Reisebericht Tschad: "Die Lage ist dramatisch"
Charlotte Boetticher, Koordinatorin für Humanitäre Hilfe bei den SOS-Kinderdörfern, reiste im Februar 2026 zu unseren humanitären Programmen im Osten des Tschad. Im Bericht schildert sie eindrücklich die akute Notlage, den Zusammenhalt der Menschen und unsere Verantwortung, bei der vergessenen Krise hinzusehen und zu helfen.
Ende Februar stand ich am Grenzübergang zum Sudan, im Osten des Tschad. Ich habe mit geflüchteten Kindern, Eltern und Familien aus dem Sudan gesprochen. Viele ihrer Geschichten und Eindrücke begleiten mich bis heute. Besonders die gezeichneten Gesichter der Mütter lassen mich nicht mehr los.
Seit Beginn der Gewalt im Sudan sind Hunderttausende Menschen hierher geflohen, viele aus Darfur. Sie haben Dinge erlebt, die jedes Vorstellungsvermögen sprengen. Angegriffene Dörfer. Willkürliche Gewalt. Menschen, die verschwinden. Flucht über Tage, oft zu Fuß, mit Kindern an der Hand und ohne Gewissheit, ob sie jemals zurückkehren können.
Geschichten, die kaum auszuhalten sind
Ich konnte mit einigen Familien und jungen Männern sprechen. Es sind Geschichten, die kaum auszuhalten sind. Eine Frau erzählte, dass ihre zweijährige Tochter auf der Flucht krank wurde und gestorben ist. Andere wissen nicht, wo ihre Kinder oder Angehörigen sind – geschweige denn, ob sie noch leben. Vielen Frauen ist grausame Gewalt widerfahren, auch massive sexualisierte Gewalt.
Ich erinnere mich an Kinder, die zwischen Zelten spielen, obwohl sie Gewalt erlebt haben, die kein Kind erleben sollte. An Mütter, die versuchen, Halt zu geben, während ihnen selbst der Boden unter den Füßen fehlt.
Es gibt Tausende solcher Geschichten. Viele der Begegnungen erinnern mich daran, wie viel auf dem Spiel steht und wie wichtig es ist, jetzt weiter zu helfen.
Die Lage im Tschad
Im Osten des Tschad sehe ich einen Alltag, der von Unsicherheit, knappen Ressourcen und anhaltenden Krisen geprägt ist. Viele Familien sind erst vor Kurzem aus dem Sudan geflohen, andere leben schon seit Jahren als Geflüchtete hier.
In den Flüchtlingscamps wird deutlich, wie groß die Not ist. Hunderttausende Menschen sind auf engstem Raum untergebracht. Die meisten von ihnen sind Kinder, Jugendliche und Frauen.
In den Flüchtlingscamps wird deutlich, wie groß die Not ist. Hunderttausende Menschen sind auf engstem Raum untergebracht.
Die tschadischen Gemeinden tragen diese Situation seit Langem mit: Laut UNHCR sind seit Beginn der Krise im Sudan über 900 000 Menschen in den Osten des Tschad geflohen. Die Belastung ist spürbar in Schulen, Gesundheitsstationen und vor allem beim Zugang zu Wasser. Über Wasserknappheit spricht hier fast jeder.
Solidarität und Zusammenhalt
Und trotzdem gibt es so viel Zusammenhalt. Geflüchtete Familien nehmen Kinder bei sich auf, die auf der Flucht von ihren Eltern getrennt wurden oder sie verloren haben. Sie teilen, was sie haben, und übernehmen Verantwortung, obwohl ihr eigener Alltag unsicher bleibt.
Die SOS-Kinderdörfer Tschad unterstützen sowohl Geflüchtete als auch aufnehmende Gemeinden. Dazu gehören Schutzangebote, psychosoziale Hilfe, Bildungsangebote, Bargeldhilfen und die Stärkung lokaler Strukturen. Auch Pflegefamilien begleiten wir. Es geht uns darum, bestehende Strukturen weiter zu stärken und in einem Umfeld mit sehr knappen Mitteln so viele Kinder wie möglich zu erreichen.
Ich konnte sehen, mit wie viel Engagement, Mut und Ausdauer unsere Teams hier arbeiten – trotz schwerster Bedingungen. Das verdient Anerkennung und eine Menge Respekt.
Enorme Herausforderungen
Die Camps sind völlig überfüllt. Es fehlt an grundlegender Versorgung. Die finanziellen Kürzungen internationaler Mittel, unter anderem aus den USA, sind überall spürbar. An allen Ecken und Enden fehlen Ressourcen.
Was wir hier sehen, ist kein Randthema. Es ist eine akute humanitäre Krise. Es braucht dringend mehr internationale Unterstützung.
Es ist etwas anderes, darüber zu lesen, als den Menschen direkt zu begegnen. Was bleibt, ist die Verantwortung, genau hinzusehen. Und die Frage: Begreifen wir als internationale Gemeinschaft wirklich, was hier geschieht?