Armut in Indien

Armut in Indien: Zahlen und Fakten zum täglichen Kampf ums Überleben

Zwei Drittel der Menschen in Indien leben in Armut: 68,8 % der indischen Bevölkerung müssen mit weniger als zwei US-Dollar pro Tag auskommen. Über 30 % haben sogar weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag zur Verfügung – sie gelten als extrem arm. Damit zählt der indische Subkontinent zu den ärmsten Ländern der Erde. Am stärksten unter der Armut in Indien leiden Frauen und Kinder, die schwächsten Glieder der indischen Gesellschaft.
Armut in Indien: Frau mit Kind in Kalkutta
Unter der Armut in Indien leiden vor allem Frauen und Kinder: Insgesamt leben 800 Millionen Menschen auf dem Subkontinent in Armut - Foto: Katrin Harms

Indien ist nach China mit ca. 1,2 Milliarden Menschen der bevölkerungsreichste Staat und mit einer Fläche von 3.287.000 km² das siebtgrößte Land der Erde. Das von starken Gegensätzen geprägte Land hatte über Jahre hinweg Wachstumsraten von bis zu 10 %  zu verzeichnen und zählt mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 1644 Milliarden US-Dollar zu den größten Volkswirtschaften der Welt. Doch nur ein kleiner Anteil der indischen Bevölkerung profitierte bisher von diesem beeindruckenden wirtschaftlichen Boom, denn der Großteil der Menschen in Indien lebt nach wie vor in bitterer Armut.

Armut in Indien: vom Dorf in den Slum

Mehr als 800 Millionen Menschen gelten in Indien als arm. Die meisten von ihnen leben auf dem Land und halten sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Der Mangel an existenzsichernden Arbeitsplätzen in ländlichen Gebieten treibt viele Inder in die rasant wachsenden Metropolregionen wie Bombay, Delhi, Bangalore oder Kalkutta. Dort erwartet die meisten von ihnen ein von Armut und Verzweiflung geprägtes Leben in den aus Millionen von Wellblechhütten bestehenden Mega-Slums, ohne ausreichende Trinkwasserversorgung, ohne Müllabfuhr und in vielen Fällen auch ohne Elektrizität. Die schlechten Hygienebedingungen sind Ursache für Krankheiten wie Cholera, Typhus und Ruhr, an denen vor allem Kinder leiden und sterben.

Die hohe Kindersterblichkeit

1,4 Millionen Kinder sterben in Indien jedes Jahr vor ihrem fünften Geburtstag. Neben Nigeria, Pakistan, der Demokratischen Republik Kongo und China zählt Indien damit zu den Ländern mit der höchsten Kindersterblichkeit überhaupt. Krankheiten wie Lungenentzündungen, Malaria und Durchfallerkrankungen sowie die chronische Unter- bzw. Mangelernährung gelten als häufigste Todesursachen.

Unterernährung – nicht mal eine Schüssel Reis am Tag

Frau mit Kind im indischen Chinnakalapet
In Indien leben weltweit die meisten unterernährten Kinder - Foto: Ranjid Kumar

Auch bei der Unterernährung besetzt Indien einen der traurigen Spitzenplätze: Mehr als 200 Millionen Menschen sind nicht ausreichend versorgt, davon 61 Millionen Kinder. Bei 7,8 Millionen Säuglingen wird schon bei der Geburt ein zu geringes Gewicht unter 2500 Gramm festgestellt – erschreckende Zahlen für ein Land, das gemeinhin als Schwellenland bezeichnet wird.

Kinderarbeit – keine Zeit zum Spielen und Lernen

Obwohl Kinderarbeit für unter 14-Jährige in Indien per Gesetz verboten ist, arbeiten nach offiziellen Angaben 12,5 Millionen Kinder im Alter von 5 bis 14 Jahren. Hilfsorganisationen gehen davon aus, dass es in Wirklichkeit noch viel mehr sind: 65 Millionen Kinder zwischen 6 und 14 Jahren gehen nicht zur Schule. Es wird angenommen, dass sie stattdessen zum Lebensunterhalt ihrer Familien beitragen. Um ihr eigenes und das Überleben ihrer Angehörigen zu sichern, arbeiten indische Kinder auf dem Feld, in Fabriken, in Steinbrüchen, in privaten Haushalten und in der Prostitution, anstatt in die Schule zu gehen.

Bildungsmangel – ohne Bildung keine Chancen

Nach Angaben der UNICEF haben rund 25 % der Kinder in Indien keinen Zugang zu Bildung. Dabei liegt die Anzahl der vom Schulbesuch ausgeschlossenen Kinder bei den Mädchen höher als bei den Jungen. Obwohl Frauen und Männer nach dem indischen Gesetz gleichgestellt sind, gelten Mädchen und Frauen vor allem in den unteren sozialen Kasten als minderwertig und werden von ihren Vätern, Brüdern und Ehemännern unterdrückt. Ohne Bildung ist die Chance auf eine existenzsichernde Arbeitsstelle praktisch aussichtslos, das Leben in Armut in Indien programmiert.

Kinderehen – das frühzeitige Ende der Kindheit

Die seit dem Jahr 2006 verbotene Verheiratung Minderjähriger ist in vielen Regionen Indiens noch weit verbreitet. Leittragende dieser Praxis sind vor allem junge Mädchen, die selbst noch Kinder sind und zu früh Mütter werden. Viele von ihnen sterben bei der Geburt. Nach einer Untersuchung der medizinischen Zeitschrift "The Lancet" werden in Indien noch immer 44,5 % der Mädchen verheiratet, bevor sie volljährig sind.

Armut und die Hoffnung auf ein besseres Leben für ihre Töchter – das geben viele Eltern als Gründe für die viel zu frühe Heirat an.

HIV/AIDS – ein Tabu in der indischen Gesellschaft

2,7 Millionen Inder sind mit dem HI-Virus infiziert; ca. 220.000 davon sind Kinder, Tendenz: steigend. Die fehlende Aufklärung und der Mangel an Kondomen führen dazu, dass sich das Virus immer schneller ausbreitet und mehr und mehr Menschen an AIDS sterben – vor allem in den Elendsvierteln der täglich wachsenden Großstädte. Dort leben immer mehr Kinder als sogenannte Aids-Waisen, oft selbst mit dem Virus infiziert.

SOS-Kinderdörfer – Kampf gegen die Armut in Indien

Hilfe zur Selbsthilfe: Diese Frau und ihr Kind wird durch die Familienhilfe der SOS-Kinderdörfer in Indien unterstützt - Foto: Kathrin Harms
Hilfe zur Selbsthilfe: Diese Frau und ihr Kind werden durch die Familienhilfe der SOS-Kinderdörfer in Indien unterstützt - Foto: Kathrin Harms

Seit 1963 engagieren sich die SOS-Kinderdörfer in Indien. In insgesamt 41 quer über das riesige Land verteilten SOS-Kinderdörfern finden etwa 18.000 Kinder und Jugendliche ein neues Zuhause – ein Großteil von ihnen sind Mädchen. Zugang zu Bildung erhalten knapp 5.000 Mädchen und Jungen an den 16 SOS-Hermann-Gmeiner-Schulen des indischen Subkontinents. In den neun SOS-Berufsbildungszentren absolvieren über 1.300 Jugendliche eine qualifizierte Berufsausbildung. Medizinische und psychologische Hilfe finden notleidende Familien in den 34 SOS-Sozialzentren sowie den zwei medizinischen SOS-Zentren. Die SOS-Kinderdörfer kämpfen gemeinsam mit anderen Hilfsorganisationen und der Bevölkerung gegen die Armut in Indien.