vergleichen.

Die Perspektive von Betroffenen berührt zutiefst. Ich saß oft in Gesprächen, in denen mir Tränen in den Augen standen, weil ich kaum ertragen konnte, wie einsam und ausgeliefert sich die Menschen gefühlt haben. Ich saß aber auch in Gesprächen, in denen wir gemeinsam gelacht haben. Diese Begegnungen haben mein Verständnis von Anerkennung geprägt. Wahre Anerkennung ist mehr als eine formale Geste oder ein Bescheid. Es bedeutet, die Menschen und ihr Leid ernst zu nehmen.

Daraus ergibt sich für mich zwangsläufig das Thema ,Betroffenenbeteiligung‘. Als deutscher Förderverein der SOS-Kinderdörfer tragen wir eine besondere Verantwortung dafür, bei Projekten, die wir unterstützen, auch die Perspektive von Betroffenen auf Augenhöhe einzubeziehen: Wir lernen aus den Aufarbeitungsberichten, national wie international, und wir tragen dazu bei, dass Betroffene den Mut finden, sich zu melden.

Dies darf kein Punkt auf einer To-do-Liste sein, der irgendwann einfach abgehakt wird. Es ist eine Frage der Haltung. Aufarbeitung und Unterstützung sind nur dann glaubwürdig, wenn sie die Perspektive derer ins Zentrum rücken, um die es geht.

Verantwortung übernehmen – der Kinderschutz-Blog der SOS-Kinderdörfer 

Die SOS-Kinderdörfer stellen sich ihrer Vergangenheit. Wir benennen Fehler, arbeiten Kinderschutzvorfälle auf und drehen an allen Stellschrauben, damit Kinder in unseren Programmen den Schutz erfahren, der ihnen zusteht. Kompromisslos. Damit dies gelingt, braucht es Achtsamkeit, Expertise und fundierte Antworten auf schwierige Fragen: Wie kann ich das Interesse der Öffentlichkeit an Transparenz bedienen – und gleichzeitig die Persönlichkeitsrechte Betroffener schützen? Wie brechen wir mit der Glorifizierung von Gründerpersönlichkeiten? Wo braucht es Kontrolle – und wo besser Schulung und Selbstregulation? Diesen und weiteren Fragen geht Sabina Schutter, Kinderschutz-Expertin und Vorständin der SOS-Kinderdörfer in ihrem Blog nach. Fundiert und oft sehr persönlich.

Dr. Sabina Schutter, Vorständin der SOS-Kinderdörfer, in Interaktion
Dr. Sabina Schutter, Vorständin der SOS-Kinderdörfer weltweit. Foto: Max Baudrexl
Grafik mit der Aufschrift "Licht an!"

Licht an! heißt: genau hinsehen. Hier berichten wir über Kinderschutz bei den SOS-Kinderdörfern, Aufarbeitung und die Wirkung unserer Arbeit. Wir holen ans Licht, wo wir gescheitert sind. Wir beleuchten, wie wir heute handeln – und wir machen sichtbar, wie es weitergeht: Schritt für Schritt, überprüfbar, öffentlich. Dabei geben wir Einblick in unsere Arbeit und zeigen konkrete Ergebnisse.

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