gelbe Grafik mit Aufschrift "Kinderschutz-Blog" und "Licht an!"
12. Oktober 2026 |  NEWS

Was in Syrien geschah – und warum ich an der Aufklärung festhalte

Unter dem Assad-Regime wurden in Syrien zeitweise Kinder auf Anweisung der syrischen Sicherheitsbehörde in Einrichtungen der SOS-Kinderdörfer untergebracht, die ihren Familien weggenommen worden waren. In ihrem Kinderschutz-Blog beschreibt Vorständin Dr. Sabina Schutter, was geschehen ist, warum die Aufklärung verzögert wurde und weshalb die SOS-Kinderdörfer weltweit an der Föderation festhalten.

Kinderschutz zeigt sich nicht nur dort, wo er gelingt, sondern auch daran, wie eine Organisation mit ihrem Versagen umgeht. Der Fall in Syrien ist so ein Fall. Darüber berichten wir seit längerem auf unserer Webseite.

Was geschehen ist 

Unter dem Assad-Regime wurden Kinder, auf Anweisung der syrischen Sicherheitsbehörden, für einen gewissen Zeitraum in Einrichtungen der SOS-Kinderdörfer in Syrien untergebracht. Viele dieser Kinder hatten Eltern. Die Familien wussten oft nicht, wo ihre Kinder waren. Eine Kinderschutzorganisation hat Kinder aufgenommen, die von ihren Familien getrennt worden waren. Das widerspricht allem, wofür wir stehen. 

Als ich die Unterlagen zum ersten Mal gelesen habe, hat mich eines besonders beschäftigt: Es gab Menschen, die Bescheid wussten. Auch bei den SOS-Kinderdörfern weltweit. Gehandelt wurde nicht auf allen Ebenen schnell und entschlossen genug. Daran gibt es nichts zu beschönigen. 

Ich verurteile, was in Syrien geschehen ist. Dass Einrichtungen, die wir mit Spenden aus Deutschland unterstützt haben, Kinder unter diesen Umständen aufgenommen haben, macht mich sehr betroffen. Mein Mitgefühl gilt den Kindern und ihren Familien. 

Warum die Aufklärung so lange dauert 

Ich werde oft gefragt, warum die Aufklärung so lange dauert. Die ehrliche Antwort hat zwei Teile. 

Der erste: Gründliche Aufklärung braucht Zeit. Die Independent Special Commission (ISC) hat ab 2021 im Auftrag der Föderation zwei Jahre lang Vorwürfe zum Kinderschutz untersucht, auch zu Syrien. Im Juni 2023 hat sie ihre Ergebnisse veröffentlicht. Wir haben sie mit externer rechtlicher Beratung ausgewertet. Für uns blieben wesentliche Fragen offen. Deshalb haben wir im Mai 2024 eine eigene Untersuchung beauftragt. Das Untersuchungsteam AFIT besteht aus Mitgliedern der früheren ISC und es soll klären, was geschah, wer davon wusste und wer Verantwortung trägt, auch bei uns. 

Der zweite Teil ist unbequemer. Die Untersuchung wurde unterbrochen, da der damalige Vorstand sie Ende 2025 vorzeitig beendet hat. Eine vollständige Aufarbeitung konnte deshalb bislang nicht erfolgen. 

Als neuer Vorstand haben wir entschieden, die Untersuchung wieder aufzunehmen. Für mich war das eine der ersten und wichtigsten Entscheidungen in meinem neuen Amt. Ein abgebrochener Auftrag lässt sich aber nicht einfach dort fortsetzen, wo er aufgehört hat. Das kostet Zeit, mehr Zeit, als mir lieb ist. Die Untersuchung wird fortgesetzt und zu Ende geführt. 

Bisher gibt es keinen Abschlussbericht, nur Zwischenberichte. Eine Zusammenfassung des zweiten Zwischenberichts hatte der damalige Vorstand ohne Abstimmung mit dem Untersuchungsteam auf unserer Website veröffentlicht. Das Team hat widersprochen, weil sie den Stand der Untersuchung unzutreffend wiedergab. Auf seine Aufforderung hin haben wir sie von der Website genommen. Ich verstehe, dass das Fragen aufwirft. Wenn die Untersuchung abgeschlossen ist, werden wir über die Ergebnisse informieren. Dabei müssen wir die Betroffenen, die Hinweisgebenden und die Persönlichkeitsrechte aller Beteiligten schützen. Alles, was wir veröffentlichen, stimmen wir deshalb vorher mit dem Untersuchungsteam ab.  

