17. Juni 2024 | NEWS

Gehen wichtige Hinweise auf Kindeswohlgefährdung verloren?

Jugendämter: Neue Studie deckt Mängel bei Meldewegen, Digitalisierung und Personalausstattung auf

Nur ein Drittel der deutschen Jugendämter ist in der Lage, alle eingehenden Meldungen auf mögliche Kindeswohlgefährdungen aufzunehmen und zügig zu bearbeiten. Dies ist das erschreckende Ergebnis der Studie „Licht ins Dunkel bringen“, die die SOS-Kinderdörfer weltweit und Transparency International Deutschland gemeinsam durchgeführt haben. Zwei von drei der befragten Behörden geben an, aus Personalmangel häufig nicht adäquat reagieren zu können.

SOS-Kinderdorf Santa Cruz Foto: Mijhail Calle-Monica Garcia

"Die Tatsache, dass Kinder aufgrund von Personalmangel gefährdet sind, weil nicht rechtzeitig gehandelt werden kann, erscheint mir in einem Land wie Deutschland völlig unverständlich. Ebenso unverständlich ist für mich, dass das Whistleblowing in der Wirtschaft weiter fortgeschritten ist als im Bereich des Kinderschutzes in Deutschland", so Lanna Idriss, Vorständin der SOS-Kinderdörfer weltweit.

"Licht ins Dunkel bringen" ist die erste deutschlandweite Studie überhaupt, die der Frage nachgeht, welche Bedeutung das sogenannte "Whistleblowing", also das Hinweisen auf verborgene Missstände, für den Kindesschutz hat. Studienleiter Sebastian Oelrich sagt: "Während das ‚Whistleblowing‘ in der Wirtschaft oder in Behörden bereits vielfach untersucht wurde, ist dies im Bereich des Kinderschutzes ein großes Dunkelfeld. Unsere Studie bringt wichtige Erkenntnisse zutage, die klar zeigen, wo Politik und Jugendämter ansetzen müssen."

Im Rahmen der Studie wurden drei Erhebungen durchgeführt. So wurden die Internetauftritte einer repräsentativen Auswahl von Jugendämtern untersucht, Mitarbeitende mit Fragebögen befragt sowie Interviews mit Verantwortlichen durchgeführt.

Weitere Ergebnisse:

  • Obwohl in den Ämtern Einigkeit darüber herrscht, dass Whistleblower eine wichtige Rolle bei der Aufdeckung von Kindeswohlgefährdung spielen, weist nur gut die Hälfte der Behörden online auf Meldewege hin. Sebastian Oelrich sagt: "Hier fehlt es an klarer Kommunikation. Man darf nicht vergessen, dass es vielen Menschen extrem schwerfällt, Vernachlässigung von Kindern oder häusliche Gewalt bei den Nachbarn zu melden. Die Behörden müssen es den Hinweisgebenden so einfach wie möglich machen. Ohne Hinweise bleiben Fälle unentdeckt und Hilfen für Kinder und Familien können nicht ankommen."
  • Zu einer transparenten Kommunikation gehört auch, dass Hinweisgebende darüber informiert werden, wie mit ihrer Meldung umgegangen wird. Jedes dritte befragte Jugendamt nennt anonyme Meldungen als häufige oder sehr häufige Hinweisquelle, dennoch weist nur jede fünfte Behörde explizit auf diese Möglichkeit hin. Weiter bieten nur etwa 10 % der Ämter Informationen in leichter Sprache an, was insbesondere Kindern und Jugendlichen sowie Menschen mit Zuwanderungsgeschichte den Zugang erschwert.
  • Nur ein Drittel der befragten Behörden nennt eine konkrete Ansprechperson, an die sich Hinweisgebende wenden können. Ebenfalls Nachholbedarf sieht die Studie bei der Aufklärung über Begriffe wie "Kindeswohlgefährdung" oder "Kindesmissbrauch". Nicht einmal die Hälfte aller Jugendämter (41,4 %) erklärt konkret, was damit gemeint ist und welches Verhalten gemeldet werden soll. In Bezug auf sexuellen Missbrauch informiert sogar nur jedes vierte Amt. "Laien sind sich oft unsicher, ob ihre Beobachtungen überhaupt als problematisch einzuschätzen sind. Für sie sind solche Erklärungen dringend notwendig", sagt Sebastian Oelrich.
  • Gerade mal jeder 20. der befragten Mitarbeitenden hat das Gefühl, dass seine Arbeit von der Bevölkerung anerkannt wird und Zuspruch erhält. Die Interviewten sind der Meinung, dass sich dies auch negativ auf die Personalsituation auswirkt. "Wenn Menschen ein kritisches Bild von den Behörden haben, hat das natürlich auch Einfluss darauf, ob sie Vorfälle melden. Wir müssen das gemeinsam ändern", sagt Lanna Idriss.
  • Die wahrgenommene Qualität in der Einschätzung von Fällen und Bearbeitung durch „Insoweit erfahrene Fachkräfte“ innerhalb der Jugendämter und anderen Einrichtungen variiert stark. Der Gesetzgeber muss an deren Qualifikation nachbessern: "Es kann nicht sein, dass sich beispielsweise Kindergärten allein auf Beratungen von Personen berufen können, die wenig praktische Erfahrung mit Kindeswohlgefährdung haben", so Sebastian Oelrich.

