Aus der Geschichte lernen, um Kinder heute zu schützen
Wer Kinder heute schützen will, muss verstehen, was Missbrauch in der Vergangenheit möglich gemacht hat. Ein Beitrag von Vorständin Prof. Dr. Sabina Schutter über eine unabhängige wissenschaftliche Studie zu Macht und Verantwortung in unserer Organisation.
Über Jahrzehnte wurde die Gründerfigur von SOS-Kinderdorf über jede Kritik gestellt. Heute wissen wir von schweren Missbrauchsfällen durch Hermann Gmeiner. Was Betroffene erlitten haben, ist durch nichts zu rechtfertigen.
Im September habe ich hier über eine Kultur des Hinsehens geschrieben. Sie gilt auch für den Blick zurück. Die bisherigen Aufarbeitungsberichte haben Fälle von Gewalt und Missbrauch an Kindern dokumentiert. Sie zeigen: Einzelne Taten erklären nicht alles. Missbrauch geschieht in einem Umfeld, das wegsieht oder deckt.
Sie zeigen auch, dass es Mitwissende gab. Offen ist: Wie haben Täter:innen und Mitwissende zusammengewirkt? Und was bedeuten diese Verflechtungen bis heute für unsere Organisation?
Genau das soll eine unabhängige wissenschaftliche Studie klären. Wir geben sie gemeinsam mit SOS-Kinderdorf Österreich und in Zusammenarbeit mit SOS-Kinderdorf International in Auftrag. Hermann Gmeiner und sein langjähriger Nachfolger haben in beiden Vereinen gewirkt und sie haben die ganze Organisation geprägt. Deshalb gehen wir diesen Weg gemeinsam. Die Studie ist Teil unseres Maßnahmenplans Kinderschutz & Compliance.
Warum international und wissenschaftlich
Macht wirkte in unserer Organisation nicht nur vor Ort. Sie wirkte über Regional- und Kontinentalbüros und über Ländergrenzen hinweg. Wer diese Strukturen verstehen will, darf an keiner Grenze aufhören. Deshalb schaut die Studie über Deutschland und Österreich hinaus, auch auf Länder, die bisher kaum untersucht wurden. Sie untersucht Macht- und Abhängigkeitsstrukturen und die Rolle beider Führungsfiguren. Und sie fragt, wie das Bild des Gründers die Organisation geprägt hat.
Das braucht Zeit und Sorgfalt. Schnelle Antworten helfen niemandem, am wenigsten den Betroffenen. Die Studie ist auf 24 Monate angelegt und muss höchsten wissenschaftlichen Standards genügen. Das Forschungsteam erhält dabei Zugang zu unseren Archiven und Akten sowie Unterstützung bei der Suche nach Zeitzeug:innen.
Unabhängig und überprüfbar
Eine internationale wissenschaftliche Jury wählt das Forschungsteam aus. Ein unabhängiger Beirat begleitet die Arbeit. Ihm gehören auch Careleaver an, also Menschen, die selbst in der Kinder- und Jugendhilfe aufgewachsen sind. Die Ergebnisse werden veröffentlicht. Ab dem 1. November können sich Forschungsteams bewerben.
Mir ist klar: Diese Studie kann unbequeme Antworten bringen. Wir nehmen nichts vorweg. Aber das ist keine Frage der Vergangenheit. Nur wer versteht, warum Schutz versagt hat, kann Kinder heute wirksam schützen. Kinderschutz ist kein Zustand. Er muss jeden Tag gelebt werden.
Die Perspektive der Betroffenen steht für uns im Mittelpunkt. Wer betroffen ist oder Hinweise hat, kann sich an uns wenden, auch anonym.