Die dabei gewonnen Erkenntnisse werden unter Einbindung externer Expertise umfassend rechtlich geprüft; hierzu stimmen wir uns fortlaufend mit den zuständigen Strafverfolgungsbehörden ab. 

Was wir den Familien schulden 

Am meisten beschäftigen mich die Familien. Sie haben ein Recht darauf, dass wir nicht nur aufklären, sondern ihr Leid auch anerkennen. Ich halte Anerkennungsleistungen für dringend notwendig. Unsere Bereitschaft dazu stand nie infrage. 

Diese Leistungen müssen aber die Menschen erreichen, die tatsächlich betroffen sind. Dafür brauchen wir die Ergebnisse der Untersuchung. Dass sie abgebrochen wurde, hat auch das verzögert. Ich finde es schwer auszuhalten, dass die Familien darauf warten müssen. Wir werden nicht lockerlassen. 

Warum ich an der Föderation festhalte 

Man kann aus Syrien den Schluss ziehen, dass eine internationale Föderation zu groß und zu weit weg ist, um Kinder zu schützen. Ich verstehe diesen Gedanken. Ich ziehe trotzdem den gegenteiligen Schluss. 

Die SOS-Kinderdörfer sind in jedem Land eigenständige Organisationen nach dem jeweiligen nationalen Recht, auch in Syrien. Gerade deshalb brauchen wir verbindliche gemeinsame Regeln. Kein Mitgliedsverein kann allein weltweit Kinderschutzstandards setzen und durchsetzen. Syrien zeigt für mich nicht, dass wir weniger Gemeinsamkeit brauchen, sondern stärkere gemeinsame Regeln und mehr Kontrolle. 

Daran arbeitet die Föderation: neue Führung, schlanke Strukturen, mehr demokratische Mitbestimmung, erneuerte Statuten, ein stärkerer Kinderschutz. Vieles ist umgesetzt, anderes noch nicht. Diese Reformen tragen wir mit, und für uns sind sie nicht verhandelbar. 

Ein Austritt würde keinem Kind in Syrien helfen. 

Verantwortung übernehmen heißt für mich: aufklären, auch wenn es uns selbst betrifft. Konsequenzen ziehen. Und dableiben, wo Kinder uns brauchen. 

Verantwortung übernehmen – der Kinderschutz-Blog der SOS-Kinderdörfer 

Die SOS-Kinderdörfer stellen sich ihrer Vergangenheit. Wir benennen Fehler, arbeiten Kinderschutzvorfälle auf und drehen an allen Stellschrauben, damit Kinder in unseren Programmen den Schutz erfahren, der ihnen zusteht. Kompromisslos. Damit dies gelingt, braucht es Achtsamkeit, Expertise und fundierte Antworten auf schwierige Fragen: Wie kann ich das Interesse der Öffentlichkeit an Transparenz bedienen – und gleichzeitig die Persönlichkeitsrechte Betroffener schützen? Wie brechen wir mit der Glorifizierung von Gründerpersönlichkeiten? Wo braucht es Kontrolle – und wo besser Schulung und Selbstregulation? Diesen und weiteren Fragen geht Sabina Schutter, Kinderschutz-Expertin und Vorständin der SOS-Kinderdörfer in ihrem Blog nach. Fundiert und oft sehr persönlich.

Dr. Sabina Schutter, Vorständin der SOS-Kinderdörfer, in Interaktion
Dr. Sabina Schutter, Vorständin der SOS-Kinderdörfer weltweit. Foto: Max Baudrexl
Grafik mit der Aufschrift "Licht an!"

Licht an! heißt: genau hinsehen. Hier berichten wir über Kinderschutz bei den SOS-Kinderdörfern, Aufarbeitung und die Wirkung unserer Arbeit. Wir holen ans Licht, wo wir gescheitert sind. Wir beleuchten, wie wir heute handeln – und wir machen sichtbar, wie es weitergeht: Schritt für Schritt, überprüfbar, öffentlich. Dabei geben wir Einblick in unsere Arbeit und zeigen konkrete Ergebnisse.

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