SOS-Kinderdörfer und Transparency International fordern unter anderem bessere rechtliche Regelungen zu der Melde- und Kommunikationswegen, eine Verbesserung der Kommunikationskultur, eine Aufstockung der Ressourcen sowie Aufklärungs- und Sensibilisierungsaktionen für die Bevölkerung. Es müsse alles dafür getan werden, dass potenzielle Gefährdungs- und Missbrauchsfälle unkompliziert gemeldet sowie auch anonym, zeitnah und professionell bearbeitet werden können.

Auf den Webseiten der SOS-Kinderdörfer sowie von Transparency International Deutschland können Sie die Studie herunterladen.


Methodik

Das Projekt gliedert sich in drei Teilstudien:

  1. Offen zugängliche Informationen: Der Fokus lag hierbei auf der Erhebung des Status Quo der Informationen zu Meldungen zur Kindeswohlgefährdung und der Ausgestaltung der Meldewege, wie sie für potenziell meldende Personen wahrnehmbar sind, d.h. eine Außenperspektive der Wahrnehmung von Meldenden. Die Datengrundlage bilden 140 Jugendämter als (repräsentative) zufallsgenerierte Auswahl unter allen Jugendämtern in Deutschland. Diese bilden knapp 25 % aller Jugendämter ab. Um auch Aussagen auf Landesebene treffen zu können, wurden aus jedem Bundesland mindestens sechs (wenn vorhanden) Jugendämter in die Stichprobe aufgenommen.
  2. Befragung: In dieser Befragung ging es uns um die Selbstwahrnehmung der Relevanz und des Inhalts von Meldungen und der Ausgestaltung von Meldewegen und Folgemaßnahmen in der Kindeswohlgefährdung. Die Datengrundlage bildet eine quantitative Befragung mit größtenteils geschlossenen Fragen unter allen Jugendämtern und zugehörigen Einheiten, insbesondere Allgemeine Soziale Dienste (ASDs). Wir haben die öffentlich zugänglichen E-Mail-Adressen von den Internetseiten aller Einrichtungen genutzt, um unsere Befragung per E-Mail zu verschicken. Zusätzlich haben wir allen Einrichtungen dieselbe Umfrage per Brief mit frankierter Rückantwort geschickt sowie mit einem QR-Code, um die Umfrage auch online ausfüllen zu können. Insgesamt haben wir nach Ausschluss leerer Fragebögen 199 digitale Fragebögen und 39 händisch ausgefüllte Fragebögen zurückerhalten.
  3. Interviews: Zusätzliche qualitative Interviews helfen, einen tieferen Einblick in die Arbeit und Fragestellung zu erhalten. Wir haben 21 Interviews mit durchschnittlich 56 Minuten Länge geführt. Ziel war es, die quantitativen Ergebnisse mit Eindrücken und Erklärungen besser in einen wahrheitsgetreuen Kontext zu setzen. Einzelne Interview-"Quotes" werden im Zuge des Berichts genutzt, um die Daten besser begreifbar zu machen und in den korrekten Kontext zu setzen.

 

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